Kriegsende auf Sylt : Wir sollten den Hindenburgdamm restlos sprengen

Die Besatzer wurden an etlichen Sylter Häusern mit weißen Flaggen und Tüchern empfangen
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Die Besatzer wurden an etlichen Sylter Häusern mit weißen Flaggen und Tüchern empfangen

Erinnerungen an das Ende des Zweiten Weltkriegs auf Sylt und die Folgen für die Insel

shz.de von
08. Mai 2015, 05:30 Uhr

Im Mai 1945 zerfällt das Tausendjährige Reich in Schutt und Asche. Der Krieg ist endlich vorbei. 700 Syltern hat er das Leben gekostet – in Russland, der Normandie oder auf einem anderen der zahlreichen Schlachtfelder.

Und nicht nur dort: Noch wenige Tage vor der Kapitulation wird ein junger Sylter Soldat in den Westerländer Dünen von einem Exekutionskommando erschossen. Sein vermeintliches Vergehen: Weil er sich heimlich mit seiner Freundin getroffen hatte, wurde er der Fahnenflucht beschuldigt.

Mit solch unmenschlichen Taten ist es keine zwei Wochen später endgültig vorbei. Am 7. Mai 1945 erklärt die deutsche Wehrmacht den Alliierten ihre bedingungslose Kapitulation, am 9. Mai tritt sie in Kraft. Wenige Tage später landen britische Einheiten der „Royal Navy“, des „58. Light Antiaircraft Regiments“ und der „Air Disarmament Wing 8302“ auf der Insel.

Sie rollen gleichsam durch die Hintertür auf die Insel. Denn stets hatte man einen Angriff von See befürchtet und die Dünen mit zahllosen Flakstellungen, Geschützbunker und MG-Nestern gepflastert. Doch nun nimmt die britische Vorhut ungehindert den Weg über den Hindenburgdamm, auch die Panzersperre – Reste von ihr sind noch heute an den Bahngleisen bei Morsum zu sehen – bereitet den drei Panzerspähwagen kein sonderliches Hindernis.


Verschärft wurde die Situation durch die unzähligen Flüchtlinge


Als ersten Sylter Ort erreichen die Besatzer Morsum. „Sie fuhren durch das Dorf, hielten aber nicht an. Einige Bewohner hatten weiße Tücher aus den Fenstern gehängt. Ansonsten aber verlief dieser besondere Tag eigentlich ganz normal“, erinnert sich die Morsumerin Anna Schröder.

Auch für Sylt ist der Zweite Weltkrieg damit vorbei. Was jedoch kaum einer weiß: Fast hätte sich das Dritte Reich von der Insel mit einem Paukenschlag verabschiedet. Mit Unbehagen erinnerte sich der mittlerweile verstorbene Oberleutnant Ernst Baumann an die letzten Kriegstage: „Wir hatten Soldaten im Minenräumen ausgebildet.

Dann kam es zu jener denkwürdigen Besprechung: Der Engländer sollte noch eine harte Nuss zu knacken bekommen. Wir sollten das noch reichlich vorhandene Munitionsmaterial nehmen und den Hindenburgdamm restlos sprengen. Doch ganz abgesehen davon, dass die Vorbereitungen für eine solche Sprengung mehrere Wochen in Anspruch genommen hätten, fehlte uns außerdem das technische Gerät dafür.“

Der Krieg also ist vorbei, doch das Elend bleibt. Denn es mangelt an allem. Die Essensrationen sind knapp, es gibt fast keine Kartoffeln und kein Fleisch, stattdessen aber Kohlrüben in vielen Variationen. Mit allen Mitteln versuchen die Menschen, sich etwas Brennmaterial für die heimischen Öfen zu beschaffen. Von den Zügen werden Kohleladungen gestohlen, auf der Insel verschwinden Gartenpforten, Fahnenstangen und sogar das Geländer der Westerländer Promenade als Feuerungsmaterial über Nacht.

Erheblich verschärft wurde die Situation durch die unzähligen Flüchtlinge, die auf die Insel strömten. Am 24. Februar 1945 erreichte kurz nach Mitternacht der erste Vertriebenen-Transport Sylt. Bis 1947 sollten es fast 14  000 Flüchtlinge sein, die in Privathaushalten und 18 Lagern einquartiert wurden. Auf Sylt lebten nun plötzlich 26  000 statt zuvor 12  000 Menschen.

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