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Sylt : Zwischen den Einsätzen: Alltag der Seenotretter

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Reporterin Christiane Rack begleitet die Sylter Seenotretter einen Tag lang auf ihren Touren in der Nordsee.

Sylt | Auf Sylt gibt es zwei Stationen der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS). In List und in Hörnum. Nachdem ich neu auf Sylt angekommen bin, habe ich mich gefragt, wie der Alltag eines Seenotretters aussieht? Um dieser Frage nachzugehen, darf ich einen Tag bei den hauptamtlichen Seenotrettern in List und einen Nachmittag bei den ehrenamtlichen Seenotrettern in Hörnum verbringen.

Früh morgens komme ich am Lister Stationshaus an. Aus der Garage ruft es augenblicklich: „Nu´ komm mal rein!“ Der Dienstälteste, Gerhard Reinfeld, bittet mich ins Stationsgebäude. Oben betrete ich ein maritim gemütlich eingerichtetes Wohnzimmer. Der Rest der Besatzung, Vormann Christian Koprek, 36 und Maschinist Christopher Kölln, 35 sitzen am Tisch und besprechen den Tagesplan.

Reporterin mit Gehörschutz
Reporterin mit Gehörschutz Foto: Christiane Rack

In List sind jeweils drei Besatzungsmitglieder 14 Tage lang rund um die Uhr auf Wache. In dieser Zeit müssen die Seenotretter einsatzbereit sein. Das bedeutet, dass sie sich nicht weiter als bis zum ortsansässigen Supermarkt wegbewegen dürfen, um im Ernstfall innerhalb kürzester Zeit auslaufen zu können. Von der Besatzung, die heute an Bord ist, wohnt niemand privat auf Sylt.

Auf dem Tagesplan stehen eine Fahrt zum Schiffsausrüster im dänischen Havneby, eine Übung zur Berechnung der Driftbewegung eines im Wasser treibenden Objektes und eine Fahrt mit dem Arbeitsboot „Michel“. Für das leibliche Wohl sorgt heute Maschinist Gerhard Reinfeld: „Der Kochdienst wechselt täglich. Heute gibt es Erbsensuppe mit Würstchen. Die habe ich bereits gekocht und nehme sie mit an Bord, da wir heute aufgrund der Übung zur Mittagszeit draußen sein werden.“ „Zum Kochdienst gehört auch immer das ‚Klar-Schiffen-machen‘. Der Koch vom Vortag reinigt das Bad und die Toiletten“, ergänzt Vormann Christian Koprek.

Insgesamt gleicht das Zusammenleben einer straff organisierten Wohngemeinschaft. Die Männer verbringen schließlich 24 Stunden miteinander. Natürlich komme es auch mal zu Meinungsverschiedenheiten. Diese werden dann offen angesprochen. Strikt zu trennen sei dabei immer das Private und das Verhalten im Ernstfall. Im Einsatz müsse sich jeder auf jeden verlassen können, das sei überlebensnotwendig, erklärt Koprek.

Nachdem wir alle Rettungswesten angezogen und Kopfhörer mit Mikrofonen aufgesetzt haben, laufen wir aus. Bei perfektem, fast windstillem Wetter steuern wir zuerst das dänische Havneby an. Beim dortigen Schiffsausrüster müssen verschiedene Ersatzteile abgeholt werden. Auf dem Weg dorthin beschreiben mir die drei Männer wie sie zu den Seenotretter gekommen sind.

Die ehrenamtlichen Seenotretter in Hörnum vor ihrer Übung.
Die ehrenamtlichen Seenotretter in Hörnum vor ihrer Übung. Foto: Christiane Rack
 

Vormann Christian Koprek ist gelernter Fischwirt. Um gleichzeitig für die Handelsschiffahrt staatlich befähigt zu werden - sein sogenanntes Patent zu machen- musste er eine bestimmte Anzahl an Seemeilen zurücklegen, was in der Fischerei nicht möglich war. Deshalb bewarb er sich bei den Seenotrettern.

Maschinist Gerhard Reinfeldt hat sein Patent zu einer Zeit gemacht in der es noch Fahrzeiten von über acht Monaten gab. Da das vor allem seiner Lebensgefährtin zu lang war, ist er zu den Seenotrettern gewechselt.

Maschinist Reinfeld führt die Löschmonitor in Havneby vor
Maschinist Reinfeld führt die Löschmonitor in Havneby vor Foto: Christiane Rack
 

Maschinist Christopher Kölln ist Quereinsteiger und kommt aus der KFZ-Branche. Sein Jugendtraum war es bei den Seenotrettern zu arbeiten. Mittlerweile besitzt er als Maschinist auch das technische Patent. Generell ist es von Vorteil, wenn man ein technisches oder nautisches Patent bereits mitbringt, dies ist aber nicht für alle Funktionen an Bord unbedingte Voraussetzung. In Einzelfällen werden auch ehrenamtliche Seenotretter fest angestellt.

