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Sylter Rundschau

20. Oktober 2017 | 13:43 Uhr

Doppelinterview : Zwei Schwaben in Hörnum

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Die Schriftstellerin Sina Beerwald ist in Stuttgart aufgewachsen und lebt seit knapp zehn Jahren auf Sylt, der Journalist Martin Tschepe ist auf der Insel zur Schule gegangen und Redakteur der Stuttgarter Zeitung.

shz.de von
erstellt am 05.Apr.2017 | 05:01 Uhr

Sie hat vor knapp zehn Jahren ihre sieben Sachen in zwei Koffer gepackt und ist nach Sylt gezogen. Der Anfang war schwer, aber „auf der Insel zu leben, das war mein Traum“, sagt die waschechte Schwäbin Sina Beerwald (39 Jahre). Die freie Schriftstellerin ist gut angekommen auf der Insel, auch wenn das länger als ein paar Tage gedauert hat. Sie lebt in Hörnum, hat viele neue Freunde gefunden und will Sylt auf keinen Fall mehr für längere Zeit verlassen. Martin Tschepe (52) ist in Hörnum zur Schule gegangen. Er arbeitet seit gut 20 Jahren als Redakteur bei der Stuttgarter Zeitung. Seine Eltern, sein Bruder und er haben immer noch das Haus in Hörnum. Tschepe ist mehrmals im Jahr auf der Insel. Der Journalist und die Autorin haben sich gegenseitig befragt, haben über Hörnum damals und heute gesprochen, über Schwaben und Insulaner. Beerwald und Tschepe kennen sich schon länger, sie sind per Du, deshalb siezen sie sich auch im Doppelinterview nicht.

Martin Tschepe: Sina, Du bist in Stuttgart aufgewachsen. Was verschlägt eine waschechte Schwäbin ausgerechnet nach Hörnum?

Sina Beerwald: Ich hab als Kind mit meinen Eltern oft Urlaub gemacht auf der Insel. Sylt war für mich wie nach Hause kommen, Sylt war Herzensheimat. Dass ich eines Tages mal hier wohnen würde, davon hab ich geträumt, als ich in Stuttgart nach dem Studium in einer Bibliothek angestellt war und nebenher Bücher geschrieben habe. Ich dachte mir: eines Tages, als Rentnerin, ziehe ich nach Sylt.

Martin Tschepe: Es kam anders.

Sina Beerwald: Das kann man wohl sagen.

Martin Tschepe: Du hattest eine feste Stelle und bist am anderen Ende der Republik ins kalte Meerwasser gesprungen. Wie war der Start auf Sylt?

Sina Beerwald: Stimmt, ich hatte einen sicheren Brotberuf, den gibt man normalerweise nicht auf. Ich fand das aber nicht mutig, eher konsequent, weil ich mich nach dem Erfolg meines ersten Buches aus zeitlichen Gründen für einen Beruf entscheiden musste. Und so habe ich mich gleichzeitig für meine Herzensheimat entschieden. Ich bin 2008 mit zwei Koffern auf Sylt angekommen, hab in einem winzigen Zimmer gewohnt, in dem ich nicht mal einen Schreibtisch hatte. Ich hab am Anfang auf einer Matratze sitzend und mit dem Laptop auf den Knien gearbeitet.

Martin Tschepe: Warum Hörnum?

Sina Beerwald: Das war purer Zufall. Ich bin mehrmals umgezogen, hab auch mal in Westerland gewohnt. Jetzt wohne ich aber sehr gerne in Hörnum und will nicht mehr weg.

Martin Tschepe: Warum nicht?

Sina Beerwald: Unter anderem, weil ich in Hörnum ganz schnell am Weststrand und am Wattenmeer bin. Je nach Stimmung kann ich ans raue Meer gehen oder eben ans stille Watt. In Hörnum bin ich verwurzelt.

Martin Tschepe: Die meisten Deiner Bücher haben einen Sylt-Bezug?

Sina Beerwald: Mittlerweile ja. Es sind jetzt elf Bücher von mir erschienen, die ersten fünf spielten noch an verschiedenen anderen Orten.

