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Tote Seehunde : „Wir brauchen die Soko Seehundsterben“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Die Tiere verenden vermutlich an der Vogelgrippe: Experten fordern bessere Aufklärung des Seehundsterbens.

Das Seehundsterben an der Nordseeküste ist noch nicht vorbei: Insgesamt 400 tote Tiere sind bis Dienstagabend an der schleswig-holsteinischen Küste gefunden worden, teilte das Landesamt Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz (LKN) gestern mit. Während die Landesbehörde angibt, die Ursachen für das Sterben weiter „unter Hochdruck“ zu untersuchen, fordern die Schutzstation Wattenmeer und der Sylter Biologe Lothar Koch eine bessere Aufklärungsarbeit vom Land: „Eine wissenschaftliche Sonderkommission Seehundsterben sollte klären, wie es zu den Todesfällen kam und die Ergebnisse der Öffentlichkeit transparent zugänglich machen“, sagte Koch gegenüber unserer Zeitung.

Nach Erkenntnissen aus Dänemark sterben die Tiere an Folgen der Vogelgrippe – Koch ist deshalb überrascht, warum sich die Seehundjäger, die täglich mit den toten Tieren in Berührung kommen, nicht stärker vor einer Infektion schützen. Zudem ist er der Ansicht, dass die Ursachen für das Seehundsterben von den Behörden nicht transparent genug kommuniziert würden: „Es müssen Informationen fließen und nicht immer nur Todesstatistiken veröffentlicht werden“, sagt der ehemaliger Leiter der Schutzstation Wattenmeer auf Sylt.

Die vermehrten Todesfälle erinnern an das Seehundsterben in den Jahren 1988 und 2002, als rund die Hälfte der Populationen in der Nordsee an der Staupe starben. Bei den jetzigen Todesfällen handelt es sich nach Erkenntnissen des dänischen Virologen Lars Erik Larsen um den ersten Fall der Vogelgrippe, die in Nordeuropa auf Seehunde übertragen wurde. Er geht davon aus, dass auch die an der deutschen Küste gefundenen Tiere an dieser Form der Grippe erkrankt seien. Das LKN hatte am Montag lediglich bekannt gegeben, dass viele der Tiere an den Folgen einer Grippeinfektion gestorben seien. Dass es sich hierbei um die Vogelgrippe handelt, bestätigte eine Sprecherin des LKN gestern nicht – neue Erkenntnisse zum Virustyp würden der Behörde nicht vorliegen.

Trotz Vogelgrippe – Grund zur Panik sieht Larsen nicht. Der dänische Professor des Nationalen Instituts für Veterinärmedizin der Technischen Universität Dänemark betont, dass bisher keine Fälle bekannt seien, bei denen sich Menschen über Seehunde mit Vogelgrippe infiziert hätten. Auch für die Seehundjäger, die die toten Tiere täglich von nahem erleben, sieht er – so sie denn Handschuhe tragen – kaum Gefahr: „Die Seehunde sind ja meist tot, atmen die Viren also nicht aus.“ Hundebesitzer, die mit ihren Tieren auf ein sterbendes oder totes Tier treffen, sollten allerdings extrem darauf achten, dass der Hund den Seehund nicht berührt oder gar Teile von ihm frisst.

Neben der aus seiner Sicht mangelhaften Aufklärung über das aktuelle Seehundsterben kritisiert Lothar Koch generell, dass die möglichen Ursachen für solche Epidemien öffentlich zu wenig thematisiert würden. Auch die Schutzstation Wattenmeer hatte Anfang der Woche gefordert, dass geklärt werden müsse, warum die Seehundepidemien der vergangenen Jahrzehnte immer an der kleinen dänischen Insel Anholt ihren Anfang nehmen. Das Landesamt sagte dazu gestern, dass es bisher keine Erkenntnisse zu den Gründen dieser Parallelität bisher gebe, die Frage werde in die Nachbereitung einfließen. Derzeit sei man jedoch vor allem mit der Bewältigung der aktuellen Lage beschäftigt.

Für Lothar Koch ist die hohe Schadstoffbelastung der Nord- und Ostsee ursächlich für die Krankheitsanfälligkeit der Tiere: „Die Seehunde sind am Ende der Nahrungskette - fressen sie verunreinigtes Futter, werden sie schwach. Und unter schwachen Seehunden können sich Krankheitserreger wie die Vogelgrippe oder damals die Staupe schneller verbreiten.“ Diesen Zusammenhang hätte Koch öffentlich gern stärker thematisiert. Die Staupe-Epidemien hätten einst zu einem erhöhten Umweltbewusstsein der Menschen an Nord- und Ostsee geführt – auch weil der Zusammenhang zwischen verdreckten Meeren und toten Seehunden damals deutlich gemacht worden sei. Dieser „Betroffenheits-Effekt“ sei allerdings mit den Jahren abgeklungen und bedarf aus Kochs Sicht dringend einer Auffrischung.

 

 

 

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erstellt am 23.Okt.2014 | 06:00 Uhr

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