Akademie am Meer auf Sylt : „Wir dürfen es niemals allen recht machen wollen“

„Habe mich bemüht, die Barrieren zwischen Klappholtal und Sylt abzubauen “ - Hartmut Schiller.
„Habe mich bemüht, die Barrieren zwischen Klappholtal und Sylt abzubauen “ - Hartmut Schiller.

Seit 20 Jahren leitet Hartmut Schiller Klappholtal, die Akademie am Meer. Begegnung mit einem Mann, der Sylt sehr distanziert und kritisch sah.

shz.de von
25. Juni 2018, 12:20 Uhr

Es ist eine eigene Welt, das 20 Hektar große Areal Klappholttal in den Lister Dünen. Auf Sylt und für Sylter allemal, denn viele Insulaner kennen die Bildungsstätte mit ihren schlichten kleinen Holzhäusern nur vom Hörensagen, besuchen aber kaum die Konzerte, Lesungen oder Vorträge, die in der fast 100-jährigen Geschichte des Hauses regelmäßig geboten werden. Doch gerade die sind es, die den Ruf der Akademie am Meer als besonderen Ort begründen.

„Auf Sylt sind wir gewissermaßen ein Fremdkörper“, lässt Hartmut Schiller bei einem Rundgang über das weitläufige Dünengelände wissen. Seit 20 Jahren führt er das Haus, das zum Verband der deutschen (Heim-) Volkshochschulen gehört, bundesweit aber wohl die bekannteste Einrichtung dieser Art sein dürfte. Klappholttal genießt das Image einer geradezu legendären Einrichtung, als Hort intellektueller Diskurse, als Treff von großen Namen aus der Geisteswelt und der schönen Künste. Ein Nimbus, den Hartmut Schiller zwar schnell versucht, auf Normalmaß zu bringen, aber ohne den traditionellen Anspruch des Hauses in Frage zu stellen, nämlich geistige Erbauung und Anleitung zu kreativen Tätigkeiten anzubieten.

Als Hartmut Schiller 1998 zum Direktor der Akademie berufen wurde, war er überzeugt, „eine Entscheidung für die nächsten fünf Jahre getroffen zu haben“. Doch es kam – zum Glück für das Haus und wohl auch für ihn persönlich – anders. Denn für den Politologen und Historiker ist im Rückblick klar, „dass man hier nur etwas bewegen kann, wenn man langfristig denkt, plant und umsetzt“. Eine Haltung, von der er bedauert, dass sie nicht mehr im Trend liegt. „Heutzutage werden Geschäftsführer bewusst nur für einen kurzen Zeitraum eingestellt, um dann Grausamkeiten zu begehen, die anschließend der Nachfolger nicht zu verantworten hat“. Klappholttal sieht Schiller da als Gegenwelt, „denn ich habe eine Verantwortung für unsere Beschäftigten. Wir schließen keine befristeten Verträge. Das macht die Stärke dieser Einrichtung aus.“

Der berufliche Werdegang des Geisteswissenschaftlers begann unmittelbar nach dem Studium als gerade 30-Jähriger Dozent bei der damals neu gegründete Ostsee-Akademie. Schon als Kieler Student organisierte Schiller die ersten Austauschprogramme zwischen deutschen und polnischen Jugendlichen. Reiste viel und gern. „Ich bin ein Deutscher Patriot“, sagt der von Europa begeisterte Gelehrte, weil er davon überzeugt ist, dass nur durch ein gemeinsames Europa „die Bewahrung des Friedens möglich ist“. In Klappholttal stehen aber die politischen Angebote weniger im Vordergrund. „Was wir hier betreiben ist kulturelle Bildung. Hier bekommen Menschen etwas, um Kraft für den Alltag zu Hause zu schöpfen“.

Für den in Lübeck geborenen und in Bremen aufgewachsenen Kulturvermittler, der früh das Reiten für sich entdeckte, bot Klappholttal die Chance seine musischen Interessen zu pflegen. Seit seiner frühesten Jugend, die durch ein bildungsbürgerliches Haus mit weit verzweigten Beziehungen zu musisch ausgerichteten Verwandten und Freunde bestimmt war, entdeckte er als junger Gymnasiast seine Leidenschaft für die klassische Musik, die ihm „bis heute ein Lebenselixier“ ist. Scheinbar vordergründige, anspruchslose Vergnügungen lagen ihm da eher fern. Sylt erschien ihm ein Synonym dafür zu sein.

Die Akademie am Meer/Klappholttal
Beate Zoellner

Die Akademie am Meer/Klappholttal

„Sylt war für mich überhaupt kein Sehnsuchtsziel. Die Insel hatte für mich sogar einen eher schlechten Ruf. Sylt erschien mir eher oberflächlich. Allerdings muss ich gestehen, dass ich die Insel nicht wirklich kannte. Die Motivation trotzdem die Leitung in Klappholttal zu übernehmen, war die Chance, hier eine große Einrichtung zu leiten, die ohne öffentliche Subvention existierte. Das fand ich sehr spannend.“ So wenig wie er Sylt kannte, war ihm der legendäre Ruf bewusst, den Klappholttal genoss. „Gottseidank nicht, so konnte ich mich relativ unbeschwert an die Arbeit machen.“ Dennoch führte er den vom Gründer der Akademie, dem Kampener Arzt Knud Ahlborn und dessen Nachfolger Manfred Wedemeyer gelegten Anspruch weiter.

