zur Navigation springen
Sylter Rundschau

18. Dezember 2017 | 04:43 Uhr

Worüber die Fische schweigen

vom

Wladimir Kaminer las aus seinem neuen Buch / "Nastja und die Orloves" brachten das Publikum zum Tanzen

shz.de von
erstellt am 17.Aug.2013 | 07:26 Uhr

Keitum | Unkonventionell wie alles, was Wladimir Kaminer macht, war auch seine Lesung im gut gefüllten Kulturhaus. Bereits vor der Lesung saß der Schriftsteller im Saal und plauderte mit seinen Lesern. Auf der Bühne stehend schien er einfach weiter zu plaudern - unbefangen, selbstbewusst und voller Energie. Kaminer hat so viele Geschichten zu erzählen - dabei ist das, was er erlebt, in keinster Weise spektakulär. Es geht um seinen Garten, die Pubertät, das ganz Normale. Besonders ist sein Blick darauf.

Er scheint Dinge mit einer Art natürlicher Naivität wahrzunehmen, die absolut erfrischend ist - so schildert er die erste (und letzte) Facebookparty seiner Tochter, die eigentlich "ein Raubüberfall" war, da danach diverse Gegenstände fehlten, unaufgeregt und sachlich. Richtig aufgeregt hat ihn nur, dass ausgerechnet sein altes Paar Lieblingsturnschuhe mitgenommen worden sind. Jeder Gast seiner Tochter, der jetzt vorbeikommt, wird nun erstmal auf sein Schuhwerk hin untersucht…

Kaminer erzählte seine Geschichten vielfach frei, manchmal auf vorbereiteten Din A4 Seiten, selten aus seinem neuen Buch "Worüber die Fische schweigen". Das Besondere an Kaminer ist vielleicht, dass er neben Geschichten aus dem täglichen Leben immer wieder plötzlich und unerwartet weltumspannende Überlegungen anstellt - dieser Kontrast macht richtig Spaß. So erklärt er die Unterschiedlichkeit menschlicher Haltungen aus der Vorstellung, die sich verschiedene Kulturen von der Erde machen. Für die Inder ist die Erde ein Fladenbrot, auf dem es sich gemütlich leben lässt, für die Amerikaner ist sie ein wildes Pferd, das gezähmt werden muss, für die Russen ist sie ein Kurzer, den man sich entweder genehmigt oder eben nicht und "die Deutschen sehen überall Chaos und sehen ihre Aufgabe darin, hier Ordnung zu schaffen".

Das geschieht natürlich alles mit einem Augenzwinkern, denn Kaminer mag naiv scheinen, ist es aber keineswegs. Sein unbefangener Blick auf die Welt ist einerseits Teil seiner Show, andererseits wohl auch Teil seiner Persönlichkeit. So wie er vor seinem Auftritt mit seinen Gästen plauderte, blieb er nach seinem Auftritt selbstverständlich im Saal und lauschte mit den anderen 170 Gästen des Abends der Musik, die sich seinem Auftritt anschloss. Er selbst hat die Band "Nastja und die Orloves" bei einem Festival entdeckt und bereits mehrmals einen gemeinsamen Abend mit ihnen gestaltet.

"Nastja und die Orloves" überzeugte sofort und schon nach dem ersten Lied tanzte das Publikum. Ekstatische Musik, beeinflusst von russischen Rhythmen, lyrischen Texten, folkloristischen Melodien und punkigem Tempo - das war berauschend. Kaminer kündigte die Musik als einmalig an - und das war sie. Die Musiker spielten mit konzentrierter Präzision - allen voran Geiger Tybalt Bischoff. Seine Soli waren atemraubend und dabei nicht einfach nur technisch perfekt, sondern auch von tiefer emotionaler Ergriffenheit. Sehr selten erzeugen Geiger in der Pop/Folkszene solche Klänge.

Nastja Sittig ist eine glänzende Performerin - ihre Show fing das Publikum sofort ein, sie singt kraftvoll und extrovertiert und sie schreibt interessante, vielseitige Lieder mit hingebungsvollen poetischen Texten auf deutsch, russisch und auch auf englisch. Auf das angekündigte Album ihrer englischsprachigen Lieder darf man gespannt sein.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen