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Pflege auf Sylt : Zu wenig Betreuungsangebote für Demenzkranke

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Auf Sylt herrscht ein Mangel an ambulanten Tagesstätten für Demenzkranke. Gerade die jedoch werden von Angehörigen dringend benötigt.

„Die Betreuung meiner demenzkranken Mutter ist für mich schon eine sehr große Einschränkung“, erzählt die Sylterin Barbara Lorentzen. Ihre Mutter in einem Heim unterzubringen, das sei für sie jedoch überhaupt keine Option. Stattdessen wünscht sie sich auf der Insel mehr ambulante Betreuungsangebote für Demenzkranke, „um einfach mal wieder durchatmen zu können“, sagt Lorentzen.

Dass es bei der Versorgungssituation Demenzkranker und deren Angehöriger noch große Defizite gibt, erlebt auch Petra Belgardt von der Initiative „Tante Frieda“. Belgardt organisiert seit drei Jahren jeden Dienstag ein Treffen von Demenzkranken im Wenningstedter Gemeindesaal, bei dem sowohl ehrenamtliche als auch geschulte Pflegekräfte Angehörige von Demenzkranken für ein paar Stunden entlasten. „Wir betreuen derzeit 16 Demenzkranke und unsere Kapazitätsgrenze ist damit erreicht“, berichtet Belgardt. Die Nachfrage nach diesem wöchentlichen Angebot sei jedoch groß. Zwar findet mittwochs zusätzlich der „Tüddelclub“ im Altenzentrum Sylt statt, der Angehörigen ebenfalls für einige Stunden die Betreuung abnimmt, aber: „Da muss noch viel mehr passieren“, fordert Belgardt.

Auch Alten- und Demenzbetreuerin Anja Kretzschmar, die selbstständig für den Pflegedienst Fitz arbeitet, findet, „das, was auf der Insel derzeit am meisten fehlt, sind Tagesstätten, in die Demenzkranke gebracht und die Angehörigen von der Betreuungsaufgabe entlastet werden können“. Kretzschmar weiß wovon sie spricht, schließlich kommt sie nicht nur beruflich mit Demenzkranken und deren Angehörigen in Kontakt, sondern pflegt selbst seit 15 Jahren ihre demente Mutter. Ihrer Erfahrung nach sollten Angehörige so lange wie möglich versuchen, Demenzkranke zu Hause zu betreuen. Denn ein Umzug in ein Heim sei einerseits sehr teuer und andererseits gehe dieser oft mit einem gesundheitlichen Abwärtstrend einher. „Die neue Umgebung, fremde Menschen und dass man nur wenig persönliche Dinge mitnehmen kann, setzen dementen Menschen oft sehr zu“, berichtet die Altenpflegerin. Deshalb fordert Anja Kretzschmar, dass Angehörige, die sich für diesen Weg entscheiden, bessere Unterstützung bekommen – dazu zählt vor allem auch mehr geschultes Personal. Es sind viel Einfühlungsvermögen und zeitintensive Betreuung erforderlich, weil Demenzkranke, „wenn das Kognitive im Krankheitsverlauf verloren geht“, stärker auf emotionaler Ebene betreut werden müssen. Denn: „Das Herz wird nicht dement.“

Ulrike Körbs vom Sylter Hospizverein erlebt immer wieder die starke Überforderung derjenigen, deren Partner dement werden. Viele fühlen sich zudem alleine gelassen, berichtet Körbs. „Oft dauert es, bis sich Betroffene die Krankheit eingestehen und sich den neuen Bedürfnissen anpassen.“ Es würden auf Sylt vor allem Aufklärungs- und Schulungsangebote fehlen. „Ich wünsche mir einen selbstverständlicheren Umgang mit dementen Personen – auch von Außenstehenden“, so Körbs.

Wenigstens hier könnte sich zukünftig etwas verbessern: durch den seit Mai stattfindenden Runden Tisch „Gutes Leben mit Demenz auf Sylt“ – siehe Artikel unten auf dieser Seite.

Runder Tisch „Gutes Leben mit Demenz auf Sylt“

Auf Sylt sind Hochrechnungen zufolge derzeit 350 von knapp 5000 Einwohnern, die über 65 Jahre alt sind,   an Demenz erkrankt – das entspricht etwa einem Anteil von sieben Prozent. Im Kreis Nordfriesland leben knapp 3200, in Schleswig-Holstein schon fast 54000 und deutschlandweit sogar zirka 1,5 Millionen Demenzkranke.  Und die Tendenz ist steigend: Durch demographische Veränderungen ist ein erhöhter Anstieg der Altersbevölkerung und damit auch ein deutlicher Anstieg an Demenzerkrankungen zu erwarten.

Laut Fabian Frei vom Deutschen Institut für Sozialwirtschaft (DISW) ist  Sylt jedoch in einer besonders prekären Lage, weil sich hier die Bevölkerungsstruktur drastisch ändere: Immer mehr Junge ziehen auf das Festland und immer mehr Zugezogene ohne familiäre Bindung kommen auf die Insel. Alte und Demenzkranke verfügen daher nicht wie anderswo über Auffangnetzwerke wie  Nachbarn und Familie.

Vor diesem Hintergrund hat sich im Mai diesen Jahres der Runde Tisch „Gutes Leben mit Demenz auf Sylt“ gegründet. Zu den Teilnehmern  zählen neben den Bürgermeistern und den Gemeindevertretern der Insel auch Berufsbetreuer Heinrich Jensen, Marco Oliver Pohl von der Lebenshilfe Sylt, Peter Petzold vom Pflegedienst Fitz, Bernd  Redlin vom Sylter Hospizverein sowie Mitarbeiter der Alzheimer Gesellschaft Nordfriesland und, als Projektverantwortlicher, das DISW. Das Institut erstellt darüber hinaus bis September eine Bedarfsanalyse zur Versorgungssituation Demenzkranker auf Sylt, um Lösungsvorschläge – eben für ein gutes Leben mit Demenz auf Sylt – zu erarbeiten.

Mit einer „Akzeptanz- und Informationskampagne zum Thema Gutes Leben mit Demenz auf Sylt“ wollen die Teilnehmer des runden Tisches in einem ersten Schritt die Öffentlichkeit sensibilisieren und über die Krankheit aufklären, berichtet Frei. Insgesamt 6 000 Euro wurden hierfür bei allen Sylter Gemeinden beantragt. Über die Vergabe der Mittel soll in Kürze entschieden werden.

Mit diesem Geld ist geplant, außer die Herstellung von Informationsbroschüren   vor allem Veranstaltungen wie Workshops und Fachvorträge zu finanzieren. Zusätzlich soll auch die regionale Vernetzung voran getrieben werden, indem themenspezifische Runde Tische für Bürger, Laien und betroffene Angehörige organisiert werden.  Das langfristige Ziel der Kampagne ist es, Sylt zu einer demenzfreundlichen Kommune zu machen.

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