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Hilfsprojekt : „Wir müssen an die Hand genommen werden“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Rotary-Projekt „Alleinerziehend – aber nicht allein gelassen“ bietet Hilfe und Unterstützung für Alleinerziehende / Betroffene Mutter schildert ihr besonderes Schicksal

Manchmal schlägt das Schicksal erbarmungslos zu. Und das gleich nebenan: erschreckend, mitleidslos und Angst machend. Unbeteiligte Menschen schauen weg, weil sie nicht wissen, wie sie den Betroffenen begegnen können. Freunde und Verwandte ziehen sich zurück, weil Sprachlosigkeit und Hilflosigkeit zu groß sind. Zurück bleiben die einsamen Frauen und Väter mit ihren Kindern.

Dirk Hohhäusel, Lehrer und derzeitiger Präsident von Rotary Sylt, gehört zu denen, die nicht wegschauen. Ihm geht es um alleinerziehende Mütter und Väter auf der Insel – eine Gruppe, die seiner Meinung nach zu der „am wenigsten von der Politik beachteten“ gehört.

Nach außen wird die Fassade der „Ein-Eltern-Familie“ zumeist perfekt aufrecht erhalten: Die überwiegend alleinerziehenden Mütter tun alles, um ihren Kindern ein unbeschwertes Aufwachsen zu ermöglichen. Sie zeigen nach außen Stärke und signalisieren: „Es ist doch alles in Ordnung“. Das kostet Kraft. Und macht die alleinerziehenden Mütter und Väter einsam, denn Zeit und Energie, sich um sich selbst zu kümmern oder sich mit Freunden zu treffen, bleiben kaum.


Frauen und Männern droht soziale Isolation


Abendliche Aktivitäten kosten zudem Geld für die Kinderbetreuung oder den Kinobesuch. Da Geld häufig ohnehin nicht im Übermaß vorhanden ist, wird hier gespart. Den Frauen und Männern droht die soziale Isolation. Auch für die Kinder ist diese Situation nicht leicht, denn sie sehen, dass es ihrer Mutter oder ihrem Vater nicht gut geht. Häufig geben sie sich die Schuld daran, dass ein Elternteil nicht mehr da ist, reden aber nicht über diese Gefühle, um Mama oder Papa nicht noch mehr zu belasten. Ein Teufelskreis der seelischen Not beginnt. An diesem Punkt setzt das Projekt „Alleinerziehend – aber nicht allein gelassen“ an.

Es hat seit seinem Beginn im letzten Jahr nicht nur eine breite Vernetzung unter alleinerziehenden Frauen auf der Insel geschaffen, sondern bietet auch Hilfe zur Selbsthilfe, wenn es um den Umgang mit Behörden, finanzieller Unterstützung oder Betreuungsmöglichkeiten geht. Angeboten werden kostenfreie Coachings, Seminare und Workshops, jeweils mit der passenden Kinderbetreuung, damit die Mütter die Möglichkeit zur Teilnahme haben. Offen ist das Projekt selbstverständlich auch für alleinerziehende Väter, die sich bislang allerdings noch nicht gemeldet haben.


„Jeder ist von unseren Projekt begeistert“


Den Initiator Dirk Hohhäusel erstaunt nach dem ersten erfolgreichen Jahr am meisten, dass es ein solches Projekt bislang auf Sylt nicht gegeben hat. „Jeder ist jetzt davon begeistert. Wir bekommen Unterstützung von Frau Dunker, der Gleichstellungsbeauftragten der Gemeinde Sylt, und Frau Sauer vom Familienzentrum. Mein Rotary-Club und weitere Spender haben die Kosten übernommen und auch mein Schulleiter Herr Feldt hat ohne Zögern für unsere Veranstaltungen die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt“, freut er sich über die Unterstützung, die er jetzt erfährt.

Dass es „Alleinerziehend – aber nicht allein gelassen“ gibt, hilft auch Michaela Sanders. Sie gehört zu den alleinerziehenden Müttern, die viele Schicksalsschläge zu bewältigen haben und nach außen gerne den Eindruck vermitteln, dass sie keine Hilfe bräuchten. Das ist jedoch nicht so. „Mit diesem Projekt nimmt uns endlich einmal jemand an die Hand und tut etwas für mich als Mensch“, fasst sie ihre Gefühle zusammen. „Das brauchen wir einfach, weil uns der Alltag häufig so auffrisst, dass wir nicht mehr die Kraft haben, an uns selbst zu denken oder etwas nur für uns zu organisieren“.

Michaela Sanders und ihr Mann Kai bekommen 2010 nach einer Kinderwunschbehandlung ihren ersten Sohn Keno. „Ich weiß, wie wichtig es ist, in der Öffentlichkeit eine Lobby für uns Alleinerziehende zu schaffen. Deshalb erzähle ich aus meinem Leben“, begründet die 42-Jährige ihre Offenheit der Sylter Rundschau gegenüber. Bei der Geburt von Keno läuft vieles schief. Jahrelange nervenzehrende Auseinandersetzungen mit Versicherungen und Gutachtern folgen. Seit 2004 führt Kai Sanders zusammen mit seinem Geschäftspartner das Restaurant im Kaamp-Hüs, seine Frau ist als Angestellte ab 2007 ebenfalls hier beschäftigt. In Kenos Geburtsjahr ergibt sich die Gelegenheit für Familie Sanders, allein den Betrieb weiterzuführen.

