Öffentlicher Nahverkehr : Wird Bahnstrecke Flensburg-Niebüll reaktiviert?

Im Dornröschenschlaf: Die Weiterführung der Trasse von Weiche in die Flensburger Innenstadt setzt das Land voraus, soll die Westküsten-Verbindung nach Niebüll wieder aufleben. Foto: sh:z
Im Dornröschenschlaf: Die Weiterführung der Trasse von Weiche in die Flensburger Innenstadt setzt das Land voraus, soll die Westküsten-Verbindung nach Niebüll wieder aufleben. Foto: sh:z

Die Idee liegt auf der Hand und ist dennoch bislang nicht mehr als eine kühne Vision: Der Landes-Nahverkehrsplan sieht eine Wiederbelebung der brachliegenden Strecke von Flensburg nach Niebüll vor.

shz.de von
16. Oktober 2008, 07:12 Uhr

Flensburg / Kiel | Zukunftsmusik im Entwurf zum neuen dritten Landes-Nahverkehrsplan: Unter dem Szenario "Perspektive" findet sich dort eine Maßnahme, die so manchen Bahnkunden zwischen Westerland, Niebüll und Flensburg entzücken dürfte. Von einer Reaktivierung der Strecke Flensburg - Niebüll ist die Rede, von einer Bedienung gar im Stundentakt.

Die Strecke, auf der 1981 der letzte Personenzug zuckelte, müsste, wie es so schön heißt, "ertüchtigt" werden, der Bau von fünf Bahnhöfen sei im Fall der Fälle angedacht. Im Zuge dieser Maßnahme könne eine "Durchbindung" einiger Züge von Kiel bis Westerland realisiert werden.

Das Land hat durch den Trassensicherungsvertrag mit der Bahn-Tochter DB Netz AG Zugriff auf die Strecke. Kiel lässt sich diese Sicherung einiges kosten. Um diverse Schienenstränge landesweit vor einer möglichen Bebauung zu schützen, muss ein hoher fünfstelliger Betrag aufgewendet werden.
"Womöglich ist das Potenzial noch höher"

Wie gesagt, es handelt sich explizit um "Perspektiven" - um angesichts der prognostizierten Nachfragezuwächse notwendige und sinnvolle Angebotsmaßnahmen. "Wir haben diese Strecke schon länger für interessant gehalten", betont Dennis Fiedel, Sprecher der Landesweiten Verkehrs-Servicegesellschaft (LVS), die den Entwurf vorgelegt hat. Man könne sich vorstellen, dort einen lohnenden Schienenpersonennahverkehr zu betreiben. Etwa 1000 Fahrgäste täglich prognostiziert Fiedel. "Womöglich ist das Potenzial noch höher." Denn Flensburg werde demografischen Untersuchungen zufolge weiter wachsen.

Bislang wird die Strecke von der Autokraft betrieben. Die Busse brauchen von Flensburg bis Niebüll 56 Minuten und fahren nahezu im Stundentakt. Bahnreisende müssten den Umweg über Husum nehmen. Fahrtzeit: mindestens eine Stunde, 43 Minuten.
80 statt 120 Minuten unterwegs

Der LVS zufolge könnte die 38 Kilometer lange Distanz nach der "Ertüchtigung" in 40 bis 45 Minuten zurückgelegt werden. Die Verbindung Flensburg - Westerland/Sylt, für die man bislang zwei Stunden braucht, wäre dann in rund 80 Minuten zurückzulegen.

Dafür wären allerdings erhebliche Modernierungsmaßnahmen und die Schaffung neuer Bahnübergänge erforderlich. Überdies der Bau von neuen Bahnhöfen, angedacht in Leck, Schafflund, Wallsbüll, Handewitt und Lindholm. Fiedel nennt Investitionskosten im Bereich eines dreistelligen Millionenbetrages.
Die wenigsten fahren Niebüll - Flensburg

Allein deshalb hält Thorsten Hinrichs, Betriebsleiter bei der Autokraft in Flensburg, das Vorhaben für "völlig unrealistisch". Es lohne sich schlicht nicht - das hätten schon vorangegangene Erhebungen bestätigt. Der Schnellbus befördere zwar 1000 Passagiere täglich, doch die wenigsten Gäste würden die gesamte Strecke zwischen Niebüll und Flensburg zurücklegen. "Die meisten Kunden verteilen sich auf kleinere Abschnitte, die von der Bahn gar nicht bedient werden könnten", sagt Hinrichs. "Allein vier Schulstandorte sind darunter." Sollte wider Erwarten die Bahnstrecke durchgesetzt werden können, müsse man den Busverkehr selbstverständlich angleichen. Aber: "Wir sehen die Entwicklung ganz entspannt."

LVS-Sprecher Fiedel verweist darauf, dass die Autokraft überwiegend auf eigenes Risiko fahre. Im Jahre 2000 habe es lediglich eine kleine Anschubfinanzierung seitens des Landes gegeben. Seitdem sind die Gästezahlen, nicht zuletzt aufgrund wachsender Qualitätsstandards, um 15 bis 20 Prozent gewachsen. Dennis Fiedel bestätigt: Für die Buslinie gebe es keine direkten Landesmittel; zum Start sei aber Geld für die Einführungskampagne und die begleitende Marktforschung geflossen. "Buslinie und die mögliche Bahnlinie müssten sich ergänzen, sicher wären Anpassungen bei der Buslinie dann sinnvoll." Dazu Hinrichs: "Wir sind jederzeit bereit, zusammen mit den Landkreisen und der LVS nach gemeinsamen Lösungen zu suchen. "
Nahverkehrsplan
Vorgänger des jetzt im Entwurf vorliegenden dritten Landes-Nahverkehrsplanes waren die schleswig-holsteinischen Nahverkehrspläne von 1997 und 2002. Die Pläne werden erarbeitet von der Landesweiten Verkehrs-Servicegesellschaft (LVS).

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