Margot Käßmann : Wir-Gefühl und Populismus

Wenn jemand einer Frau vorwirft, zu nerven, ist das unhöflich. Wenn Margot Käßmann davon spricht, dass Frauen nerven, jubeln 7000 Menschen, klatschen Beifall.

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03. Mai 2013, 08:56 Uhr

Hamburg | Im lindgrünen Sakko stand die über eine Alkoholfahrt gestürzte frühere Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland am Donnerstag vor einer überfüllten Messehalle. Und vieles war wie immer, wenn der heimliche Star des Kirchentags irgendwo auftritt: Käßmann vermittelte ihrem Publikum ein "Wir-Gefühl", gewürzt mit einer guten Dosis Populismus.
So vergleicht die Ex-Bischöfin die Situation hungerstreikender Gefangener in Guantánamo mit der Lage von Asyl bewerbern in Deutschland. In Guantánamo seien seit elf Jahren Menschen ohne Anklage oder Prozess inhaftiert. "Wir können dort sehen, wie sehr die Glaubwürdigkeit einer Demokratie leidet, wenn Recht nicht zum Recht kommt." In Deutschland litten Flüchtlinge unter schlechten Unterkünften und der Residenzpflicht. "Das ist nicht Rechtsbruch im direkten Sinne, aber es wird als Willkür empfunden." Käßmann vergleicht Äpfel mit Birnen, aber die Kirchentagsbesucher applaudieren. Für Flüchtlinge haben sie sich schon immer gerne eingesetzt. Da ist es wieder, dieses Wir-Gefühl.
Käßmann indes spricht über die Prägnanz der biblischen Schriften: Für das Lesen des Gleichnisses, über das sie spricht, habe sie nur eine Minute gebraucht. "Ist das nicht faszinierend? In 60 Sekunden wird etwas ausgesagt, was Menschen begreifen, ganz gleich, wann sie geboren sind, wo sie leben." Selbst brauchte die Theologin eine gute Stunde für ihre Predigt. Und am Schluss ermutigte sie die Besucher zum fröhlichen Weiternerven: "Wir dürfen um Recht ringen wie die bittende Witwe", so Käßmann. "Ja, wir müssen weiter nerven, weil wir mitten in die Welt gewiesen sind mit unserem Glauben." Und ein kleines bisschen klang das dann doch wie eine Drohung, allen Applauses zum Trotz.

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