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Sylter Köpfe : Zwischen Hilfe- und Promi-Suchenden

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

SR-Serie Sylter Köpfe: Walter Schünemann verabschiedet sich nach 28 Jahren von seinem Arbeitsplatz auf dem Friedhof der St.-Severin-Kirche.

shz.de von
erstellt am 04.Dez.2013 | 06:00 Uhr

Mit den Gräbern alter Sylter Kapitänsfamilien und prominenter Persönlichkeiten gehört der Friedhof der St.-Severin-Kirche zu den beliebtesten Ausflugszielen der Insel. Walter Schünemann hat hier seinen Arbeitsplatz – 28 Jahre lang pflegte der 63-Jährige Grabanlagen, Rasenflächen und Außenwälle, öffnete und schloss die Gräber und verwaltete den Friedhof. Im Januar geht er in den Ruhestand und zieht nach Berlin, wo seine beiden Kinder und ein Enkelkind leben.

Damit verlässt nicht nur ein Friedhofsverwalter, sondern eine „Institution“, wie es Pastorin Susanne Zingel im Gemeindebrief ausdrückt, die Insel. Schünemann kennt den Keitumer Friedhof wie seine Westentasche, weiß wer wo liegt und welche Geschichten sich hinter den Grabsteinen verbergen. Dabei macht er keinen Unterschied zwischen den Gräbern von Prominenten wie Rudolf Augstein und Peter Suhrkamp und denen ganz normaler Leute. „Natürlich werde ich immer wieder gefragt, wo die Prominenten liegen“, erzählt er, „aber die Angehörigen der anderen Verstorbenen trauern doch genauso. Deshalb behandeln wir alle Gräber gleich.“

Für Schünemann ist der Keitumer Friedhof ein Stück Inselkultur. „Die Findlinge zum Beispiel sind als Grabsteine Sylt-typisch.“ Deshalb findet er es gut, dass der Keitumer Friedhof von Touristen besucht wird – auch wenn ihn persönlich die Gräber von Prominenten weniger interessieren. Er findet die sprechenden Grabsteine am spannendsten, auf denen das Leben der Sylter Kapitäne nachzulesen ist. „Wenn ich mir in Erinnerung rufe, unter welchen Umständen die Walfänger auf hoher See leben mussten, relativieren sich die eigenen Sorgen. Dann erscheint einem der Ärger darüber, dass man bei Regen ein Grab ausheben muss, auf einmal wie Meckern auf hohem Niveau.“

Überhaupt hat sich Schünemanns Verhältnis zum Leben und zum Tod durch seine Arbeit verändert. „Früher war der Tod für mich eine sehr abstrakte Sache, mit der ich mich nicht beschäftigt habe. Jetzt ist für mich die Tatsache, dass ich eines Tages sterben muss, weitaus realer.“ Natürlich hat er sich auch schon damit beschäftigt, wie er selber einmal begraben werden will. „Meine Frau ist vor einem Jahr gestorben und wurde hier auf dem Friedhof von St. Severin bestattet. Ich werde dann neben ihr liegen.“

Seine Frau war vor über 40 Jahren für Walter Schünemann überhaupt erst der Grund, auf Sylt zu bleiben. Der gebürtige Wolfsburger hatte mit 21 Jahren seinen Dienst bei der Bundeswehr auf der Insel abgeleistet. Während dieser Zeit lernte er seine spätere Frau kennen und entschloss sich um ihretwillen, auf Sylt zu bleiben. Auch wenn er ursprünglich eine Ausbildung im kaufmännischen Bereich gemacht hatte, nahm Schünemann mit 35 Jahren die Stelle als Friedhofsgärtner in Keitum an. Seitdem hat sich auch seine Einstellung zum Glauben verändert. „Ich führe oft Gespräche mit Hinterbliebenen von Verstorbenen, wenn diese kommen, um eine Grabstätte auszusuchen. Diese Gespräche werden oft sehr persönlich und wenn die Menschen mir dann erzählen, dass sie glauben, dass es ihr Angehöriger im Himmel gut hat, dann denke ich schon darüber nach, was sie damit meinen – und bekomme eine andere Sicht auf die Dinge.“

Der Trend, dass immer mehr Menschen für Urnenbegräbnisse entscheiden, bemerkt Schünemann auch in Keitum. „Aber weniger als anderswo – wir sind ein sehr traditioneller Friedhof und viele Familien begraben hier seit über 100 Jahren ihre Angehörigen.“

Der 31. Dezember ist Schünemanns letzter Arbeitstag. Danach übernimmt Lorenz Petersen die Stelle als Friedhofsverwalter, der ebenfalls viel Erfahrung hat – er arbeitet seit 17 Jahren auf dem Keitumer Friedhof. Schünemann freut sich schon auf seine Zeit in Berlin: „Ich brauche mal eine andere Umgebung, in der ich besser das tun kann, was mich interessiert – zum Beispiel Museen und Sportveranstaltungen besuchen und der Flughafen Frankfurt ist für meine Reisen in die ganze Welt auch besser erreichbar.“ Trotzdem will er immer wieder nach Sylt kommen. „Aber dann eben nur als Besucher, ganz ohne Stress.“ Doch der Friedhofsverwalter wird seine Zeit auf der Insel auch vermissen. „Es war ein Kaleidoskop aus unglaublich vielen Facetten – das ergibt ein Bild, das ich sehr gerne in Erinnerung behalte.“

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