St. Michaelisdonn : Tote Seeadlerfamilie: Sie schluckten Köder mit verbotenem Gift

Qualvoll verendet: Das vergiftete Seeadlermännchen in St. Michaelisdonn.
Qualvoll verendet: Das vergiftete Seeadlermännchen in St. Michaelisdonn.

Die Todesursache der vergifteten Seeadlerfamilie aus Dithmarschen steht fest. Die Mutter und die beiden Küken starben an Mevinphos.

shz.de von
07. Juli 2015, 16:08 Uhr

Sankt Michaelisdonn | Sie waren das letzte verbliebene Brutpaar der Saison in Dithmarschen: Das getötete Seeadlerpaar und seine beiden fast flüggen Jungtiere sind Opfer einer Vergiftung geworden – das hat eine Untersuchung der Tierleichen ergeben. Die Vögel wurden Ende Juni in St. Michaelisdonn gefunden. Schnell kam der Verdacht auf, dass die Vögel mit Giftködern getötet wurden. Das ist jetzt traurige Gewissheit: Das Weibchen und die beiden Küken starben durch das Insektizid Mevinphos. Der Verdacht, dass auch das Männchen daran verendete, muss noch bestätigt werden.

Mit einer Größe von etwa 70 bis 95 Zentimetern, einer Flügelspannweite von bis zu 2,50 Metern und einem Gewicht von bis zu sieben Kilogramm, gehört der Seeadler zu den größten Greifvögeln. Seeadler haben - abgesehen vom Menschen - kaum natürliche Feinde. In den letzten Jahren sind in Niedersachsen und Schleswig-Holstein mehrere tote Tiere aufgefunden worden.

Mevinphos ist in keinem Land der Europäischen Union zugelassen. Eine versehentliche Vergiftung der Seeadler kann deshalb ausgeschlossen werden. „Seeadler stehen unter strengem Artenschutz. Es handelt sich hier offenbar um einen kriminellen Verstoß gegen das Naturschutzrecht. Es ist bereits Strafanzeige gestellt worden. Ich hoffe sehr, dass die Verantwortlichen ermittelt werden“, betonte Umweltminister Robert Habeck.

Auf Vögel wirkt das Gift, das auch Menschen töten kann, besonders heftig: Die Tiere leiden unter verminderter Muskelkoordination, beginnen zu zittern und flattern mit den Flügeln. Die Zehen krümmen sich zusammen und es kommt zu erhöhtem Speichelfluss sowie Durchfall, bis der Tod eintritt.

Der WWF-Deutschland teilte dem Umweltministerium mit, dass er für die Ergreifung der Täter eine Belohnung von 5000 Euro aussetzen werde. Der WWF zeigt sich als Mitglied der Projektgruppe Seeadlerschutz sehr besorgt über die Entwicklung insbesondere in Dithmarschen und befürchtet, dass durch solche Vergehen die Jahrzehnte währenden Bemühungen im Seeadlerschutz letztlich doch zunichte gemacht werden könnten.

Es war ein trauriger Fund, den Jagdpächter Hans Lorenz Ende Juni zusammen mit Vogelschützer Uwe Robitzky machte. In seinem Revier bei St. Michaelisdonn (Kreis Dithmarschen) entdeckte Lorenz bei einem Kontrollgang in unmittelbarer Nähe eines Seeadlerhorstes das verendete Männchen am Boden, daneben mögliche Köderstücke. Wenige Tage später wurde das Weibchen entdeckt und die beiden toten Jungvögel aus dem Nest geborgen.

Nach hiesigen Erkenntnissen wurden mit dem neuen Fall in den letzten Jahren mindestens 13 Seeadler mit dem Verdacht auf Vergiftung aufgefunden und auf Gifte untersucht. Acht Vögel wurden mit Mevinphos, einer mit Carbofuran und einer mit Parathion vergiftet. Alle diese Pflanzenschutzmittel  sind in der EU mittlerweile verboten. Es ist der zweite Fall in Dithmarschen in diesem Jahr.

