Bürgermeisterwahl auf Sylt : Wofür die Kandidaten stehen

Die Bürgermeisterkandidaten Nikolas Häckel und Gabriele Pauli
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Die Bürgermeisterkandidaten Nikolas Häckel und Gabriele Pauli

Am kommenden Sonntag findet die Stichwahl für das Amt des Bürgermeisters der Gemeinde Sylt statt. Die Sylter Rundschau hat die Kandidaten nach ihren Positionen zu den wichtigsten Themen der Inselpolitik befragt.

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09. Januar 2015, 05:51 Uhr

Am kommenden Sonntag findet die Stichwahl für das Amt des Bürgermeisters der Gemeinde Sylt statt. Im zweiten Anlauf können sich die knapp 13000 Wahlberechtigen zwischen Gabriele Pauli und Nikolas Häckel entscheiden. Die Sylter Rundschau hat beide Kandidaten nach ihren Positionen zu den wichtigsten Themen der Inselpolitik befragt.

Gabriele Paulis Positionen
 

Wohnraummangel

Die Gemeinde hat 500 neue Wohnungen in Planung, das ist schon mal eine gute Entlastung auf dem Wohnungsmarkt. Die Vergabe der neuen Wohnungen muss allerdings nach öffentlich bekannten Kriterien erfolgen. Wohnraum sollte an Sylter unter anderem nach Einkommen und Kinderzahl vergeben werden. Die Vergabe muss absolut gerecht und durchschaubar erfolgen und jährlich überprüft werden, damit wir wirklich die Bedürftigen fördern. Bei Einkommensverbesserung erfolgt dann ein Mietausgleich. Außerdem sollten Keller- und Dachgeschosswohnungen wieder nutzbar sein, natürlich unter Einhaltung baurechtlicher Vorschriften wie Brandschutz. Es kann doch nicht sein, dass ausgerechnet auf einer Insel mit großer Wohnraumnot das Angebot mit praxisfernen Vorschriften künstlich verknappt wird. Auch das ermöglicht den Syltern, ihre Immobilien legal zu nutzen. Wenn neue Hotels gebaut werden, sollten die Besitzer auch Personalwohnungen einplanen. Das ist unter anderem wichtig, um dem Fachkräftemangel zu begegnen, der den Wohlstand der Insel bedroht. Auch Auszubildende sollten gute Unterkünfte erhalten und die Insel als Arbeitsplatz der Zukunft schätzen lernen.

Geburtshilfe

Kinder sind nicht nur unsere Zukunft, Kinder sind unsere fröhliche Gegenwart. Ohne ein Kinderlachen wäre Sylt eine langsam verödende Insel. Sylt im Geburtsschein stehen zu haben, ist nicht nur ein romantisches Detail, das ist Heimat. Es kann doch nicht sein, dass man auf Föhr gebären kann, auf unserer ungleich reicheren Insel aber nicht mehr. Auf Sylt sollte daher eine Notambulanz für Kinder geschaffen werden und eine Möglichkeit zur Betreuung von Geburten. Wünschenswert wäre eine Geburtenstation, damit Sylter auch Sylter Kinder gebären können – das ist nicht nur aus symbolischen Gründen wichtig. Dazu habe ich die Finanzierung über eine Stiftung angeregt, die von engagierten Sylter Bürgern voran getrieben wird. Die Sylter müssen zur Eigeninitiative übergehen. Ich bin sicher, wir schaffen das. Außerdem sollte mit der Bahn verhandelt werden, ob nicht entlang des Hindenburgdammes der vorhandene Rettungsweg ausgebaut und für schnelle Schwangerentransporte beziehungsweise Krankentransporte frei gegeben werden kann. Das wäre ein großes Plus für die gesamte medizinische Versorgung der Insel.

