Morsum auf Sylt : „Wir sind Gottes letzte Botschaft“

Relief mit Darstellungen aus dem Leben Jesu am Kanzelkorb der Morsumer Kirche
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Relief mit Darstellungen aus dem Leben Jesu am Kanzelkorb der Morsumer Kirche

Angesichts einer kunstvoll geschnitzten Darstellung der Geburtsgeschichte Jesu in St. Martin kommt Rundschau-Autor Klaus Lorkowski ins Nachdenken über die Bedeutung von Weihnachten

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23. Dezember 2017, 05:29 Uhr

Morsum, Kirche St. Martin, an einem frühen Dezembermorgen. Im Sylter Osten ist es zu dieser Jahreszeit ganz still. Die aus dem 12. Jahrhundert stammende Kirche ist bereits geöffnet. Ich bin der einzige Besucher. Gezielt steuere ich die erste Reihe an, nehme direkt gegenüber dem 1698 aus Eichenholz gefertigten Kanzelkorb Platz. Auf sechs Relieffeldern finden sich Darstellungen aus dem Leben Jesu. Der Künstler hat sogar sein Monogramm hinterlassen. Pastor Jochim Hartung, Verfasser des informativen und reichlich bebilderten Führers zu St. Martin, vermutet ihn im Handwerkerkreis um den Langenhorner Bildhauer Süncke Jenssen.

Mein Blick sucht die kunstvoll geschnitzte Darstellung der Geburtsgeschichte im Stall von Bethlehem. Der Evangelist Lukas erzählt nicht nur vom Kind in der Krippe und von Maria und Joseph. Er erwähnt auch die Hirten, die vom Feld zum Stall eilen, um „das Ereignis zu sehen, das uns der Herr verkünden ließ“ – so die biblische Einheitsübersetzung. Der unbekannte Künstler hat daraus eine überaus lebendige Szene voller Dynamik gestaltet. Es scheint, als habe er in dieses wuchtige eicherne Gehölz eine Botschaft von nicht zu unterschätzender Bedeutung hinein gearbeitet.

Auf Sylt finden sich etliche Darstellungen, die das Jesuskind mit seiner Mutter Maria zeigen. Ein Bild auf der Kanzel der Dorfkirche St. Niels zeigt Jesus nackt und bloß in der Krippe, lediglich von einer Windel umhüllt. In der Wenningsstedter Friesenkapelle trohnt eine Madonna mit dem Jesuskind auf dem Schoß an der Brüstung der Empore und blickt auf die Gemeinde. Jesus hält in seiner Rechten eine Kugel. Ist es ein Apfel? Oder die Weltkugel? Vor der katholischen Pfarrkirche St. Christophorus in Westerland zeigt eine eiserne Skulptur Maria mit ihrem Sohn. Er hält beide Arme, geformt wie der Querbalken eines Kreuzes, empfangend dem Besucher entgegen.

In Morsum aber ist das ganz anders. Hier gibt es eine deutliche Unterscheidung zu all den anderen Darstellungen. Das Jesuskind hat keine Arme und Hände – zumindest keine sichtbaren! Unter einem dicken Tuch sind sie (bewusst?) verborgen. Lediglich der Kopf, stark gerundet und wohl genährt, ist zu sehen. Die Arme und Hände der anderen Personen aber sind um so deutlicher zu erkennen. Sie machen, neben den vielen Falten in den einzelnen Kleidungsstücken, vor allem die Dynamik dieser Darstellung aus. Sie sind gar „redende“ Hände, die dem Betrachter eine Botschaft vermitteln wollen.

Maria bildet mit ihren Armen quasi eine schützende Hülle. Die aber ist am unteren Rand durchbrochen, als wolle sie letztlich ihrem Kind den Weg in die Welt hin öffnen. Joseph scheint mit geschlossenen Augen und in sich versunken einfach nur da zu sitzen. Die vorne stehende Hirtenfigur will wohl mit ihrer Linken der Krippe und damit dem Kind Halt geben, während seine Rechte, gleich einem geöffneten (Schlangen-)Maul, auf das Jesuskind zielt.

Die Figur hinter der Gottesmutter verdient besondere Aufmerksamkeit. Mit weit geöffneten Augen und zum Kind geneigten Kopf mag dieser Hirte ein erstes Wissen von der Botschaft der Engel haben, die ihn zum Stall eilen ließ. Es gelingt ihm gerade noch, mit seinem rechten Arm eines seiner Tiere zu halten, während er mit der anderen Hand ungetüm nach der Kleidung seines Kameraden greift, um auch ihn aufmerksam zu machen und in das Geschehen mit einzubeziehen. Teilnahmslos – oder sind sie eher fassungslos ob des Geschehens – scheinen die beiden Figuren im Hintergrund. Die mittlere Hirtenfigur wirkt gedankenverloren. Die rechte Randfigur, mit dem Transport eines Kruges voll in Anspruch genommen, erscheint eher wie eine die Szenerie rahmende Staffage.

