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Serie Sylter Köpfe : „Wir hatten sehr viel Glück“

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In der Serie Sylter Köpfe erzählen Margot und Dirk Lornsen über ihren Mann und Vater Boy Lornsen, das Leben auf Sylt und was sie sich für die Insel wünschen.

Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt – Generationen von Kindern zog das Buch des Keitumers Boy Lornsen in seinen Bann. 1995 starb der Schriftsteller, Steinbildhauer und Zeichner in Keitum, wo seine Witwe Margot Lornsen und ihr Sohn Dirk bis heute leben. Die Sylter Rundschau hat sich mit den beiden in ihrem „Hüs Krekenskit“ getroffen.

Margot Lornsen hat vor Kurzem erst eine schwere Herz-Operation überstanden. Was genau die Ärzte gemacht haben will sie nicht wissen. „Ich bin noch da und das zählt“, sagt die 83-jährige schlicht. Lebensfreude strahlt sie aus, trotz aller Schicksalsschläge. Denn das Leben schenkte ihr auch diese schicksalhafte, ungewöhnliche Begegnung mit ihrem Mann Boy. Margots Bruder Joachim und ihr späterer Mann waren Kriegskameraden, dessen Eltern Maria und Albert-Paul Lornsen hatten Joachim wie ihren eigenen Sohn angenommen. Es waren die späteren Schwiegereltern, die nicht nur Bruder und Schwerster nach dem Krieg wieder zusammenführten. Sie machten Margot auch mit ihrem zukünftigen Mann bekannt. „Wir hatten sehr viel Glück damals“, resümiert Margot Lornsen.

Margot Schindler, wie sie vor ihrer Heirat hieß, war erst 16 Jahre alt bei ihrer ersten Begegnung mit Boy. Dem damals 25-jährigen hatte sie sofort das Herz gestohlen. „Er war gleich verliebt, doch wollte mich nicht verschrecken.“ Der Krieg hatte aus Margot ein sehr ernstes Mädchen gemacht. Ihr Vater kam mit nur 49 Jahren in einem polnischen Arbeitslager um. Ihre Mutter zerbrach daran. Boy Lornsen umwarb seine Margot langsam. Er lud sie nach Hannover ein, wo er an der Kunstakademie studierte, eroberte mit zahlreichen Briefen ihr Herz. „Joachim warnte ihn: Fang bloß nichts mit meiner Schwester an!“ Boys Antwort kam prompt. Anfangen? Heiraten wolle er sie! Das durfte er natürlich.

Margot und Boy liefen kurz vor ihrem 20. Geburtstag in Brunsbüttel in den Ehehafen ein. „Mein Schwiegervater hatte mich für die Hochzeit ausgestattet wie eine Prinzessin.“ Margot Lornsen empfand tiefe Dankbarkeit für ihre Schwiegereltern. Sie wurden für sie zum Sinnbild für das Gute, Positive im Leben und für eine starke Familienbindung. „Ich habe die russische Besatzung überlebt. Man darf nicht zulassen, dass das Gute im Leben von ungeheuerlichen Ereignissen verdeckt wird“ erzählt Margot Lornsen.

Margot Lornsen und ihr Mann lebten bis zum Jahr 1980 in Brunsbüttel, wo Boy Lornsen seinen eigenen Steinbildhauerbetrieb führte. Er verlor jedoch nie die Bindung zu seiner Heimatinsel, wo seine Eltern jeweils eine Hälfte des Jahres lebten. Die beiden Söhne Cornelis und Dirk kamen jedoch in Brunsbüttel zur Welt. Seine Jungen inspirierten Boy Lornsen zu seinem ersten Kinderbuch „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“. „Boy hat im Grunde beschrieben, wie unsere Söhne spielten.“ Das „Fliewatüüt“ – es konnte fliegen, schwimmen wie eine Ente und auf der Straße fahren – wurde so erfolgreich, dass es 1972 verfilmt und in den 1980er Jahren vom WDR als Serie ausstrahlt wurde.

Auch Lornsens zweites Buch „Jakobus Nimmersatt oder: Der Millionenwald von Poggenbüttel“ wurde zum Kassenschlager. Doch der Erfolg schützte die Familie nicht vor einem weiteren Schicksalsschlag. 1977 starb Sohn Cornelis mit knapp 25 Jahren unterwartet an einer heimtückischen Lungenkrankheit. „Das war eine sehr schwere Zeit. Die vergisst man niemals.“

Doch Margot und Boy Lornsen hatten immerhin noch Sohn Dirk. Als die beiden 1980 ganz nach Sylt zogen, um Maria Lornsen zu pflegen, renovierten Vater und Sohn gemeinsam „Hüs Krekenskit“ – Haus Krähenschiet. „Wir hatten Probleme mit der Kanalisation, daher der Name“, erzählt Dirk Lornsen schmunzelnd. Die Begabung, andere Menschen mit Worten zu begeistern, erbte er von seinem Vater. Dirk studierte Vor- und Frühgeschichte, sah jedoch in der Archäologie keine berufliche Perspektive. 1987 veröffentlichte er sein erstes Buch „Rokal, der Steinzeitjäger“. Fortan waren Vater und Sohn auch beruflich ein Team. Sie lektorierten gegenseitig ihre Bücher, gaben sich Tipps. Und sie pflegten ihre gemeinsame Liebe zu Sylt.

Dirk Lornsen, obwohl in Brunsbüttel geboren, ist im Herzen Keitumer. „Als ich damals nach Sylt zurückkehrte, den Geruch der Heide in der Nase, da musste ich weinen.“ Eine ergreifende Insel-Liebe, die sein Leben bis heute prägt. So wird er auch ganz fuchsig, wenn er über die Entwicklung auf der Insel spricht. „Es geht doch nicht, dass durch die Mondpreise für Immobilien junge Familien hier keine Zukunft haben“, ärgert sich der zweifache Familienvater und frisch gebackene Großvater. Und so versucht der bodenständige Schriftsteller Kindern und Jugendlichen auf seinen Lesereisen zu vermitteln, worauf es wirklich ankommt im Leben: Mit seinem Verstand und seinen Händen etwas zu schaffen. „Handwerker und Landwirte, das sind die wichtigsten Berufe“. Seine Mutter fügt hinzu: „Man muss im Leben auch immer das Positive sehen. Sonst würde man ja allen anderen auch das Leben vermiesen. Das geht doch nicht“, sagt Margot Lornsen zum Abschied. Man wünscht sich viele Menschen mehr, die auch so denken.

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erstellt am 10.Mai.2014 | 06:00 Uhr

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