Interview mit Dehoga-Geschäftsführerin : „Wir sind eine Branche der Chance“

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Im Interview spricht Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Dehoga Bundesverbands, über das Verhältnis zur Politik und das Image der Branche.

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12. Juli 2014, 06:00 Uhr

Auf Einladung des Sylter Bundestagsabgeordneten Ingbert Liebing (CDU) kam Anfang der Woche die Hauptgeschäftsführerin des Dehoga Bundesverbandes (Deutscher Hotel- und Gaststättenverband), Ingrid Hartges, nach Sylt, um sich hier mit Gastronomen und Hotelliers über aktuelle Entwicklungen und Probleme der Branche auszutauschen. Im Interview mit Michael Stitz erläuterte Ingrid Hartges, welche Herausforderungen durch neue Verordnungen und Gesetze auf ihre Branche zu kommen, aber auch welche Chancen gerade für junge Menschen bestehen, wenn sie sich für einen Beruf in Hotellerie und Gastronomie entscheiden und wie sie die Bereitschaft der Gäste einschätzt, wenn es um Preise auf Speisekarten geht.

Frau Hartges, ist es heute schwerer geworden, Gastronomie und Hotellerie zu betreiben, weil es zu viele Formalismen gibt?

In der Tat ist es eine große Herausforderung, sich in unserer Branche selbstständig zu machen. Die Bürokratie hat definitiv zugenommen, wenn man allein die geplante Allergen-Kennzeichnung oder die Dokumentationspflichten im Zusammenhang mit dem Mindestlohn sieht. Der Arbeitstag vieler Gastronomen beträgt oft 12 Stunden und mehr. In dieser Zeit sollten Unternehmer nicht mit zusätzlichen Bürokratie-Belastungen von ihrem Kerngeschäft abgehalten werden.

Der Gesetzgeber möchte mit den Vorschriften ja vor allem den Verbraucher schützen. Das ist doch ein positives Anliegen - oder?

Verbraucherschutz ist elementarer Bestandteil der Gastfreundschaft. Insofern sind die Ansinnen der Politik grundsätzlich in Ordnung. Die Regeln und Auflagen sollten allerdings praxistauglich sein. Diese neue Form der Über-Bürokratie und Verordnungswut erhöht nicht die Freude am Beruf.

Ist die Politik mit ihrer Verordnungswut aus Ihrer Sicht der Feind der Gastronomie und Hotellerie?

Unsere Branche ist Mittelstand pur mit 1,8 Millionen Beschäftigten. Das wird in manch politischer Debatte nicht so richtig wahrgenommen. Da ist der Dialog noch ausbaufähig. Ich glaube, ein Politiker ist gut beraten, mit seinem Wirt oder Hotelier vor Ort zu sprechen und sich dessen Alltags-Sorgen anzuhören. Dabei sollte sich die Politik stets darüber im Klaren sein, dass wir standorttreu sind. Wir verlagern keine Betriebe und Arbeitsplätze ins Ausland.

Als sich die Politik vor vier Jahren mit der Mehrwertsteuer-Senkung für die Hotellerie eingesetzt hat, entwickelte sich geradezu eine öffentliche Empörungswelle. Das Image der Branche scheint an sich nicht besonders gut zu sein. Oder was ist da schief gelaufen?

Die Kritik war völlig unverhältnismäßig. Ich glaube, das Thema wurde politisch instrumentalisiert. Denn die Steuersenkung war nicht mehr als eine überfällige Anpassung an die Realitäten in einem vereinten Europa. Schließlich gelten in 24 von 28 EU-Staaten – meist seit Jahrzehnten – reduzierte Mehrwertsteuersätze für Beherbergungen. Die reduzierte Mehrwertsteuer hat einen deutschen Sonderweg beendet. Der deutsche Tourismus hat seitdem faire Wettbewerbsbedingungen. Die Steuersenkung hat wie eine Konjunkturspritze gewirkt. Seit 2010 hat die deutsche Hotellerie fast 2,3 Milliarden reinvestiert. Investitionen, von denen nicht nur unsere Gäste profitieren, sondern auch die Handwerker und Zulieferer vor Ort. Hinzu kommt ein deutlicher Zuwachs an Arbeitsplätzen.

Wie würden Sie das aktuelle Image Ihrer Branche beschreiben?

Es gibt nicht das Image. Es ist ein vielfältiges Bild. Wir haben tolle Leistungsträger, Spitzenköche, charmante Gastgeber und eine überwältigende Zahl an beliebten Gasthäusern. Eine Ausbildung in Gastronomie und Hotellerie erfreut sich immer noch hoher Beliebtheit bei jungen Menschen. 60 000 Azubis sind es aktuell. Die Zahlen sind zwar rückläufig, aber diese Nöte gibt es quer durch alle Branchen. Leider wird Schülerinnen und Schülern immer noch das Bild vermittelt, man müsse Abitur machen und studieren. Die duale Ausbildung bekommt dabei nicht den Stellenwert, der ihr gebührt. Wer eine Ausbildung in Gastronomie und Hotellerie abgeschlossen hat, hat vielfältige Schlüsselqualifikationen erlernt und ist fit für die Berufswelt. National wie international eröffnen sich den jungen Menschen großartige Perspektiven. Wir sind eine Branche der Chance.

Welche Qualitäten verbinden Sie mit Ihrem Blick von außen mit der Gastronomie und Hotellerie auf Sylt?

Hier auf Sylt sieht man, was der Tourismus für eine Destination bedeuten kann, welche wirtschaftliche Kraft er entwickelt und wie bedeutend er für die gesamte Infrastruktur ist. Das Angebot ist sehr breit und vielfältig. Für jeden ist etwas dabei – ob Jung oder Alt, Single oder Großfamilie. Dabei punktet Sylt mit einem hervorragenden Preis-Leistungs-Verhältnis.

Was ist der Gast eigentlich bereit zu zahlen, wenn er Essen geht oder ein Zimmer bucht?

Eine spannende Frage. Denn der Deutsche bekommt insbesondere von den Discountern suggeriert, dass Lebensmittel sehr preiswert sind. Unsere Branche dagegen ist unglaublich arbeitsintensiv. Gerechnet auf den gleichen Umsatz werden in der Gastronomie sechs Mal so viele Arbeitnehmer beschäftigt wie etwa im Lebensmitteleinzelhandel. Die Zubereitung frischer regionaler Küche in unseren Restaurants muss ihren Preis haben. Enorm wichtig wäre, die steuerliche Gleichbehandlung aller Speisen, unabhängig davon, wo diese gekauft oder zubereitet werden. 12 Prozentpunkte mehr Mehrwertsteuer stellen definitiv einen Wettbewerbsnachteil für die klassische Gastronomie dar – im Vergleich zum schnellen Snack auf der Straße oder Fertiggerichten im Supermarkt. Dies wäre übrigens ein klares Signal für mehr Wertschätzung unserer Branche.

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