Ich muss noch einmal auf Joseph zurückkommen. Er blickt gedankenverloren drein. Ob er bereits eine Ahnung vom Geschick dieses Kindes hat? Der Weg vom Stall zu Bethlehem wird einst am Kreuz von Golgatha enden. Die Erklärung dafür ist nur allzu plausibel: Mit diesem Kind nämlich wird eine neue Qualität des Lebens, des Miteinander-Umgehens, aber auch eines neuen Verständnisses von Gott aufgetan und einher gehen. Praktiziert von ihm und tagtäglich vorgelebt. Der Theologe Helmut Gollwitzer spricht vom „aufrechten Gang“, den Jesus den gepeinigten und gedemütigten Menschen durch sein Leben und seine Botschaft aufzeigt. Durch dieses Kind in der Krippe soll ihnen und uns allen die Gabe der Unterscheidung zwischen wirklichem und wahrem Leben vermittelt werden. Ein Signal zur Veränderung ihres Da-Seins – das wäre Leben! Darum war und ist das Kreuz von Golgatha nur konsequent. „Dieser nimmt die Sünder an und hat mit ihnen Gemeinschaft“, so tönt es von den Herrschenden. Ihnen gilt Jesus als Störenfried. Darum muss man ihn beseitigen.

Das ist die Botschaft von Weihnachten, über die sich lohnt, neu nachzudenken. Dafür stehen nicht nur zwei Feiertage zur Verfügung. Auch die stillen Tage „zwischen den Jahren“, wie die Zeit bis zum Jahreswechsel genannt wird. Dem großen Mahatma Ghandi, der sich eingehend mit dem christlichen Gedankengut beschäftigt hatte, nötigte Jesu Predigt und Leben gewaltigen Respekt ab. Mit Blick auf die Christen folgerte er: „Wäret ihr Christen wie euer Herr – ihr wäret unwiderstehlich!“

Szenenwechsel – „Alle hatten Angst davor und waren froh, wenn es vorüber war“, heißt es in der nachdenklich stimmenden Geschichte „Was war das für ein Fest?“ von Marie-Luise Kaschnitz. Da erlaubt sich ein Kind, seine Mutter nach dem Sinn von Weihnachten zu fragen. Es ist die „Unfähigkeit, sich zu freuen“, so die Schriftstellerin, die daneben auch das verbreitete Unwissen über den Sinn dieses Festes thematisiert. Etwas anderes erscheint vielen Gläubigen mehr und mehr Schwierigkeiten zu bereiten. Im Zusammenhang mit der theologischen Deutung der Geburt Jesu spricht der evangelische Theologe Klaus-Peter Jörns von „notwendigen Abschiede(n)“. Was ist darunter zu verstehen? Sein katholischer Kollege Othmar Keel konkretisiert es. Er stellt die Lehre von „Jesu Sühneopfer, um Gott zu versöhnen“, in Frage. Man denke nur an das Kirchenlied: „O Lamm Gottes unschuldig am Stamm des Kreuzes geschlachtet“.

Erneuter Szenenwechsel – Vor mir liegt das kleine Buch von Heiner Geissler mit dem Titel „Kann man noch Christ sein, wenn man an Gott zweifeln muss?“. Der in diesem Jahr verstorbene ehemalige Bundesminister und Jesuitenzögling macht sich in einem Kapitel Gedanken auch über den Sinn von Weihnachten und hadert mit der Deutung, dass dem „armseligen Baby im Viehstall“ späterhin „am Kreuz qualvoll“ der Tod ereilen wird, nur um die Menschheit „dadurch von allen Sünden (zu) befreien“. Hart geht er mit der so genannten „Opferlamm-Theologie“ ins Gericht. Er fragt: „Was ist das für ein Gott, der uns erst auf der Frage sitzen lässt, warum er Schmerz und Leid überhaupt ermöglicht hat – nur um uns hinterher mit dem komplizierten Manöver des von einer Jungfrau geborenen Sohn Gottes davon wieder zu befreien?“ Der Autor handelt alle gängigen Erklärungsmodelle ab – und kommt zu keiner Lösung. Es bleiben Fragen über Fragen. Sein Resümee aber fällt keineswegs resignativ aus. Am Schluss seines Büchleins spricht er von der Dynamik der „glänzendste(n) Botschaft der Menschheit … die auch heute noch die Welt verändern kann.“ Denn Christus habe „der Nächstenliebe, das heißt der Solidarität unter den Menschen, denselben Rang gegeben wie der Gottesliebe.“

Hier spannt sich für mich der Bogen zu dem ohne sichtbare Arme und Hände dargestellten Jesuskind an der Morsumer Kanzel. Ein uraltes Gebet fällt mir ein. Es scheint zu Geisslers Quintessenz ebenso zu passen wie zu der eichernen Jesusfigur. So lautet sein Text: „Christus hat keine Hände, nur unsere Hände. Um seine Arbeit heute zu tun. Er hat keine Füße, nur unsere Füße. Um Menschen auf seinen Weg zu führen. Christus hat keine Lippen, nur unsere Lippen. Um Menschen von ihm zu erzählen. Er hat keine Hilfe, nur unsere Hilfe. Um Menschen an seine Seite zu bringen. Wir sind die einzige Bibel, die die Öffentlichkeit noch liest. Die einzige Botschaft, die die Welt noch glaubt. Wir sind Gottes letzte Botschaft in Taten und Worten geschrieben.“


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