Tourismus

Die Insel lebt vom Tourismus, aber wir brauchen qualitative Verbesserungen. Auch der Wintertourismus sollte verstärkt beworben werden, denn die Insel ist in der stillen Jahreszeit eine besondere Kraftquelle. Aber wir sollten die jungen Touristen und Familien nicht außer Acht lassen. Sie sind die Gäste der Zukunft. Kinder- und Jugendprogramme sollten das vorhandene tolle Freizeitangebot noch ergänzen. Sylt darf jedoch nicht zu einem Mallorca des Nordens werden. Hochwertiger Tourismus erfordert besondere Konzepte, um Sylt vor dem Ausverkauf zu bewahren. Wir brauchen natürlich dazu auch die richtigen Verkehrswege. Eine autoarme Insel mit einem Angebot an Shuttles, günstigen Taxis und gut organisierten öffentlichen Buslinien ist die Zukunft. Der an vielen Tagen überhand nehmende Autoverkehr auf Sylt muss reduziert werden – auch mit besseren Konzepten der Bahn. Ich werde mich für eine Elektrifizierung und den zweigleisigen Teil-Ausbau der Bahn stark machen. Unser Markenzeichen, die reine Luft, darf nicht durch Feinstaub belastet werden. Deshalb sollten Mietautos auf Sylt nur noch Elektroautos sein.

Verwaltung

Ein gutes Klima in der Verwaltung ist für eine Gemeinde ein Segen. Deshalb habe ich mich im Gegensatz zu meinem Mitbewerber gerne der Sylter Verwaltung vorgestellt. Ich habe als Landrätin in Bayern nicht nur für einen 20-köpfigen Ministab wie mein Mitbewerber, sondern für mehr als 1  000 Mitarbeiter die Verantwortung getragen und dabei sehr auf meine Mitarbeiter geachtet und deren fundierte und kompetenten Vorschläge gerne umgesetzt. Für meine moderne und bürgerfreundliche Verwaltungsführung erhielt ich dann auch das Bundesverdienstkreuz. Mein Prinzip ist die offene Tür für unsere Bürger, die meine Arbeitgeber sind. Ich möchte Bürgervorsteher und Gemeindevertreter in ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit durch gut vorbereitete Sitzungsinformationen optimal unterstützen. Die Bürgermeisterin muss Führungskraft haben, aber sich auch als erste Dienerin der Bürgerinnen und Bürger verstehen.

Fusion

Die Fusion ist für die Ortsteile im Moment eher eine Verlustaktion. Ihre Unabhängigkeit wurde geopfert, die Gegenleistung wird vermisst. Außerdem ist der erwartete gemeindliche Spareffekt der Fusion nicht eingetreten. Die Ortsbeiräte sollten einen Teil der Verantwortlichkeit im Rahmen angemessener Budgets zurück erhalten und spezielle Anliegen aus ihrem Bereich wieder selbst entscheiden dürfen. Erst wenn die Fusion der Gemeinde Sylt harmonisch umgesetzt worden ist, kann Vertrauen in eine Gesamtfusion aller Inselgemeinden entstehen und Ruhe einkehren. Wir sollten weniger übereinander reden als miteinander.

Haushalt / knappe Gemeindekassen

Der Haushalt entscheidet über die Lebensqualität in einer Gemeinde. An manchen Stellen kann man da schon den spitzen Bleistift ansetzen und andere Schwerpunkte setzen. Nichts ist in Stein gemeißelt, aber Sparen sollte trotzdem behutsam erfolgen. Ich setze mich besonders ein für Effizienz von Arbeitsabläufen und begleitende Kostenkontrolle bei Investitionen. 15 Millionen Euro verpufftes Geld wie bei der Keitum-Therme darf es nicht mehr geben. Ich werde versuchen, die Verantwortlichen zu benennen und einen Teil des Steuergeldes zurückzuholen. Da haben einige Kontrollmechanismen versagt.

Durch aktive Wirtschaftsförderung kann die Gemeinde außerdem beitragen, dass sich umweltschonende Gewerbebetriebe ansiedeln. Das erhöht auch das Steueraufkommen und den Spielraum für wichtige Investitionen.

