Wo bleiben Sachlichkeit und Menschlichkeit?

Fehlender Wohnraum für Asylbewerber

Avatar_shz von
20. Juli 2013, 04:59 Uhr

Wer die Online-Diskussionen zur aktuellen Asylbewerber-Debatte liest, droht schnell an der zu kurz kommenden Menschlichkeit zu verzweifeln. Da hilft nur ein Mantra-artiges Vorsagen, dass Nutzer von Online-Foren nicht die Haltung der gesamten Inselbevölkerung abbilden. Geht es um das Thema Wohnraum für Asylbewerber auf Sylt, kommt im Internet eine Frage noch schneller um die Ecke als im analogen Leben: Warum, Gemeinde, sucht ihr für die Asylbewerber Wohnraum, während wir Insulaner aufs Festland ziehen müssen? Sachliche Argumente, wie die Tatsache, dass die Gemeinde - ob sie es gut findet oder nicht - keine Wahl hat, weil sie gesetzlich dazu verpflichtet ist, die zugewiesenen Asylbewerber unterzubringen, scheinen nicht zu fruchten. Mit dem humanitären Aspekt zu argumentieren, wirkt bei Menschen fast aussichtslos, die finden, dass Insulaner mit Hund doch deutlich dringender Wohnraum brauchen als Menschen, die aus Krisengebieten fliehen müssen.

Die zweite Empörungswelle in der Asylbewerber-Diskussion hat nun die Bild-Zeitung angestoßen. Sie griff die Frage vom frisch gewählten Piraten-Gemeindevertreter Christian Thiessen auf, ob die Gemeinde Sylt nicht im Notfall Wohnungen zwangsenteignen könne, sollten sich keine Unterkünfte für die steigende Zahl von Asylbewerbern finden. Was er damit meinte, stellte Thiessen im Nachhinein klar: Nicht zwangsenteignen, sondern im Notfall leer stehende Wohnungen zwangsweise anmieten - wie es heute schon bei drohender Obdachlosigkeit möglich ist. Rechtlich ist das momentan nicht umsetzbar - trotzdem wird Alarm geschlagen, als sei auf Sylt die proletarische Revolution ausgerufen worden. Warum eigentlich? Die Idee mag dem einen oder anderen zu krass sein - aber wenigstens hat sich hier jemand Gedanken gemacht, wie Asylbewerbern geholfen werden könnte. Und nicht nur darüber, wie er die Asyl-Debatte nutzen kann, um sich selbst in die Opferrolle zu hieven.

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