Von Westerland nach Hamburg : Zugführer Kallis letzte Fahrt

Von Westerland nach Hamburg und zurück war eine der Lieblingsstrecken von Karl-Heinz Rack (Foto).
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Von Westerland nach Hamburg und zurück war eine der Lieblingsstrecken von Karl-Heinz Rack (Foto).

50 Jahre lang war Karl-Heinz Rack Zugführer bei der Deutschen Bahn. Bei seiner letzten Fahr von Westerland bis nach Hamburg war die Sylter Rundschau mit an Bord.

shz.de von
30. Juli 2015, 05:29 Uhr

Sylt | Knarzend setzt sich der Zug im Bahnhof Westerland in Bewegung. Für die meisten Fahrgäste an Bord des IC 2311 um 9.26 Uhr nach Stuttgart ist es eine normale Bahnreise. Einige haben gerade ihren Sylt-Urlaub beendet und fahren braungebrannt Richtung Festland, andere sind auf Geschäftsreise und kommen abends wieder zurück auf die Insel.

Eigentlich eine Fahrt, wie sie täglich immer um die gleiche Zeit ab Westerland stattfindet. Doch heute ist etwas anders: Denn Zugführer an Bord ist zum letzten Mal in seiner Karriere Karl-Heinz Rack. Der 65-Jährige Kalli, wie er liebevoll von seinen Kollegen genannt wird, hat für die letzte Fahrt vor seiner Pensionierung eine seiner Lieblingsstrecken zugeteilt bekommen: von Westerland nach Hamburg. „Die Strecke ist schon etwas besonderes für mich“, sagt Rack gerührt, „es ist ja auch eine der schönsten Strecken, die wir in Deutschland haben.“

50 Jahre und vier Monate lang hat Rack für die Deutsche Bahn gearbeitet und diese Zeit fast durchgängig „am Fahrgast“ verbracht, wie es heißt. „Kallis Laufbahn ist wirklich außergewöhnlich“, sagt Reinhard Saß, Personalleiter der Deutschen Bahn in Norddeutschland, „mir ist nur noch ein weiterer Mitarbeiter bekannt, der seit 50 Jahren im Dienst ist. Und der ist, wie viele andere ältere ehemalige Zugführer, irgendwann im Büro gelandet.“

Kurz vor dem Hindenburgdamm begrüßt Rack die Fahrgäste mit der bahntypischen Ansage. Kurz danach ertönt über die Lautsprecher eine weibliche Stimme vom anderen Ende des Zuges: „Meine Damen und Herren, verehrte Fahrgäste, wir haben heute eine besondere Fahrt mit einem besonderen Zugführer“, sagt Kollegin Alexandra Bielka, die eigentlich im Mutterschutz ist und nur zu Ehren ihres Lieblings-Mitarbeiters überraschend eingesprungen ist, und erklärt über das Mikrofon kurz die Umstände.

Ab diesem Zeitpunkt kann der alte Eisenbahner, wie er sich gerne selbst bezeichnet, nicht mehr ohne Gratulationen durch den Zug gehen. Anerkennend schütteln ihm Fahrgäste die Hände und beglückwünschen ihn zur Rente. Zum Kontrollieren kommt er deshalb gar nicht mehr, das müssen auf seiner letzten Fahrt die Kollegen übernehmen.

Seitdem er 14 Jahre alt ist, fährt er fast durchgängig tagaus, tagein als Zugchef durch Deutschland. Hamburg ist dabei immer sein Zuhause, das schleswig-holsteinische Eichede seine Heimat. „Ein paar Mal bin ich bestimmt schon zum Mond und zurück gefahren, aber ich bin und bleibe Schleswig-Holsteiner“, betont er , „darauf lege ich großen Wert.“ Wie oft er die Strecke von und nach Sylt gefahren ist, kann er nicht mehr sagen.

Als er von seiner Kollegin in den letzen Wagen gerufen wird, ahnt Rack schon, dass eine weitere Überraschung auf ihn wartet. Sein Sohn und seine Tochter sitzen mit einer „Pensionstüte“ in der letzten Reihe. „Du warst bei unserer Einschulung dabei, jetzt möchten wir dich auch gebührend in den Ruhestand schicken und bei deinem Abschied dabei sein“, sagt Christian Rack, als er seinem Vater die Tüte überreicht. Beide haben Tränen in den Augen und es wird klar, dass diese „letzte Fahrt“ nicht spurlos an Kalli vorbeigeht.

Karl-Heinz Rack hat mit 14 in Bad Oldesloe seine Ausbildung zum Junggehilfen begonnen, 1969 ist er dann zum Zugschaffner ausgebildet worden. Es folgte die Vereidigung zum Beamten und die Ernennung zum Oberschaffner. „Als ich damals in die Lehre ging, fuhr nach Sylt noch eine Dampflok“, erinnert sich Rack, „damals bekamen wir vor jeder Fahrt Augentropfen in die Hand gedrückt, falls die Fahrgäste Ruß in die Augen bekamen.“

Im Laufe der vergangenen 50 Jahre erlebte er an Bord seiner Züge so einiges: Aufgebrachte Fahrgäste und zahlreiche Verspätungen, selbst Bombendrohungen konnten ihm den Spaß an seiner Arbeit aber nicht verderben. Eigentlich würde er auch gerne weiterarbeiten, sagt er lachend, „aber dann habe ich jetzt endlich mal Zeit, meine Parzelle auf dem Campingplatz in Idstedt auf Vordermann zu bringen.“

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