Kämpferin gegen das Vergessen : Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano liest vor 400 Schülern in Uetersen

Die Überlebende des KZ Auschwitz, Esther Bejarano, war zu Gast in Uetersen. In der Mensa des Ludwig-Meyn-Gymnasiums las sie aus ihrer Publikation und trug sich in das Goldene Buch der Stadt ein.
Die Überlebende des KZ Auschwitz, Esther Bejarano, war zu Gast in Uetersen. In der Mensa des Ludwig-Meyn-Gymnasiums las sie aus ihrer Publikation und trug sich in das Goldene Buch der Stadt ein.

Die 94-Jährige kam auf Einladung von Bürgermeisterin Andrea Hansen. Eintrag in das Goldene Buch der Stadt.

shz.de von
30. Mai 2018, 14:30 Uhr

Uetersen | Auf Einladung von Bürgermeisterin Andrea Hansen hielt sich am Dienstag Esther Bejarano, geborene Loewy, zu einem Besuch in der Rosenstadt auf. Die 94-Jährige, 1924 in Saarlouis als Tochter eines Oberkantors verschiedener jüdischer Gemeinden zur Welt gekommen, wurde 1941 im Zwangsarbeitslager Neuendorf bei Fürstenwalde/Spree interniert und am 20. April 1943 mit allen anderen Insassen des Arbeitslagers und weiteren mehr als 1000 jüdischen Menschen nach Auschwitz deportiert.

Sie überlebte das Vernichtungslager als Musikerin im weiblichen Häftlingsorchester, dem sogenannten „Mädchenorchester von Auschwitz“. Eine weitere Station auf ihrem Leidensweg war Ravensbrück. Auf einem der folgenden Todesmärsche konnte sie fliehen. In den 1960er Jahren eröffnete ihr Ehemann Nassim eine Diskothek in Uetersen, doch kehrten sie der Stadt nach etwa einem Jahr wieder den Rücken. Bejarano spricht in diesem Zusammenhang von antisemitischen und bedrohlichen Vorfällen, die ihre Existenz bedroht hätten.

Anne-Will-Sendung gab den Ausschlag

Diese Verbindung zu der Rosenstadt veranlasste Hansen, die alte Dame einzuladen. „Ich hatte die Anne-Will-Sendung mit Esther Bejarano im TV gesehen und dachte mir, dass dies ein Thema ist, an das wir anknüpfen sollten“, erklärte Hansen gegenüber unserer Zeitung. „Auch das ist Uetersen.“ An der Veranstaltung mit Bejarano in der Mensa der Stadt nahmen etwa 400 Schülern der Rosenstadtschule und des Ludwig-Meyn-Gymnasiums teil. Höhepunkt bildete die Lesung Bejaranos aus ihrem Buch „Erinnerungen – Vom Mädchenorchester in Auschwitz zur Rap-Band gegen rechts“ sowie die Eintragung in das Goldene Buch der Stadt Uetersen.

„Wir wollen nicht vergessen und verdrängen, sondern uns mit der Geschichte auseinandersetzen, damit sich so etwas wie während der Zeit des Nationalsozialismus nie mehr wiederholt“, stellte Hansen fest. Bejarano berichtet in ihrem Buch von den Konzentrationslagern Auschwitz und Ravensbrück, von ihrer Zeit als Akkordeonistin im Mädchenorchester, von ihrer Flucht auf einem der Todesmärsche und ihrer Befreiung. Zudem lässt sie darin den Neuanfang in Israel wieder aufleben, wo sie ihren Mann kennenlernte, eine Familie gründete, unter schwierigen Bedingungen eine Ausbildung zur Sängerin machte. Und sie schreibt darin über die Rückkehr nach Deutschland und darüber, wie langsam sie ankam im Land der Täter. Es war ein langer Weg, bis sie wieder Vertrauen schöpfte und Freundschaften schloss. Das Hauptkapitel aber spielt in Auschwitz. Es schildert detailliert das Lagerleben in all seinen Facetten, Grausamkeiten und menschlichen Tragödien, deren Zeuge sie wurde.

Schüler stellen Fragen

Nach der Lesung nutzten viele Schüler die Gelegenheit, sich mit Fragen an den Gast zu wenden. So wollte beispielsweise ein Schüler wissen, wann sie, Bejarano, festgestellt habe, dass die Juden im Dritten Reich ausgegrenzt würden. Ihre Antwort: „Als die jüdischen Kinder nicht mehr in christlichen Schulen lernen durften.“ Die Frage nach möglichen physischen und psychischen Folgeschäden der KZ-Internierung verneinte sie: Das sei glücklicherweise nicht der Fall.

Natürlich wurde die 94-Jährige auch auf die gegenwärtige politische Situation und das Erstarken der rechtsradikalen AfD angesprochen, die sie für eine gefährliche Partei hält. Sie gab den jungen Menschen in der Mensa die Bitte mit auf den Weg, wachsam zu sein und gegen rechtsradikales Gedankengut vorzugehen. Bejarano verließ Uetersen mit einem wesentlich besseren Gefühl als in den 1960er Jahren.

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