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Appener Gespräche : Bittere Wahrheit – ungeschminkt

vom
Aus der Redaktion der Uetersener Nachrichten

Im gemeinsamen Unteroffizier-/Offizierheim war es sommerlich warm. „Es wird noch heißer“, versprach Oberst Klaus-Christian Kuhle am Dienstagabend. Eingeladen worden war zu den „Appener Gesprächen“. Referent war der Journalist, Buchautor und Reserveoffizier Marco Seliger. Seliger stellte sein Buch „Sterben für Kabul“ vor und berichtete ungeschminkt und brutal-ehrlich vom Leben und Sterben der deutschen Soldaten in Mazar-e Sharif. Rund 200 Gäste verfolgten die gut 90-minütige Lesung des Chefredakteurs des sicherheitspolitischen Magazins „loyal“.

shz.de von
erstellt am 31.Jul.2013 | 21:08 Uhr

Es war schwere Kost, die Seliger seinem Publikum vorsetzte. Der Referent war mehrfach selbst in Afghanistan, sprach dabei mit Soldaten sowie militärischen und politischen Vorgesetzten. Seliger berichtete von Begegnungen mit Soldaten nur wenige Wochen vor ihrem Tod.

Mit seinem Buch „Sterben für Kabul - Aufzeichnungen über einen verdrängten Krieg“, erschienen im Verlag E.S. Mittler & Sohn, Hamburg, will Seliger (Jahrgang 1972) aufrütteln. Er will den Deutschen, ihren politischen Vertretern und der Militärelite auf eindringliche Weise aufzeigen, was dieser Bundeswehr-Einsatz für die Soldaten in der Realität bedeutet, warum und wie Soldaten in diesem Krieg sterben. Sehr plastisch erläutert Seliger in seinem Buch die Todesstunden der in Hinterhalte geratenen Soldaten, berichtet von schwersttraumatisierten Bundeswehrangehörigen und davon, dass Deutschland zunächst auf solche Ereignisse auch hinsichtlich der Versorgung der Hinterbliebenen nicht vorbereitet war.

Als der Einsatz 2001 befohlen worden sei, als Verteidigungsminister Peter Struck damals definierte, dass deutsche Interessen ab sofort auch am Hindukusch verteidigt werden, sei es nach offizieller Lesart gewesen.

Von einem Krieg wollte niemand etwas wissen. So sei auch die Ausrüstung dementsprechend gewesen - mies. Ungepanzerte Fahrzeuge, zu wenig Munition. . . Mehr als 50 deutsche Soldaten haben in Afghanistan bereits ihr Leben gelassen. Doch in der Heimat kümmere das wenige: Warum sind sie denn überhaupt da, die sind doch selbst Schuld, müssen sie doch nicht. . . Genau diese Ignoranz, dieses fatale Unwissen, ärgert Seliger. Die meisten Menschen wüssten, dass die Bundeswehr mit Soldaten in Afghanistan steht und lehnten dies den einschlägigen Umfragen der vergangenen Jahre zufolge ab. Eine realistische Vorstellung davon, was die Soldaten in einem Krieg machten, was sie erlebten und erleiden würden, hätten, so Seliger, die Leute hingegen nicht. Das sollten sie jedoch wissen. „Wir leben schließlich in einer Demokratie, in der die politischen Vertreter, die über den Einsatz der Bundeswehr entscheiden, vom Volk gewählt werden. Die Politiker haben die Soldaten in unser aller Namen nach Afghanistan geschickt. Wir, die Bevölkerung, können nicht so tun, als ging uns das alles nichts an. Das ist seelenlos und undemokratisch“, fasst Seliger in einem Interview zu seinem Buch zusammen. Die Bundeswehr sei es, die für die deutschen Interessen seit inzwischen zwölf Jahren den Kopf hinhalte und sich nun frage: Warum das Ganze? 2014 sollen die Soldaten abgezogen werden.

Mission erfüllt? Afghanistan werde wieder in die alten, chaotischen Strukturen zurückfallen, so Seliger. Sein Fazit: Wir kapitulieren vor den afghanischen Verhältnissen. Der Tod unserer Soldaten war daher sinnlos.

Man habe die Chance gehabt, Afghanistan erhobenen Hauptes zu verlassen, als nämlich 2004 die islamische Republik Afghanistan mit einem präsidialen Regierungssystem gegründet worden sei. Doch diese Chance sei vertan worden, so Seliger. Zwei Fernsehtipps gab es zum Abschluss. Die Dokumentation „Eine mörderische Entscheidung“ beschreibt den Luftangriff, am 4. September 2009 von Oberst Georg bei Kunduz (heute Brigadegeneral) befohlen.

Ziel damals war es, zwei von den Taliban entführte Tanklaster zu vernichten und die umstehenden Personen zu töten. Bei dem Bombardement wurden nach Angaben der Bundeswehr 91 Menschen getötet und elf verletzt.

Auf Arte ist der Film am 30. August um 20.15 Uhr zu sehen, die ARD zeigt ihn am 4. September, ebenfalls von 20.15 Uhr an. Marco Seliger war Berater bei der Produktion.

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