„Wir wollen keine Events veranstalten“

Hoffnungsvolle junge Musiker: Irene Schulte-Hillen (o.re.) mit Stipendiaten der Deutschen Stiftung Musikleben  Fotos: D.Ausserhofer
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Hoffnungsvolle junge Musiker: Irene Schulte-Hillen (o.re.) mit Stipendiaten der Deutschen Stiftung Musikleben Fotos: D.Ausserhofer

18. Sommerkonzert der Deutschen Stiftung Musikleben (DSM) in St. Severin / Interview mit der DSM-Präsidentin Irene Schulte-Hillen

shz.de von
26. Juli 2018, 06:00 Uhr

Morgen findet das bis auf wenige Restkarten ausverkaufte 18. Sommerkonzert der Deutschen Stiftung Musikleben (DSM) in St. Severin statt. Im Interview schildert Irene Schulte-Hillen, Präsidentin der DSM, welche Bedeutung dieses Konzert für die Arbeit der DSM hat, welche Musik sie selbst gern hört, und warum sie eigentlich keine Events veranstaltet.

Frau Schulte-Hillen, bereits zum 18. Mal findet das Sommerkonzert in St. Severin statt. Es zählt zu den Highlights des Sylter Sommers, ist hoch begehrt, ein Event mit Promistatus. Ein Selbstgänger. Sind Sie trotzdem oder gerade deswegen aufgeregt?

Ja, gerade deswegen. Denn Sie müssen bedenken, dass wir ein Konzert mit teilweise sehr jungen Musikern präsentieren, mit denen wir zwar im regen Austausch stehen, aber mit denen wir vor Ort kaum proben können. Das Konzert entsteht als Idee im Kopf, aber einen kompletten Durchlauf bekommen wir nie hin. Die Künstler gehen teilweise noch zur Schule und können nicht Tage vorher anreisen. Deshalb habe ich einen gesunden Respekt vor der Aufführung. Zum Glück hat die Stiftung hoch engagierte Mitarbeiter, die in der Vorbereitungsphase einen sehr detaillierten Zeitplan erstellen.

Welche Rolle spielt das Sylter Konzert für die Spendeneinnahmen?

Inzwischen ist es ein sehr schöner Betrag, der jedes Jahr auf Sylt zusammen kommt, wohl knapp zehn Prozent unseres Jahresetats spenden uns alte und neue Freunde anlässlich des Keitumer Sommerkonzertes. Wie Sie wissen, finanzieren wir uns zu annähernd 100 Prozent aus Spenden.

Wie wichtig sind Events wie das Keitumer Konzert für das Marketing der Stiftung?

Wir wollen keine Events veranstalten. Das Sommerkonzert in Keitum hat sich fast ohne unser Zutun zu einem gewissen Ereignis entwickelt, weil – ohne dass wir das damals ahnten – im Juli hier sehr viele Menschen urlauben, die uns bereits kennen und die Gelegenheit nutzen, endlich einmal gut erholt ein Konzert der Stiftung zu besuchen. Unsere Förderer leben ja – genau wie unsere Geförderten – in ganz Deutschland verstreut. Dazu kommt, dass es damals auf der Insel ein gewisses Defizit an musikalischem Angebot gab. Das hat auch geholfen. Zu uns kommen die Menschen aber, weil sie große Musikliebhaber sind und hier die Muße haben, fern von Alltagssorgen ein Konzert an einem wirklich einzigartigen Ort zu besuchen. Also noch mal: wir haben hier keinen Event geplant, das hat sich einfach so entwickelt.

Welche Aufgaben, welche Art der Förderung, übernimmt die DSM?

Wir begleiten die hoffnungsvollsten jungen Musiker in der Klassik ab einem Alter von zwölf Jahren bis zur Konzertreife. Zum einen fördern wir gezielt mit Stipendienprogrammen, sorgen für interessante Auftrittsmöglichkeiten, veranstalten also viele kleine und gelegentlich auch große Konzerte. Zum anderen hat sich der Deutsche Musikinstrumentenfonds zu einem zentralen Projekt unserer Förderung entwickelt. Mittlerweile verwalten wir mehr als 180 wertvolle Violinen, Celli, Bratschen und Kontrabässe, viele von Ihnen treuhänderisch aus staatlichem oder privatem Eigentum und vergeben die Instrumente über einen sehr anspruchsvollen Wettbewerb an die besten jungen Musiker im Lande.