Nikolas Häckels Positionen


 

Wohnraummangel

Zunächst gilt es, die beschlossenen Konzepte gebietsverträglich in den Innenbereichen der Ortsteile nachhaltig umzusetzen – nachhaltig über verschiedene Konzepte wie zum Beispiel Miet-, Erbbaurechts-, Genossenschafts- oder Belegungsrechtskonzepte, sodass diese auch dauerhaft den Syltern zur Verfügung gestellt werden. Bei der Schaffung familiengerechten Wohnraums sind auch neue Wohnformen wie Mehrgenerationenhäuser und barrierefreier Wohnraum zu berücksichtigen. Kooperationen mit hiesigen Vereinen, Investoren und Gewerbetreibenden ermöglichen es, neue Fachkräfte anzuwerben, um die Gemeinde wirtschaftlich und vielfältig weiter zu entwickeln. Auch ist der Beginn eines Umwandlungsprozesses von Ferienwohnungen in Dauerwohnungen zu unterstützen. Unterstützung sollte auch ein sozialverträglicher Umzug innerhalb gemeindlicher Wohnungen erfahren, wenn zum Beispiel ältere Mieter Wohnungen zu Gunsten von Familien tauschen wollen. Und es geht darum, die aktuelle Zufriedenheit der Mieter beim KLM festzustellen, um noch besser auf die Bedürfnisse reagieren zu können.

Geburtshilfe

Die Schließung der Geburtenstation auf Sylt ist mehr als sehr bedauerlich; beruhigend zu wissen, dass es jedoch im Notfall möglich ist, die Gebärenden im Akutfall gut zu betreuen. Traurig und ärgerlich, dass das Zukunftsmodell „Sylter Kreißsaal“ im Dezember 2013 an wenigen Einzelnen gescheitert ist (siehe Sylter Rundschau vom 23.12.2013). Dieses gut machbare, rechtlich zulässige, nachhaltige und finanzierbare Konzept erneut mit Leben zu erfüllen und so wieder Geburten von Syltern zu ermöglichen ist eine sehr bedeutende Aufgabe. Aber gleich, welche Lösung wir anstreben, es geht nur mit allen Beteiligten. Ich hoffe sehr, auch die im Dezember 2013 kurz vor der Vertragsunterzeichnung „Sylter Kreißsaal“ ausgestiegenen Akteure wieder einbeziehen zu können – uns allen liegt doch die Geburtenstation am Herzen. Und klar ist: Ohne die Bereitschaft dieser Gruppe wird es keine Lösung geben. Aufgabe der Gemeinde war und ist es mitzuhelfen, die Versorgungslücke unter Einbeziehung aller Beteiligten zu schließen und eine sichere Geburt auf Sylt zu gewährleisten.

Tourismus

Der Tourismus prägt die Insel, er ist der bedeutende Wirtschaftsfaktor; der Tourismus ermöglicht auch den Syltern vielfältige Infrastruktur und Angebote. Die Zielvorgabe der Landesregierung ist die Weiterentwicklung des Tourismus – hier kommt wegen unserer infrastrukturellen Grenzen nur die weitere Vermarktung der Nebensaison in Frage, eine Erhöhung der vorhandenen 60  000 Gästebetten darf es nicht geben. Weiter muss es um ein breites Angebot von privaten und gewerblichen Anbietern gehen. Und es kommt auf eine qualitative Weiterentwicklung an: Hier ist eine insulare Abstimmung notwendig, um das gemeinsam abgestimmte touristische Ziel „Natur und Genuss“ in den Angeboten zu verfolgen und gemeinsam zu vermarkten. Auch gute, gemeinsame Werbung der „Marke Sylt“ ist wichtig – und nicht jede Presse ist gute Presse, es kommt darauf an, die Gäste in ihrem Bedürfnissen nach einem Urlaubserlebnis anzusprechen, um unsere Existenzgrundlage bei sinkenden Gäste- und Übernachtungszahlen zu erhalten. Die Diskussion um ein rechtlich unzulässiges Autokennzeichen, dass bereits vor Jahren von der SMG verworfen wurde, erfüllt diesen Werbezweck nicht; wichtig ist ein nachhaltiges insulares Marketing für einen insular verträglichen Tourismus.