„Dass die erste Reihe nach Klappholttal kommt, ist ja bis heute so geblieben. Wir haben immer noch diese Spitze. Doch für die Menschen, die zu uns kommen, ist das eigentlich normal. Die erwarten das auch“. Fragt man Hartmut Schiller, welche Klientel sich für einen Klappholtal-Aufenthalt entscheidet, antwortet er: „Es ist ein Mensch, der ein Kammerkonzert für vier Streicher nicht für Körperverletzung hält. Aber der auch das einfache Leben sucht, unbedingt die Naturnähe und die Gemeinschaft“. Ein Typus, „der nicht unbedingt dem durchschnittlichen Insulaner oder der Mehrzahl der Sylt-Gäste“ entspricht.

„Ich habe mich immer darum bemüht, dass die Barrieren zwischen Klappholttal und Sylt abgebaut werden. Denn die Sylter haben die Klappholttaler gelinde gesagt für Spinner gehalten, die drei Wochen hier in den Dünen sitzen und kein eigenes Klo haben. Damit waren die Sylter mit Klappholttal auch fertig. Anders herum ist es bei dem Klappholttaler Gast so, dass er glücklich ist, wenn hier sein darf und nicht im touristischen Treiben der angesagten Inselorte. Wenn es mal vorkommt, dass ein Gast in den Sommermonaten nach Westerland fährt, kommt er vollständig entkräftet zurück. Allerdings hat sich das sehr geändert, denn auch unsere Gäste besuchen mittlerweile viele Veranstaltungen, die auf der Insel angeboten werden. Insbesondere die Konzerte in der Keitumer Kirche. Und auch die Sylter kommen mittlerweile zu uns zu den Vorträgen, Konzerten oder Lesungen“.

Klappholttal ist schon ein sehr eigener Kosmos. Einer, bei dem sich die Frage stellt, wie man ihn bewahrt. „Was man erhalten will, muss man verändern“, sagt Hartmut Schiller lapidar. „Immer so weiter machen geht nicht, weil die Ansprüche sich verändern. Man muss einen gewissen Komfort bieten. Räume ohne Heizungen gibt es nicht mehr. Es kommt zwar vor, dass mancher in einem Idealbild der 1950-60er Jahre verharrt, was für die Einrichtung die Katastrophe wäre, wenn man so etwas vorhalten müsste.“

Schillers Gäste kommen, „weil sie sagen, dass ist Klappholttal auf Sylt, aber Sylt ist nicht Klappholttal“. Sylt wird aus Schillers Sicht nur bedingt von Menschen wegen der kulturellen Angebote oder der Inselnatur besucht. „Es kommen eben auch viele wegen der Kulinarik und der Exklusivität, die auch garantiert, dass hier Wohlstandsbürger unter sich sein können. Sehr diskret, aber eben auch sicher, dass man hier seinesgleichen findet. Ich bewerte das nicht. Aber es wäre doch geheuchelt, wenn man glaubte, dass es den meisten Besuchern der Insel um die Brutplätze der Austernfischer geht.“

Seine anfängliche Distanz zu Sylt hat Hartmut Schiller im Laufe der Zeit in Interesse und Engagement für die Insel eingetauscht. Mehrere Jahre war er im Vorstand der Söl’ring Foriining. Das hat ebenso geholfen Hürden zu überwinden wie seine Mitgliedschaft bei den Sylter Rotariern. An der Beschäftigung mit Sylt hat er längst „Freude gefunden. Ich versuche, die Tradition und Geschichte der Insel mit der Gegenwart zu verbinden, was immer schwieriger wird, da die Bevölkerung sich sehr verändert hat. Viele Immobilien nicht mehr von Syltern bewohnt werden, viele die Insel verlassen haben. Ein Traditionsbruch hat sich daraus ergeben, der angesichts dieser Entwicklung der letzten Jahrzehnte geradezu zwingend ist“. Doch der 60-Jährige hat die Sylter auch als eine sehr hilfsbereite Gemeinschaft kennen gelernt.

Es war im Sommer 2010 als in Klappholttal ein Großbrand wütete und das Haupthaus sowie weitere Gebäude vernichtete. Ausgelöst durch einen Brandstifter. Zu dem Zeitpunkt waren 300 Gäste im Haus. „Wir haben von Sylt in der Zeit eine überwältigende Solidarität erlebt. Ich hatte entschieden, die Einrichtung nicht zu schließen. Die Turnhalle wurde zur Mensa. Das hat zu einer noch tieferen Bindung von mir zu Klappholttal geführt, weil ich gesehen habe, dass unsere Mitarbeiter 100-prozentig zu der Institution gestanden haben und wir von der Insel sehr getragen wurden“. Der Aufbau der fünf zerstörten Häuser „wurde nur von Sylter Firmen bestritten“. Längst fühlt Hartmut Schiller sich auf Sylt und mit den Syltern „sehr wohl, erlebt ein angenehmes Miteinander“.

Noch mag er zwar nicht über seinen Ruhestand nachdenken, der in etwa fünf Jahren ansteht, aber beim Blick auf die Weiterentwicklung von Klappholttal hat er eine klare Meinung. „Das Haus muss eine Persönlichkeit haben. Es darf nicht austauschbar sein. Wir erleben es heutzutage, dass im Rahmen des Qualitätsmanagement alles sehr angeglichen wird. Es wird alles immer ähnlicher. Das ist ein Verlust. Wir dürfen es niemals allen recht machen wollen. So eine Einrichtung muss einen Charakter haben und es ist auch in Ordnung, wenn es nicht allen gefällt. Wenn so viele Leute kommen wie es aktuell der Fall ist, sind wir auf dem richtigen Weg. Das Haus ist zukunftsfest, es ist stabil, es ist gesund, aber dass sich daraus die Zukunft für die kommenden Jahre von allein ergibt, wird nicht funktionieren. Es muss mit Kreativität und Mut gestaltet werden“.

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