Erst im März sei bei Bennewohld in der Nähe von Heide ein kranker Seeadler aufgefunden worden, erzählt Struwe-Juhl. Der Vogel sei kurz darauf verendet und anschließend untersucht worden. „Er hatte Parathion im Kropf, ein Insektizid, auch unter dem Namen E605 bekannt und seit 2002 verboten“, so Struwe-Juhl. „Aber es ist illegal leicht zu beschaffen und wird gern zur Vergiftung von Wildtieren eingesetzt.“ Er erinnert sich an viele weitere Fälle von vergifteten Wildvögeln in Dithmarschen in den vergangenen Jahren, auch ein Hund sei Opfer gewesen.

„Acht Seeadlerpaare sind dieses Frühjahr in Dithmarschen registriert worden“, berichtet Vogelschützer Uwe Robitzky. Nur vier dieser Paare hätten gebrütet, drei davon seien aber – unter anderem wegen Ruhestörung – erfolglos gewesen. „Die jetzt gefundenen toten Seeadler sind vom letzten verbliebenen Brutpaar. Es ist ein entsetzliches Ergebnis“, so Robitzky.

Seit 2005 seien bislang bereits 15 Seeadler verschwunden, pro Jahr finde man zudem in der Region im Schnitt 55 tote Mäusebussarde, „die meisten vergiftet, das haben wir bereits nachgewiesen“. Man habe über die Jahre auch regelmäßig präparierte Schlachtabfälle sowie einen mit Gift präparierten toten Hasen und zwei Kanister mit giftigen Substanzen im Wald gefunden.

Robitzky glaubt, dass einige Jäger Gift auslegen, um Wildvögel zu vernichten. Hase und Fasan gingen zurück im Bestand, die Jäger hätten offenbar die Greifvögel im Verdacht. „Man wird hellhörig, immer wieder passiert etwas in diesem Bereich“, sagt Bernd Struwe-Juhl. Er benennt auch andere Verdächtige: „Es könnten Tierzüchter wie etwa Geflügelhalter sein, die Giftköder wegen der Füchse auslegen. Seeadler und andere Raubvögel sind als Aasfresser die Leidtragenden.“

Die Landesregierung müsse gezielt Aufklärung betreiben. „Das ungerichtete Auslegen von Giftködern ist gefährlich und kann auch Menschen erwischen.“ Knallharte Naturschutzvergehen seien das, sagt der pensionierte Polizist Robitzky. „Seeadler zu töten ist eine Straftat und muss streng geahndet werden“, bestätigt Nicola Kabel vom Kieler Umweltministerium. Es sei durch Robitzky Strafanzeige gestellt worden, sonst hätte das Ministerium dies getan.

Im Jahr 2014 wurden in Schleswig-Holstein laut Ministerium 84 besetzte Seeadler-Reviere registriert. In den letzten Jahren wurden mindestens zehn Seeadler mit dem Verdacht auf Vergiftung aufgefunden und untersucht – bei sieben Vögeln bestätigte sich der Verdacht. 

Der Landesjagdverband Schleswig-Holstein fordert eine Untersuchung des Falles. „Wir hoffen, dass es zu einer lückenlosen Aufklärung im Sinne der Greifvogelerklärung kommt“, bekräftigt Dr. Klaus-Hinnerk Baasch, Präsident des Landesjagdverbandes Schleswig-Holstein. „An unseriösen Spekulationen zu den Todesursachen beteiligen wir uns allerdings nicht“, so Baasch.

Erst im Februar 2015 wurde in Stangheck (Kreis Schleswig-Flensburg) ein Seeadler-Horst von Unbekannten zerstört. Der Fall sorgte landesweit für Entsetzen – nicht nur bei Umweltschützern.

Die Kieler Erklärung zum Greifvogelschutz wurde am 4. April 2008 vom Präsidenten des Landesjagdverbandes SH, Klaus-Hinnerk Baasch, dem Vorsitzenden der OAG, Bernd Hälterlein und dem Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume unterzeichnet und dient dem Schutz der Greifvögel in Schleswig-Holstein.
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