Verwaltung

Die Verwaltung hat neben den gesetzlich übertragenen Aufgaben viele Entscheidungen der Politik umzusetzen. Hier geht es mir darum, in enger Abstimmung mit der Politik die Aufgaben nach Dringlichkeit zu sortieren und im Rahmen von Projektarbeit ämterübergreifend zügig zu bewältigen. Die Projektarbeit wird unterstützt durch ein wirtschaftliches Finanzcontrolling, um Budgetabweichungen frühzeitig zu begegnen. Projektarbeit ermöglicht einen hohen Anteil an Eigenverantwortlichkeit sowie eine gute Einbeziehung der Betroffenen.

Um die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu entlasten und zeitliche Kapazitäten für die dringenden Themen zu schaffen, sollten Abläufe digitalisiert werden – dies auch als Basis für Transparenz nach innen und außen.

Mir geht es darum, die bereits gut aufgestellte Verwaltung gemeinsam mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern noch leistungsfähiger zu machen, die Sylter kompetent, transparent, barrierefrei und zügig zu beraten und zu beteiligen – überparteilich und themenorientiert.

Fusion

Wichtig ist, die Fusion der Gemeinde Sylt in den Herzen und Köpfen der Politik, der Verwaltung und der Sylter abzuschließen. Ortsteilsidentität über Feuerwehren, Kulturvereine und Individualität sind wichtige Grundlage für ein örtliches Gemeinwesen, jedoch darf es nicht mehr zu einem Konkurrenzdenken oder Misstrauen kommen. Hier gilt es, weiter zusammenzufinden und die Zukunft Sylts gemeinsam zu gestalten. Wir leben auf einer so wunderbar vielfältigen Insel, deren Erhaltung uns allen am Herzen liegt. Von besonderer Bedeutung ist hier der Umgang mit allen Inselgemeinden auf Augenhöhe – es geht um die gemeinsame insulare Lösung unserer Sylter Herausforderungen. Von besonderer Bedeutung sind mir ein überparteiliches, themenbezogenes Denken der Verwaltungsleitung, ein Verständnis und eine Offenheit für die Denkansätze des Anderen und das Bedürfnis, für unsere Insel gemeinsam das Beste zu erreichen. Ein faires Miteinander ist mir besonders wichtig. Bei allem insularen Denken geht es jedoch in erster Linie nicht um Fusion, sondern um Kooperation, um Einheit mit Vielfalt.

Haushalt / knappe Gemeindekassen

Die jetzige Haushaltsführung in Form der Kameralistik – Einnahme-Ausgabe-Buchung beziehungsweise Einnahmeüberschussrechnung – ermöglicht keinen wirtschaftlichen Blick auf Erträge und Aufwendungen. Investitionen dürfen nicht nur einmalig betrachtet werden, sondern müssen auch Abschreibungen und Verzinsungen berücksichtigen. Mir ist wichtig, die bestehende Haushaltsführung auf eine wirtschaftliche, wie sie in Unternehmen geführt wird, umzustellen. Dies bedeutet zunächst viel Arbeit, ist jedoch Grundlage für wirtschaftliches Denken und Handeln. Eine wirtschaftliche Haushaltsführung ist nicht gleichbedeutend mit „Sparen, Sparen, Sparen“. Die Gemeinde muss jedoch wissen, ob sie sich ein defizitäres Angebot leisten kann; diese politische Entscheidung muss auf finanzwirtschaftlichem Wissen beruhen. Es geht dabei nicht um eine Erhöhung der Einnahmen, auch nicht um unrealistische Regressforderungen in Millionenhöhe, sondern um wirtschaftliche, nachhaltige Investitionen.

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