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„Wir bieten Raum, um neu zu Kräften zu kommen“

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In unser Serie Sylter Köpfe stellen wir heute Pastorin Annette Gruenagel vor, die seit Mitte 2011 die sogenannte Verbundpfarrstelle im Süden der Insel leitet

shz.de von
erstellt am 19.Nov.2014 | 10:00 Uhr

Wenn sie von ihrer südbadischen Heimatstadt Freiburg spricht und dabei noch Verse auf Alemannisch gekonnt rezitiert, dann glänzen ihre Augen. Wie der Wein vom Kaiserstuhl, von dem es heißt, dass er „von der Sonne verwöhnt“ sei. Und ihr Blick, so scheint es, will dann an diesem tristen und wolkenverhangenen Herbsttag über die Dünen und den Hafen hinweg den Weg nach Süden suchen.

Nun aber lebt und arbeitet sie in Hörnum. Das hat auch etwas von Süden, liegt die Gemeinde doch am Südende der Insel Sylt. Die Rede ist von Pastorin Annette Gruenagel, seit ihrer Einführung durch Propst Dr. Kay Bronk im August 2011 Inhaberin einer so genannten Verbundpfarrstelle, die den seelsorgerlichen Einsatz in Hörnum, Rantum sowie in Teilen von Westerland umfasst. Einige Monate zuvor kam sie als Vakanzvertretung für den auf das Festland gewechselten Pastor Jörg Henke in den Inselsüden und lernte dabei die Gemeinde schätzen und lieben. Eine Iphigenie aber, die fernab ihrer Heimat diese fortwährend „mit der Seele sucht“ und verzweifelt übers Meer blickt, ist die Seelsorgerin beileibe nicht.

Hörnums Bürgermeister Rolf Speth hieß sie seinerzeit bei ihrer Einführung mit freundlichen Worten samt Geschenk willkommen und zeigte sich zufrieden, dass die Gemeinde nun wieder eine Pastorin in ihrer Mitte hat. Zufrieden in „ihrer“ Gemeinde ist Annette Gruenagel ebenfalls. Mit ihrem Hund durchstreift sie regelmäßig den Ort und lässt sich dabei gerne immer wieder auf einen Plausch mit Rolf Speth ein. Und sie zeigt Flagge: etwa beim Besuch der Feuerwehren beider Orte, „die Rantumer Wehr hilft uns gerne“, beim Jahresempfang oder den Weihnachtsfeiern der Gemeinden. Tourismusservice oder das BSW in Rantum hängen großflächig die Veranstaltungsplakate der Kirchengemeinde aus und unterstützen so die Arbeit der Seelsorgerin und ihres Kirchenmusikers Jürgen Borstelmann tatkräftig.


Nach dem Studium gleich in Problembezirke


Nach dem Theologiestudium in Bonn und Hamburg leistete Gruenagel ihr Vikariat in Nübbeln bei Rendburg ab, bevor sie der Weg in zwei extrem unterschiedliche Großstadtpfarreien führte. Nach Hamburg-Blankenese war sie über 13 Jahre Seelsorgerin in Hamburg-Altona mit all den bekannten sozialen Problemen dieses Bezirkes: „genau dahin wollte ich.“ Dazwischen half sie im Hamburger Predigerseminar angehenden Geistlichen auf die Sprünge, bei gleichzeitigem Predigtauftrag an der Kirche St. Katharinen. Und jetzt wirkt sie als Pastorin auf Sylt. Hier ist sie, man kann es nicht nachdrücklich genug betonen, für die Gemeinden im Inselsüden ein Faktor mit nicht zu unterschätzendem Stellenwert.

Ob etwas fehlen würde, gäbe es die Kirchengemeinden nicht in diesen beiden Orten? Die Frage, am heimischen Küchentisch einfach mal so in den Raum gestellt, beantwortet die Pastorin ohne zu zögern, aber wohl überlegt. Und es ist ihr unzweideutig dabei anzumerken, dass die Antwort aus dem Herzen kommt: „Wir haben uns hier im Inselsüden, insbesondere in Hörnum, im Laufe der Jahre zu einer beinahe reinen Gästegemeinde gewandelt. Die Hörnumer sind über das Jahr hinweg voll und ganz mit ihrem sie beanspruchenden Lebenserwerb beschäftigt, darum finden sie selten den Weg auf die Düne in ihre Kirche. Für die vielen Gäste aber sind wir zu jeder Jahreszeit eine wichtige, stark gesuchte und besuchte Anlaufstelle.“