Martin Tschepe: Am erfolgreichsten waren bis dato die „111 Orte auf Sylt“?

Sina Beerwald: Ja, das war und ist ein sehr erfolgreiches Buch. Jetzt bin ich aber mal dran mit fragen: Ich will die Insel nicht mehr verlassen. Du hast das aber gemacht. Warum?

Martin Tschepe: Meine Eltern haben mich her gezogen und auch wieder weg gezogen, so könnte man das wohl ganz gut beschreiben. Wir haben auch nur im Sommerhalbjahr in Hörnum gelebt, im Winter in Ludwigsburg bei Stuttgart. Als ich her kam, war ich vier. Ich bin also allenfalls ein einstiger Halbsylter.

Sina Beerwald: Hättest Du Dir damals gewünscht, dass Du in Hörnum bleiben darfst?

Martin Tschepe: Ich hätte damals, als wir komplett nach Schwaben gezogen sind – ich war damals zehn – vermutlich gesagt: Ich will lieber ganz auf Sylt wohnen.

Sina Beerwald: Und heute? Wäre es immer noch ein Traum auf der Insel zu leben?

Martin Tschepe: Ich würde gerne länger auf Sylt leben als derzeit. Wir haben immer noch das Haus im Strandweg, ich bin oft da, arbeite aber bei der Stuttgarter Zeitung. Also ziemlich weit weg. Ein ganzes Jahr lang auf der Insel wohnen? Weiß ich gar nicht. Würde ich vielleicht gerne mal ausprobieren. Frage an Dich: Bekommt man da keinen Inselkoller?

Sina Beerwald: Mein erster Winter in Hörnum war interessant – sagen wir es mal so. Nicht alle Häuser sind bewohnt, der Bäcker macht für Wochen zu. Der Ort lebt eben sehr von Tourismus. Im Sommer ist viel Trubel, im Winter gibt es ganz ruhige Phasen. Das war für mich sehr gewöhnungsbedürftig.

Martin Tschepe: Und heute? Du hast Dich dran gewöhnt?

Sina Beerwald: Mehr noch, ich weiß es mittlerweile sehr zu schätzen. Im Winter freue ich mich auf den Sommer. Und im Sommer freue ich mich auf den Winter, denn ich weiß: Es kommt auch wieder die ruhige Zeit. Wie empfindest Du das Leben auf der Insel heute im Vergleich zu früher? Hat sich viel verändert?

Martin Tschepe: Definitiv, es hat sich sehr viel verändert. Mehr Trubel, es sind bestimmt mehr Leute im Ort, speziell wegen der beiden neuen großen Hotels. Und es sind andere Touristen da, früher gab es in Hörnum keinen Golfplatz, kein Spa. Es gab aber mehr normales Leben: eine Schule zum Beispiel.

Sina Beerwald: Damals gab es aber weniger Angebote für die Gäste?

Martin Tschepe: Glaube ich gar nicht. Es gab ein paar In-Kneipen, das Old Grischi zum Beispiel und die Aalreuse. Ich glaube, früher war in Hörnum im Sommer nicht weniger los. Vielleicht waren nicht ganz so viele Menschen da, aber es war ganz bestimmt nicht schlechter damals. Du hast es nie bereut, dass Du nach Hörnum gezogen bist? Vor knapp zehn Jahren, als Du her gekommen bist, da war Hörnum noch fast so wie vor 30 oder 40 Jahren. Der Ort hat sich ja erst in den vergangenen Jahren so stark verändert.

Sina Beerwald: Dass die Schule zu ist, das ist traurig. Aber wer weiß, vielleicht wird eines Tages mal wieder eine Schule in Hörnum eröffnet. Es gibt wieder viele Kinder. Ich finde: Hörnum entwickelt sich positiv. Die neuen größeren Hotels haben Arbeitsplätze geschaffen, die Gemeinde hat Wohnraum geschaffen.

Martin Tschepe: Du scheint richtig gut angekommen zu sein in Hörnum. Ist es nicht schwierig, Freunde zu finden? Gute Freunde. Es heißt, die Insulaner seien mitunter sehr zurückhaltend.