Nachdem wir die Ersatzteile in Havneby abgeholt haben, fahren wir weiter raus. Die Männer beginnen mit der geplanten Übung. Zwei Objekte werden über Bord geworfen, die ähnlich wie ein über Bord gegangener Mensch treiben. Jetzt bewegen wir uns selbst weg von den Objekten und warten zusätzlich zwei Stunden, bis wir die Suche beginnen. In dieser Zeit berechnen Koprek und Kölln die angenommene Position und gleichen diese Daten zusätzlich mit der Seenotleitung der DGzRS in Bremen ab. Für uns heißt das: Es gibt Mittagessen. Maschinist Reinfeld erwärmt die Erbsensuppe in der Kombüse. Für mich fällt das Mittagessen leider aus, da mir der Aufenthalt im Schiffsinneren nicht gut tut. Ich versuche stattdessen an Deck meine Seekrankheit damit zu kurieren, dass ich angestrengt auf den Horizont starre.

Nach dem Mittagessen machen wir uns auf die Suche nach den über Bord geworfenen Objekten. Mit nur einer halben Seemeile Abweichung vom errechneten Ergebnis finden wir beide Gegenstände mit einem Abstand von circa 200 Metern. Übungen dieser Art sind wichtig um für den Einsatz zu trainieren.
Danach kam mein persönliches Highlight des Tages auf See: Ich darf mit dem Arbeitsboot „Michel“ des Seenotrettungskreuzers „Pidder Lüng“ fahren. In einem Kälteschutzanzug sitze ich vorne auf dem kleinen Boot und bei einer Geschwindigkeit von bis zu 30 Knoten (rund 55 km/h) spritzt mir das Salzwasser der Wellen ins Gesicht.

Wiedergefundenes Driftobjekt in List
Wiedergefundenes Driftobjekt in List Foto: Christiane Rack
 

Da das Salzwasser sehr aggressiv ist, muss die gesamte Ausstattung nach jeder Fahrt mit Süßwasser abgespült werden. „Die Wartungs- und Pflegearbeiten nehmen insgesamt einen großen Teil unseres Alltags in Anspruch. Sowohl das Schiff als auch die Ausrüstung müssen instand gehalten werden, damit sie im Ernstfall zuverlässig funktionieren“, erklärt Maschinist Christopher Kölln. Während die anderen beiden mit Aufräumarbeiten beschäftigt sind, fährt Reinfeld mit dem Stationsfahrrad zum Bäcker, um Brot zu kaufen. Der Tag klingt ruhig aus. Nach dem Abendessen schaut die Besatzung meistens noch gemeinsam die Tagesschau. Den Rest des Abends kann jeder so gestalten, wie er möchte.

Die Seenotretter in Hörnum

Auch im Alltag der ehrenamtlichen Seenotretter in Hörnum spielen Übungen eine wichtige, wenn nicht sogar noch wichtigere Rolle, da diese nicht täglich in ihrem Beruf mit den Routinen konfrontiert sind. Im 14-tägigen Rhythmus treffen sich die zehn ehrenamtlichen Besatzungsmitglieder. So auch an diesem Donnerstag.

Die Seenotretter um Vormann Michael Petersen sind schon an Bord der „Horst Heiner Kneten“ als ich am Nachmittag zu ihnen stoße. Auf dem Programm steht heute ebenfalls eine Mann-über-Bord-Übung, allerdings liegt der Fokus hier auf dem richtigen Manövrieren und aus dem Wasser Ziehen. Die Hörnumer Besatzung hat eine Besonderheit: eine der wenigen weiblichen Seenotretter. Melanie Häuser ist seit 2015 aktiv. Die 32-Jährige ist außerdem bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Der Alltag der Freiwilligen unterscheidet sich sehr von dem der Festangestellten. Jeder von ihnen übt einen anderen Beruf aus und engagiert sich in seiner Freizeit bei den Seenotrettern. Von einem Bäcker über einen Hausmeister hin zu einer Bankkauffrau haben sie ganz unterschiedliche Berufe. Der einzige Unterschied zu ihren Arbeitskollegen ist, dass sie durchgehend in Rufbereitschaft sind. Kommt es im Revier vor Hörnum zu einem Einsatz, wird die gesamte Mannschaft alarmiert. Jedes Mitglied gibt dann an, wie schnell es da sein kann. Danach wird entschieden, wann und mit wem das Schiff ausläuft. Allerdings gilt auch hier, dass mindestens drei Besatzungsmitglieder dabei sein müssen.

Die Motivation für dieses Ehrenamt kommt bei allen aus der Überzeugung heraus, etwas Gutes tun zu wollen. Die meisten sind entweder bereits als Kinder mit dem Wassersport in Berührung gekommen oder haben ein eigenes Boot. Für sie ist es selbstverständlich, dass sie helfen, weil sie wissen, wie schnell man auf See auch bei bester Vorbereitung in Not geraten kann.

Ich habe bei meinem Besuch bei den Seenotrettern weit mehr erfahren, als einen Einblick in ihren Alltag zu bekommen. Menschen zu erleben, die - egal ob haupt- oder ehrenamtlich - ihr eigenes Leben aufs Spiel setzen, um andere zu retten, haben mich tief beeindruckt.

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erstellt am 31.Mai.2017 | 20:21 Uhr

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