Ob allen Vermietern, Hoteliers, politischen Verantwortlichen sowie allen im Tourismus Beschäftigten eigentlich bewusst ist, welche Aufgaben hier die Kirchengemeinde zum Wohle des insularen Tourismus wahrnimmt? „Allen, die Erholung suchen und neu zu Kräften kommen wollen,“ fährt die Pastorin fort, „bieten wir Raum. Denn zur Rekreation gehört nicht nur das körperliche Wohlbefinden, zu dem gute Unterkünfte, ein breites gastronomische Angebot sowie umfassende Heilbehandlungen zählen. Seit der Antike gehörten zu einer umfassenden Erholung und Stärkung auch eine seelsorgerliche Betreuung, Gottesdienste und vielerlei andere Aktivitäten, die den Menschen in seiner Ganzheit ansprechen.“ Dazu rechnet Annette Gruenagel insbesondere das regelmäßige und anspruchsvolle kirchenmusikalische Angebot ihres Organisten Jürgen Borstelmann. Auch Vorträge, Lesungen und ganz besonders natürlich der sonntägliche Gottesdienst gehören dazu.


Kirchengemeinde steht für Kultur in Hörnum


Allen in Hörnum und darüber hinaus im Tourismus Tätigen sei es liebevoll hinter die Ohren geschrieben: Die Besucherzahlen beweisen, dass die Gäste der Insel Sylt auch diese Angebote nachfragen und in Anspruch nehmen. „Die Kirchengemeinde steht hier in Hörnum für Kultur. Und zwar kostenlos, ohne horrende Eintrittspreise. Zu uns kann jeder kommen, denn jeder ist willkommen!“ Erinnert werden darf in diesem Zusammenhang beispielsweise neben dem Konzert mit keltischer Musik auf die ebenfalls stark besuchte Veranstaltung der Kirchengemeinde Hörnum zum Biikebrennen im Februar dieses Jahres, bei der eine voll besetzte Kirche die musikalischen und literarischen Darbietungen mit lange anhaltendem Beifall bedachte.

Ob man das auch in Hörnum zur Kenntnis genommen hat? In Rantum sorgen die vielen Jugenderholungsheime und das BSW für ein stets gut besuchtes Gotteshaus. Auch viele Einheimische trifft man hier an, denn „die Rantumer stehen zu ihrer Kirche“, wie es ein „Urgestein“ aus dem Ort kurz und bündig formulierte.

Nach Westerland führt der Weg der Pastorin regelmäßig zum Predigtdienst. Daneben engagiert sie sich in der Arbeit mit älteren Erwachsenen beim weithin bekannten und sehr populären „Erzähl-Café“ im Gemeindezentrum am Kirchenweg. Regen Zulauf bei Gästen und insbesondere auch bei Einheimischen findet ihr Spaziergang unter dem Motto „An Hecken und Zäunen“, bei dem den Eigenarten verschiedener heimischer Pflanzen nachgespürt wird, um hernach Bezüge zum eigenen Leben oder auch zum Schöpfergott herzustellen. „Eine Aktivität, die sich keineswegs auf rein biologisch-naturkundliche Gesichtspunkte beschränkt,“ erläutert Annette Gruenagel, „sondern die auch immer einen spirituellen Bezug herstellt.“


Entspannung in der „Spinnstube


Und wann kommt diejenige zum Atemholen und zu Kräften, die anderen unermüdlich zur Besinnung und zum Atemholen verhelfen will? Einmal im Monat trifft sie sich – immer in verschiedenen Häusern oder Wohnungen – mit Insulanerinnen zu gemeinsamer textiler Gestaltung in der „Spinnstube“. Das Hörnumer Pfarrhaus zieren auf Fensterbänken oder auf ausgewählten aparten Möbelstücken steinerne Kunstwerke, die die respektvolle Aufmerksamkeit und Anerkennung des Besuchers erheischen. Annette Gruenagel ist in ihrer Freizeit passionierte Steinbildhauerin, die etwa aus Bernstein oder Alabaster formvollendete, die Fantasie anregende Objekte gestaltet. Manches mag dabei an den Amerikaner Henry Moore erinnern.

Welch eine symbolträchtige Beschäftigung. Ob es der Seelsorgerin im Laufe der Zeit wohl auch gelingen mag, manches Steinerne auch auf Sylt umzuformen? Gar manchen Stein, der den Weg zu den architektonisch so überaus reizvollen Kirchenbauten in Hörnum und Rantum zu versperren droht, zu glätten? Gangbar zu machen? Allen Hörnumern und Rantumern sei dies nach hartem Einsatz und beschwerlicher Arbeit während einer langen Saison gegönnt. Zum eigenen Atemholen und Kräftesammeln.


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