Doch nachdem Keno auf der Welt ist, können Beruf und Familie nicht mehr unter einen Hut gebracht werden. „Schweren Herzens haben wir uns entschlossen, dass es für uns besser ist, das Restaurant aufzugeben“, erzählt die gelernte Hotelfachfrau. Keno, der bei seiner Geburt einen Schlaganfall erlitten hatte, wird von seinen Eltern zeitaufwendig gefördert. „Da ist noch viel möglich, er wird sich machen!“ ist sich vor allem Papa Kai sicher.

Als 2012 Sohn Julius zur Welt kommt, kann Keno noch immer nicht laufen. Immer wieder reist Michaela Sanders – jetzt zusätzlich mit Säugling Julius - mit Keno für längere Therapien nach Pelzerhaken und Bremen, wo sich die Universitätsklinik auf Schlaganfälle spezialisiert hat. Die langen Therapieaufenthalte helfen. Keno lernt laufen, grobmotorisch gleicht er heute seinen Altersgenossen und hat sich geistig so normal entwickelt, dass er in diesem Jahr eingeschult werden kann.


Tragischer zweiter Schicksalsschlag


Als 2015 Kai Sanders seine Familie nach sechs Wochen Therapie in Bremen abholt, zeichnet sich jedoch der nächste Schicksalsschlag ab. „Schon bei unseren Telefonaten kam mir Kai seltsam desorientiert vor“, erzählt Michaela Sanders, die durch Keno mit neurologischen Auffälligkeiten bestens vertraut ist. „Als Kai uns abholte, sah ich, dass er nicht einmal mehr Autofahren sollte“. Kai Sanders wird in Soltau untersucht. Die Diagnose ist niederschmetternd: Ein unheilbarer Tumor sitzt in dem gleichen Gehirnareal, in dem sich auch Kenos Schlaganfall ereignet hat. Nach Kenos Geburtsdebakel erscheint das wie eine bittere Ironie des Schicksals. „Obwohl wir alle wussten, was los war, hat mein Mann immer wieder versucht, mir Mut zu machen und seine Krankheit heruntergespielt. Wir waren so unendlich positiv“, schildert Michaela Sanders die Zeit, in der sie sich nicht nur um ihre zwei Söhne kümmert, sondern auch ihren kranken Mann pflegt.

Zu den gesundheitlichen Sorgen kommen jetzt auch finanzielle Schwierigkeiten. Als es zu einer außergerichtlichen Einigung über Kenos Schmerzensgeldzahlungen mit einer der Versicherungen kommt, nutzen sie und ihr Mann die Chance, die Familie langfristig abzusichern. „Wir haben ein Haus gekauft und die Vermietung, die mein Mann vorher bereits betrieben hat, erweitert“, erzählt Michaela Sanders.

Jetzt stehen für sie die Pflege eines Kleinkindes, eines behinderten Kindes, eines todgeweihten Mannes und der weitere Aufbau der Ferienvermietung auf dem täglichen Programm. „Als Kais Krankheit sich verschlimmerte, hatten wir viel Unterstützung. Seit seinem Tod am 19. August 2016, drei Tage vor meinem Geburtstag, fällt es jedoch vielen Menschen schwer, auf uns zuzugehen. Manche wechseln sogar die Straßenseite, wenn sie mich sehen, weil sie nicht wissen, wie sie mir begegnen sollen.“

Eine Bekannte erkennt die Situation und schreibt Michaela Sanders per Whats App über „Alleinerziehend“.
Bei dem ersten gemeinsamen Ausflug von Müttern und Kindern nach Röm war sie dann als „Neue“ dabei. „Es ist unglaublich wohltuend zu erleben, dass jemand uns an die Hand nimmt und etwas für uns tut. Alles war an diesem Tag bestens organisiert, wir brauchten uns um nichts zu kümmern und durften die Zeit einfach unbeschwert genießen“, freut sie sich. Wie wertvoll und kraftspendend dieser Tag war, lässt sich für Michaela Sanders nicht in Worte fassen. Die Frauen konnten sich untereinander austauschen, während die Kinder Stockbrot gegrillt haben oder Angeln durften. „Ein Junge sagte uns zum Abschied, dieses sei der schönste Tag in seinem Leben gewesen“, erzählt sie gerührt.


„Es gibt noch vieles, was wir alle tun können“


Für diese Aussage lohne sich sein Engagement, findet Dirk Hohhäusel: „Die Freude in den Augen der Kinder auf Röm zu sehen, ist Lohn genug. Deshalb werde ich das Projekt auch nach meiner Amtszeit als Rotary-Präsident fortsetzen. Inzwischen sind die Mütter so gut untereinander vernetzt, dass sie sich selbst helfen und miteinander verabreden. Ob Hilfe beim Einbau des Kindersitzes im Auto gebraucht wird oder es einen Tipp für eine Mutter-und-Kind-Kur gibt. Trotzdem gibt es noch vieles, was wir alle für alleinerziehende Mütter und Väter tun können.“



























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