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Sylter Rundschau

19. Oktober 2017 | 20:26 Uhr

Wie Sylt zur Künstler-Insel wurde

vom

Folge 20 der SR-Serie "Sylter Zeitgeschichte": Seit mehr als hundert Jahren besuchen Künstler, Schauspieler und andere Prominente die Insel

shz.de von
erstellt am 07.Mai.2013 | 03:59 Uhr

SYLT | Die Insel und die Prominenz - das gehört für viele zusammen wie der Strand und das Meer. Und das nicht erst seit gestern: Schon seit mehr als hundert Jahren kommt hierher, was Rang und Namen hat. Es waren vor allem die bekannten Maler, Literaten und Schauspieler, die dereinst den legendären Ruf Sylts begründeten.

Etwa der Schriftsteller und Nobelpreisträger Thomas Mann, der 1927 im Kampener Haus "Kliffende" logierte und ins Gästebuch eintrug: "An diesem erschütternden Meere habe ich tief gelebt." An seinen Bruder schrieb er: "Die Reize dieser Insel sind keusch und karg und lenken den Sinn auf Grog. Ich habe noch immer den weichen Donner der Brandung im Ohr." Literat Gerhart Hauptmann trank auf Sylt mit dem ehemaligen deutschen Außenminister Walter Rathenau Brüderschaft und berichtete daheim beeindruckt von den Lister Wanderdünen: "Es ist hier wie auf den Gletschern eines Hochgebirges! Diese Einheit von Schneebergen und weitem Meer schafft einen Anblick von solch erhabenem Geiste, dass mir ist, als habe ich in der Natur nie Ähnliches gesehen." "Der Geruch von Salz und von Tang. Die Tümpel des Wattenmeeres gleißen wie Scherben unter dem Mond", notierte der Literat Max Frisch bewegt, während der Dichter Theodor Storm in Keitum weilte, "um kräftiger durch den Winter zu kommen". Hier arbeitete an einem Werk mit dem Titel "Sylter Novelle", die jedoch unvollendet blieb - der Tod war schneller als seine Feder.

Und dann die Maler - sie konnten sich an der Natur gar nicht satt sehen. Unter anderem fingen Max Liebermann, Lovis Corinth und Max Beckmann das Gesehene mit feinem Pinselstrich ein. Die Landschaft am Meer zog auch den berühmten Expressionisten Emil Nolde schnell in ihren Bann: "Wie ein Trunkener lief ich stundenlang den Strand entlang oder durch den flüssigen Sand der Dünen. Es war, als ob die freie Luft, der salzige Geschmack, die tosenden Wogen mich spornten und beglückten", schrieb er in sein Tagebuch.

Die Enttäuschung war groß. So hatte sich Revoluzzerin Rosa Luxemburg Sylt nicht ausgemalt. "Können Sie sich eine Insel vorstellen, die so flach ist, dass man den geringsten Turm von einem Ende bis zum anderen sieht, so kahl und entblößt von jedem Baum und Strauch, dass man sich gewissermaßen wie auf einem Teebrett fühlt?", schrieb sie ihrer Freundin Luise. Und auch dies: "Mein Tag ist schnell beschrieben: Ich stehe auf, dann liege ich am Strand auf dem Bauch, bis Mittag, nachmittags liege ich aber auf dem Rücken am Strand, bis zum Abendbrot." Auch die Schauspieler gaben sich auf Sylt schon früh ein Stelldichein.

Hans Albers (wurde auf Sylt von seinen Freunden nur "Otto-Otto" gerufen) pflegte, bevor er sich in die kühlen Fluten der Nordsee stürzte, mehrere Gläschen Eiergrog zu trinken. Auch Marlene Dietrich reiste nach Sylt. Hier wurde sie gleich zwei Mal aus Westerländer Hotels verwiesen - weil sie beim Spielen ihrer Geige nicht nur die Saiten, sondern auch die Nerven ihrer Zimmernachbarn reichlich strapazierte.

Sie nahm es mit Humor: "Kann man in seinem Urlaub wirklich machen, was man will? Nicht unbedingt. Denn das wäre krasser Egoismus. Und egoistisch darf man zwar so oft im Leben sein, wie man will. Es darf nur keinen anderen stören. Das habe ich auf Sylt gelernt."

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