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Häuser in Kampen : Wird Sylt zum „Disney-Dorf“?

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Die Ortsgestaltungssatzungen der Insel schreiben Bauherren vor, wie ihre Häuser auszusehen haben. In Kampen sucht man nach Auswegen.

von
erstellt am 30.Dez.2013 | 00:33 Uhr

Kampen | Mit Quadratmeterpreisen um die 35.000 Euro, gehört die Gemeinde Kampen zu den teuersten Immobilienstandorten Deutschlands. Als exklusivste Wohnstraße der Republik führt hier noch immer der Hobokenweg die Ranglisten an. Wo so viel Geld in Stein und Reet investiert wird, erwartet man zwangsläufig auch architektonische Extravaganz: Die Kombination aus Eitelkeit und Reichtum treibt oft kuriose Blüten. Doch in Kampen sucht man diese Brüche mit der Konvention vergeblich. Grund dafür ist die Kampener Ortsgestaltungssatzung (OGS), die mittlerweile seit 100 Jahren verbindlich regelt, was auf Kampener Grund und Boden gebaut werden darf und was nicht.

„Für die Gemeinde ist die Erhaltung und die Einheitlichkeit des bestehenden Ortsbildes, das von der friesischen Bauart geprägt ist, von besonderer Bedeutung.“ Dass die Macher der Satzung diesen Leitsatz sehr ernst genommen haben, wird bei der Lektüre des zehnseitigen Regelwerks schnell deutlich: Hier finden sich beispielsweise Vorgaben zu Gebäudehöhe (maximal acht Meter), die Festlegung auf Reet als Dacheindeckung und das Verbot von „Buntheit“. Nicht nur in Kampen nimmt die Ortsgestaltungssatzung Bauherren und Architekten an die Leine, auch in den übrigen Inselorten herrscht definierte Erwünschtheit.

Erwartungsgemäß bekommen die Insel-Satzungen daher keine guten Noten von Seiten der Sylter Kreativen. „Die Zeit hat die Ortsgestaltungssatzungen überholt“, findet etwa Architekt Timm Steindorff, der sich vor sieben Jahren auf der Insel niedergelassen hat. „Aber ich glaube, keiner hat richtig Lust sich damit auseinanderzusetzen.“ Der Architekt vergleicht den Wandel in der Architektur mit dem von Karosserien: „Da steckt natürlich auch viel Design drin und auch da ist in 100 Jahren sehr viel passiert – heute denken die Menschen einfach freier.“ Trotzdem hält der Architekt einen gewissen Rahmen für wichtig, um die Identität der Inselorte zu erhalten: „Es ist eben eine Gratwanderung.“

Auch Birte Volquardsen will die Satzung nicht ganz abschaffen, hält den bisherigen Rahmen aber für „ein zweischneidiges Schwert“. Der Ansatz das uthland-friesische Haus, und damit Sylter Identität zu schützen, sei gut, führe aber besonders in Kampen durch die hohen Grundstückpreise zu einer höchstmöglichen Ausnutzung der Flächen. „Es geht hier nicht mehr um das Haus, sondern um die wirtschaftliche Verwertbarkeit“, analysiert die Architektin. „Man läuft Gefahr, dass wir in Kampen ein Disney-Dorf bekommen, das den Dorfcharakter nur noch imitiert.“

Kampens Bürgermeisterin Steffi Böhm weist im Gegenzug darauf hin, dass die OGS im vergangenen Jahrhundert keineswegs statisch war: „Natürlich gibt es in den letzten 100 Jahren Änderungen. Auch unser Dorf hat sich geändert. Änderungen gab es zum Beispiel bei den Werbeanlagen, Gastronomischen Betrieben aber zum Hauptthema, dem Baustil hat sich nicht groß was geändert, was auch gut ist.“ Auch habe es in der Vergangenheit durchaus architektonische Ausnahmen geben, wenn auch wenige: „ Zum Beispiel das Haus im Bäderstil, neben dem Manne Pahl“, so Böhm.

Es gibt auch Versuche aus der Insel-Wirtschaft, Alternativen zu der traditionellen Bauweise aufzuzeigen. Der Kampener Architekt und Makler Ralph Justus Maus rief jetzt zu einem Architekturwettbewerb auf, dessen Ergebnis einen Blick auf die bauliche Zukunft der Gemeinde ermöglichen will. Frei nach dem ironischen Motto: „Immer in der Spur bleiben“, signalisierten etwa 70 Architekten aus ganz Deutschland Interesse an der Aufgabe. „Am Ende sind 31 Entwürfe eingegangen, von denen eine fünfköpfige Jury die drei besten gekürt hat“, berichtet Architekt Hanno Müller-Stephan von Maus-Immobilien. Von im Boden versenkten Wohnungen, die wie eine postmoderne Hobbithöhle anmuten, oder rundumverglasten Reetbunkern, reichte die Bandbreite. Den ersten Platz belegte schließlich ein Beitrag der Hannoveraner Architekten Martin A. Müller und Michael Dazko. Ihr Entwurf vereint klassische Elemente wie Satteldach, roten Ziegel und Reet. Dass der Vorschlag die Kampener Vorgaben dann doch hinter sich lässt – fällt zumindest dem Laien – erst auf den zweiten Blick auf. Auch einige Sylter Architekten beteiligten sich. Unter ihnen auch Birte Volquardsen und Timm Steindorff. Für Steindorff, dessen Familie aus Kampen stammt war die Teilnahme „Ehrensache“. Und auch Birte Volquardsen zögerte nicht: „Ich muss als Sylter Architekt eine Haltung dazu entwickeln.“

Bürgermeisterin Steffi Böhm hält den Wettbewerb als Denkanstoß nicht für besonders nützlich, da die Bauwirtschaft eine Neuausrichtung gar nicht wünsche: „Nein, es gab ja schon vorher Ausnahmen und es ist auch gewollt an der OGS festzuhalten, sie wurde gerade überarbeitet und liegt zur Beschlussfassung vor. Bisher mussten wir uns auch keine Gedanken machen, weil – leider – von allen Bauträgern meist nur Doppelhäuser eingereicht werden, was wohl lukrativer ist.“

Ab jetzt stellt die Sylter Rundschau in loser Folge ausgewählte Beiträge des Kampener Architekturwettbewerbs als Serie vor.

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