Sina Beerwald: Das sind sie. Waschechter Sylter ist man wohl nur, wenn die Familie seit Generationen auf der Insel lebt und der Stammbaum mindestens bis Pidder Lüng zurückgeht. Es ist nicht leicht am Anfang, Freunde zu finden. Ja, die Insulaner sind zurückhaltend. Ich hab das aber nie persönlich genommen. Das kennen wir doch – auch die Schwaben sind nicht anders. Die sind doch auch ein bisschen kauzig. Die Insulaner haben oft erlebt, dass viele Menschen mit falschen Vorstellungen herkommen, die denken Sylt sei das Paradies auf Erden. Aber der Alltag ist auf der Insel manchmal beschwerlicher als auf dem Festland. Dann stellen diese Leute fest: Inselleben ist doch nichts für mich – und weg sind diese Zuzügler wieder.

Martin Tschepe: Du bist geblieben.

Sina Beerwald: Klar. Wenn Du eine Zeitlang auf der Insel lebst, dann ist es wie bei den Schwaben: Du wirst von den Einheimischen ins Herz geschlossen. Warum zieht es Dich immer wieder nach Sylt?

Martin Tschepe: Ich sag immer: Sylt ist für mich ein bisschen wie Medizin, nur besser. Ich hab tatsächlich ein bisschen Asthma, und auf Sylt ist das immer sofort wie weggepustet. Und ich bin auf Sylt gerne sportlich unterwegs. Ich bin mal bis nach List gekrault, mal um die ganze Insel mit einen Kajak gepaddelt. Ich nehme mir für jedes Jahr so ein Projekt vor. In diesem Sommer will ich versuchen, von Insel zu Insel zu schwimmen, Start ist auf Pellworm – mal sehen, ob ich es bis nach Sylt schaffe. Und: wir haben halt das Haus in Hörnum, auch deshalb ist doch klar, dass ich so oft wie möglich komme. Du hast den Umzug auf die teuerste Insel Deutschlands geschafft. Wenn Dich jemand fragen würde, ob das wirklich zu empfehlen ist, ein Umzug nach Sylt. Was würdest Du antworten?

Sina Beerwald: Ich würde ihn sagen: Auch ein Verlag bezahlt kein Häuschen mit Reetdach, so gerne ich eins hätte. Wer eine bezahlbare Wohnung sucht, der braucht einen langen Atem oder ganz viel Glück. Und wer auf die Insel zieht, der sollte sich einbringen, in den Vereinen zum Beispiel.

Martin Tschepe: Dein neues Buch …

Sina Beerwald: … heißt „111 Orte auf Sylt, die Geschichte(n) erzählen“.

Martin Tschepe: Welche ist Deine Lieblingsgeschichte?

Sina Beerwald: Schwierig, das ist wie die Frage nach dem Lieblingskind. Das Buch erzählt mit Fotos und Texten, was früher auf der Insel passiert ist und wie es heute an diesen Orten aussieht. Gerne mag ich zum Beispiel die Geschichte vom Hafen in Munkmarsch, wo früher die Sommerfrischler – so hießen die Touristen – per Schiff angekommen sind und dann ab 1888 mit der Bahn weiter nach Westerland gefahren sind. Die Ankunftshalle ist heute Teil des Hotels Fährhaus Munkmarsch. Kaum zu glauben, aber der Tourismus begann 1857 auf der Insel, da gibt es viel zu erzählen. Wenn Du auf der Insel unterwegs bist, wo zieht es Dich am meisten hin? Welche Orte magst Du am liebsten?

Martin Tschepe: Außer Hörnum mag ich Keitum gerne – jedenfalls dann wieder, sobald die Thermenruine ganz weg ist. Und dann liebe ich halt die Extreme, also ganz oben im Norden: List. Der Ort liegt – wie Hörnum – ein bisschen ab vom Schuss. List mag ich auch wegen des einen Orts, den Du im neuen Buch beschreibst, wegen des nördlichsten Hallenbads Deutschlands. Aber Hörnum bleibt Hörnum, in einem anderen Inselort würde ich wohl nicht wohnen wollen, wenn ich tatsächlich mal für länger oder für immer her ziehen sollte.

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