Die Zahl der jungen, sehr begabten Musiker ist hoch, ihre Berufschancen sind aber sehr begrenzt. Ist es da zu verantworten, sie mit Stipendien zu fördern?

Also, ich möchte jetzt nicht arrogant klingen, aber uns zeichnet aus, dass wir sehr systematisch und sehr früh suchen und für lange Zeit begleiten. Wir kennen unsere Stipendiaten wirklich gut. Unser Credo ist, wirklich nur die zu fördern, die gute Chancen haben, aus ihrer Leidenschaft und ihrem Talent später einen Beruf zu machen. Wir haben gerade in den letzten beiden Jahren einmal geforscht, wer bei uns war. Und da zeigt sich schon, dass aus wirklich fast allen etwas geworden ist. Übrigens auch große Stars wie Julia Fischer oder Baiba Skride. Aber es gibt ja für Musiker mehr Berufe als nur den des Solisten. Wir haben allein 300 Musiker unter unseren ehemaligen Stipendiaten gefunden, die heute in großen Orchestern spielen, häufig sogar als Konzertmeister. Dazu kommen sehr viele, die als Kammermusiker arbeiten und eigene Ensembles gegründet haben, wie zum Beispiel das Artemis- oder das Armida-Quartett. Und unter unseren Alumni befindet sich eine beachtliche Zahl von Professoren an den großen deutschen Musikhochschulen. Alle können auskömmlich von ihren Jobs leben.

Warum glauben Sie, spenden Menschen für die Förderung junger Musiker?

Entweder sind es Musikkenner und Klassik-Enthusiasten oder aber Menschen, die bei Konzerten und Kammermusikfesten der Stiftung unseren Stipendiaten persönlich begegnet sind und von deren Persönlichkeit, Disziplin und Leidenschaft für die Musik geradezu überwältigt sind.

Hören Sie eigentlich ausschließlich klassische Musik?

Nein, ich höre auch gerne guten Rock, die Beatles oder Jazz – wie wir doch alle. Die Grenzen zur Klassik empfinde ich oft als fließend. Warum sollte man die Musikrichtungen auch gegen einander ausspielen? Ich bin nur kein Freund von Cross-Over-Musik, die mag ich gar nicht.

Die DSM, das sind vor allem auch Sie als Person, als Persönlichkeit, die gesellschaftlich sehr gut vernetzt und hoch geachtet ist. Wie wichtig ist Ihre Person für die Stiftung? Oder anders gefragt, was würde geschehen, wenn Sie Ihren Vorsitz niederlegen würden?
Unser Alltag ist nicht von gesellschaftlichen Highlights geprägt. Überhaupt nicht. Ich habe gemeinsam mit Gleichgesinnten etwas aufgebaut, ohne groß darüber nachzudenken, wer das in Zukunft weiterführen soll. Ein Problem ist vielleicht auch – wenn man es denn ein Problem nennen will – wer würde es ehrenamtlich machen, so wie wir heute?

Bauen Sie denn schon jemanden als Nachfolge auf?

Seit einiger Zeit schaue ich schon ganz genau hin. Wenn man ein Förderprogramm mit Begeisterung aufbaut, ahnt man ja nicht, wie umfassend die Aufgabe einmal sein wird. Vielleicht war ich da auch naiv. Neben der Leistung unseres sehr kompetenten Teams wird ein wesentlicher Teil der Arbeit in unserer Stiftung nach wie vor ehrenamtlich oder pro bono geleistet. Für die Zukunft werden wir uns möglicherweise etwas anders aufstellen müssen.

Davon sind Sie aber noch weit entfernt?
Das will ich gar nicht sagen. Aber ich möchte das Aufgebaute auf einen sicheren Weg bringen. Es ist mir sehr wichtig, dass die Stiftung auch in Zukunft die Erwartungen ihrer phantastischen Stipendiaten erfüllen kann.


Freitag, 27. Juli 2018, um 18 Uhr in die Kirche St. Severin zu Keitum

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