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Kolumne : Wie Whatsapp mein Weihnachtsfest veränderte

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Ein Telefonat - und am 24. Dezember reinschneien. So war Weihnachten früher. Jetzt ist alles anders, schreibt unsere Redakteurin Julia Nieß.

shz.de von
erstellt am 24.Dez.2015 | 15:53 Uhr

Seit neun Jahren feiere ich Weihnachten im Kreis zweier Familien: der meiner Freundin Farina und meiner eigenen. Die Rollen sind klassisch verteilt. Es gibt „die Mütter“, „die Männer“, „die Mädchen“ (zu der Farina und ich immer noch gehören, obwohl wir beide die 30 längst überschritten haben) und „die Schwiegersöhne“. Auch wenn letztere in neun Jahren des öfteren wechselten, werden sie alle gnadenlos so genannt - ich nehme an, um sich nicht bei jedem Neuankömmling einen neuen Namen merken zu müssen.

Bis 2013 hatte ich als eines der „Mädchen“ recht wenig mit der Planung des Weihnachtsfestes zu tun. Bis ich vor zwei Jahren plötzlich eine Einladung in die Whatsapp-Gruppe „Weihnachten 2013“ erhielt. Feste Mitglieder des Kurznachrichtendienstes für Handys sind seitdem: „die Mütter“, „die Mädchen“ und „die Männer“. Ein Schwiegersohn wurde im Laufe der Zeit aus der Gruppe entfernt, ein anderer hinzugefügt. Ab sofort durfte ich den ganzen Weihnachts-Wahnsinn live miterleben.

Vorbei waren die Zeiten, in denen ich am 24. zur Familie fuhr und vorher einmal mit meiner Mutter am Telefon besprach, was ich mitbringen soll. Nun darf ich mich über Monate hinweg mit dem kommenden Weihnachtsfest beschäftigen – und das nahezu täglich.

Und was passiert, wenn vier Frauen aus zwei Familien über Whatsapp insgesamt sechs Mahlzeiten mit Getränken, Frühstück und Festtags-Menü inklusive, planen, erfordert die Organisationsfähigkeiten eines Managers.

Nur „die Männer“ haben sich in den vergangenen zwei Jahren dezent zurückgehalten. Einer hat bis heute kein einziges Wort in die Gruppe geschrieben, der andere hat 2014 mal ein Youtube-Video mit uns geteilt. Danach blieb er stumm. Doch das, was „die Männer“ nicht schreiben, werden sie meist an Heiligabend am Tisch los. Und dann wird deutlich: Sie lesen mit! Die ganze Zeit! Denn die Frage: „Wolltet Ihr nicht eigentlich Semmelknödel machen?“ kann nur jemand stellen, der die zweitägige Diskussion um die Knödel-Frage verfolgt hat.

Ich bin nicht die einzige mit so einer Gruppen-Verpflichtung, viele meiner Freundinnen kommunizieren mit ihren Familien fast nur auf diesem Weg – nicht nur zu Weihnachten. Die Gruppe meiner Familie nennt sich zwar „Weihnachten 2015“, sie wurde aber schon im Hochsommer kräftig genutzt. Im August ging es los: „Nur noch 125 Tage, ich freue mich schon!“, schrieb eine der „Mütter“ und löst damit bei allen Beteiligten (ausgenommen „der Männer“) eine regelrechte sommerliche Vorweihnachts-Hysterie aus. Sollte man das Reh schon vorbestellen? Gibt es besondere Wünsche? Kommt ein neuer Schwiegersohn mit?

Einblick in den Chat-Verlauf der Gruppe aus dem August 2014.
Einblick in den Chat-Verlauf der Gruppe aus dem August 2014.
 

Der Kurznachrichtendienst ist bei der Planung unseres Festes so essenziell geworden, dass ich mich heute sogar frage: Wie zur Hölle konnte unser Weihnachtsfest zu Pre-Whatsapp-Zeiten überhaupt stattfinden? Damals haben wir wohl einfach alles so akzeptiert, wie es uns aufgetischt wurde. Heute kann dagegen jeder seinen Senf dazugeben. Ein neuer Schwiegersohn ist Veganer? Eine kurze Whatsapp-Nachricht reicht, um beide Familien über eine Woche am Handy zu halten. Eine Mutter befürchtet, dass nicht genug Reh bestellt wurde? Mit 19 Alternativ-Rezepten, alle über den Nachrichtendienst verschickt, wird die gute Frau noch weiter verunsichert.

Besonders wichtig bei der Kommunikation: die Emoticons. Auch ich – früher noch ein Verweigerer der kleinen Bildchen und Gesichter, benutze sie in der Gruppe regelrecht inflationär. Und damit immer noch um ein vielfaches weniger als „die Mütter“. „Ihr habt ja ganz schön zugeschlagen, hoffentlich passen die Hosen noch“ liest sich mit einem Küsschen-Smiley ja auch einfach netter.

Kurz vor Weihnachten erreicht die Kommunikation ihren Höhepunkt. Vor einigen Tagen war ich sogar kurz davor, auf der L24 rechts ranzufahren, weil mein Handy derart oft piepste, dass ich dachte, es sei etwas passiert. Am Ende war einfach nur eine weitere Diskussion über die Zubereitung des Rehrückens entbrannt.

Über die Weihachtstage bleibt es dann ruhig auf dem Handy, bis zum 26. Dezember, wenn schließlich alle wieder auf dem Heimweg sind und das „Best-of“ der aktuellen Fotos verschicken. Danach verabschiedet sich die Gruppe für einige Monate und rückt auf der Chat-Liste nach unten. Bis sich im Sommer der erste wieder auf Weihnachten freut.

 

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