Geburtenstation : Wird bald der letzte Sylter geboren?

Ob 2014 noch Kinder in der Asklepios Nordseeklinik geboren werden, ist fraglich.
Ob 2014 noch Kinder in der Asklepios Nordseeklinik geboren werden, ist fraglich.

Die Zukunft der Geburtenstation sieht düster aus, das neue Asklepios-Konzept eines Geburtshauses unter Regie der Hebammen scheint wenige Fans auf der Insel zu finden.

23-49534700_23-54758767_1377617703.JPG von
16. November 2013, 13:00 Uhr

Innerhalb der nächsten eineinhalb Monate muss in Sachen Geburtenstation auf Sylt eine Lösung gefunden werden – ansonsten kommen in der Nordseeklinik keine Babys mehr zur Welt. Beim Ringen um die Zukunft der Station sieht Eberhard Eberle, Vorsitzender des Gesundheitsausschusses, langsam schwarz. Auch, weil dem SPD-Mann nicht mehr klar ist, wer eigentlich um was ringt: „Vom Gesundheitsministerium bin ich schwer enttäuscht“, sagt Eberle, „dass die Klinik dort so einfach aus der Verantwortung entlassen wird, ist mir unbegreiflich.“

Hintergrund: Die Klinik-Geschäftsführung hatte Gesundheitsstaatssekräterin Anette Langner vergangene Woche einen Konzeptentwurf vorgestellt, wie Geburten auf Sylt auch ohne Gynäkologen, die als Belegärzte in der Klinik arbeiten, möglich sein sollen. Der Entwurf sieht vor, dass die drei Hebammen der Insel zum ersten Januar 2014 (dann enden die Verträge der Gynäkologen) ein Geburtshaus in den Räumen der Geburtsstation führen sollen. Weiter ist geplant, dass Chirurgen der Klinik dazu ausgebildet werden, in Notfällen Kaiserschnitte vorzunehmen. Zudem sollen die Hebammen telemedizinsch mit dem Festland vernetzt sein. Ende November will das Unternehmen das fertige Konzept im Gesundheitsministerium vorstellen.

Ob es dann allerdings auch umgesetzt wird, ist fraglich: Nachdem die Klinikleitung ihre Idee in Kiel vorgestellt hatte, präsentierte sie es den Insel-Hebammen. Deren Reaktion war eindeutig. „Ohne Gynäkologen mache ich bei einem Geburtshaus nicht mit“, sagt die jetzige Beleghebamme Cornelia Bäcker, „die Frauen haben das Recht, von einem Facharzt versorgt zu werden.“ Abgesehen davon würde sich die Zahl der Geburten auf der Insel voraussichtlich um die Hälfte reduzieren, da geplante Kaiserschnitte und Frauen mit risikoreicheren Schwangerschaften auf dem Festland gebären würden: „Und mit 50 Geburten, die auf drei Hebammen aufgeteilt werden, können wir uns finanziell nicht über Wasser halten.“ Für Dienstag ist ein weiteres Gespräch zwischen Klinik und Hebammen angesetzt.

Auf die Frage, ob es ab ersten Januar keine Geburten mehr auf Sylt gibt, sollten die Hebammen oder auch die Chirurgen das Konzept nicht umsetzen wollen, schreibt Asklepios-Sprecher Rudi Schmidt: „Die Antwort auf diese Frage kenne ich nicht. Sowohl die Hebammen als auch der Gynäkologe sind frei, eine eigene Lösung zu organisieren.“ Die Gynäkologen wollen nicht weiter in der Klinik arbeiten, weil sie ab Januar ihre Haftpflichtversicherung in Höhe von rund 40 000 Euro selbst tragen müssten (wir berichteten). Schmidt weist darauf hin, dass dies der Klinik durch das neue Anti-Korruptionsgesetz verboten sei. In einer Mitteilung des Gesundheitsministeriums heißt es allerdings, in der Problematik der Geburtshilfe spiele „die in der Diskussion stehende Haftpflichtversicherung (...) eine eher untergeordnete Rolle“, sagt Ministeriumssprecher Christian Kohl.

Und weiter:„Asklepios hat derzeit einen Versorgungsauftrag für die Geburtshilfe auf Sylt.“ Die Geburtsstation sei eine Geburtsklinik der niedrigsten Versorgungsstufe von insgesamt vier Stufen . Dort „sollen nur Frauen entbinden, die sich schon in der 36. Schwangerschaftswoche befinden und weder für die Mutter, noch für das Neugeborene ein Risiko erwartet wird.“ Im Gespräch mit Staatssekretärin Langner habe die Klinikleitung mitgeteilt, dass sie diesen Versorgungsauftrag nicht weiter aufrechterhalten könne, so Kohl weiter. Daraufhin sei die Klinikleitung aufgefordert worden, das oben beschriebene Konzept auszuarbeiten: „Soweit das Konzept im Ministerium auf Zustimmung stößt, würde der Versorgungsauftrag der Klinik entsprechend angepasst werden.“ Was allerdings passiert, wenn dieses Konzept auf der Insel nicht umsetzbar ist und der Versorgungsauftrag in sechs Wochen nicht mehr erfüllt wird, ist unklar. Sollte es dem Träger einer Klinik faktisch nicht möglich sein, den Versorgungsauftrag umzusetzen, weil das notwendige Fachpersonal trotz Anstrengung nicht gewonnen werden kann, müsse dies dem Ministerium nachvollziehbar dargelegt werden, erklärt Kohl: „Ein Automatismus in der Konsequenz gibt es nicht, sondern dies wird individuell geprüft.“

Dr. Rainer Stachow, der momentan im Notfall die Neugeborenen in der Nordseeklinik versorgt, sieht das vorgeschlagene Konzept kritisch: „Ich halte es unter den heute eigentlich sehr hohen Qualitätsstandards in der Geburtshilfe für außerordentlich fragwürdig, wenn Hebammen die alleinige Verantwortung für die Geburt übertragen bekommen und Chirurgen im Notfall Geburtshilfe betreiben sollen, was sie nicht gelernt haben“, sagte der Kinderarzt. Er sieht die Problematik auch als gesamt-gesellschaftliches Problem. Sylt sei in der Debatte um die Geburtshilfe nur die medienwirksame Spitze des Eisberges: Er halte die hohen Versicherungssummen für Hebammen und Gynäkologen zwar keinesfalls für ungerechtfertigt – doch er sehe es als Aufgabe des Staates, hier einzuspringen und gerade Kliniken mit kleinen Geburtenstationen gegebenenfalls finanziell unter die Arme zu greifen. In Zeiten „dramatisch rückläufiger Geburtenzahlen“ müsste dies als gesellschaftliche Aufgabe dringend angepackt werden.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen