Trinkwasser : Wie sicher ist das Sylter Wasser?

Das Sylter Trinkwasser – ein sauberes und gesundes Lebensmittel.
Das Sylter Trinkwasser – ein sauberes und gesundes Lebensmittel.

Hoher Verbrauch und Kontamination könnten die Trinkwasserversorgung auf der Insel gefährden.

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13. Juni 2018, 06:00 Uhr

Sylts wichtigste Lebensader ist nicht der Hindenburgdamm – sie liegt tief im Boden unter der Insel, dort, wo das Grundwasser gewonnen wird. Frisches Trinkwasser aus dem Wasserhahn ist seit 1901 eine Selbstverständlichkeit, als das Wasser- und Kanalwerk in Betrieb genommen wurde. Doch wie sicher ist die Trinkwasserversorgung auf Sylt? Sylter Naturexperten wie der Keitumer Dr. Roland Klockenhoff mahnen: „Unser Trinkwasser wird knapp.“ Eine fundierte Warnung oder nur Panikmache?

Die Fördermenge der Energieversorgung Sylt (EVS) steigt von Jahr zu Jahr an. 2013 waren es 2,1 Millionen Kubikmeter, 2014 und 2015 gut 2,2 Millionen und 2016 wurden 2 346 170 Kubikmeter Grundwasser aus 35 Metern Tiefe gefördert. Im vergangenen Jahr hätten die 17 Brunnen 2 338 496 Kubikmeter Grundwasser gefördert, berichtete Karl Dettmar, EVS-Bereichsleiter für Trinkwasserversorgung.

Die „wasserrechtliche Genehmigung“ der unteren Wasserbehörde beim Kreis Nordfriesland begrenzt die zulässige Fördermenge der EVS auf 2 868 000 Kubikmeter pro Jahr. „Wir gehen schon langsam an unsere Leistungsgrenzen mit der Förderung“, erklärte EVS-Chef Georg Wember im letzten Juli vor der Sylter Gemeindevertretung. „Der weitere touristische Ausbau hat zur Folge, dass die EVS zukünftig in Speicherkapazität investieren muss.“

Konkrete Zahlen stehen in der EVS-Antwort auf eine Anfrage von SPD und Grünen im Gemeinderat vom 3. Juli letzten Jahres, die unserer Zeitung vorliegt. Für das bestehende Trinkwassernetz wird eine „technische Machbarkeitsgrenze“ von 2,7 bis 2,8 Millionen Kubikmeter angenommen. Für eine höhere Auslastung müssen die Sylter Brunnen und die Trinkwasserspeicherung fit gemacht werden. Nicht zuletzt, weil 2020 mit dem Lanserhof in List ein weiterer Großabnehmer in Sicht ist.

Ein Masterplan zur Absicherung der insularen Wasserversorgung sieht für die Wasserwerke Westerland und List den Bau neuer Wasserbehälter vor. Inklusive dem Umbau eines Pumpwerks und der Instandsetzung zweier vorhandener Wasserkammern in List kalkuliert die EVS mit Gesamtkosten von 5,7 bis 7 Millionen Euro, um auch künftig die Wasserbelieferung ohne Engpässe zu gewährleisten. Eine Erweiterung der Förderkapazität plane die EVS aber nicht: „Auch unter Berücksichtigung der geplanten, uns bekannten Bautätigkeiten auf der Insel ist für die nächsten fünf Jahre die Trinkwasserversorgung sichergestellt“, erklärt Karl Dettmar. Eine Grundwasserförderung aus den Dünen des Listlandes, vor der die Grünen warnen, sei „derzeit nicht Gegenstand von Planungen der EVS.“

Förderbrunnen im Naturschutzgebiet Nordsylt/Listland – für Roland Klockenhoff von der Naturschutzgemeinschaft Sylt eine Horrorvorstellung. Eine Wassergewinnung könnte sich fatal auf viele geschützte Pflanzen- und Amphibienarten in der Dünenlandschaft auswirken. So sei Sylt einer der wichtigsten natürlichen Lebensräume der Kreuzkröte in Deutschland, ergänzt Biologe Rainer Borcherding von der Schutzstation Wattenmeer. Letztlich seien der Sylter Bauboom und die „fragwürdige Wachstumsphilosophie der Tourismusindustrie“ auch eine Bedrohung für die Sylter Einwohner, kritisiert Roland Klockenhoff. Dabei gäbe es weit und breit keine Nachbarn, die der Insel Trinkwasser in den erforderlichen Mengen liefern könnten, auch nicht am Festland.

Hier wird Sylter Trinkwasser gewonnen: Ein EVS-Grundwasserbrunnen auf dem Fliegerhorst.
Foto: jesumann
Hier wird Sylter Trinkwasser gewonnen: Ein EVS-Grundwasserbrunnen auf dem Fliegerhorst.

Bei der Ver- und Entsorgung Norddörfer (VEN), die die Haushalte in Wenningstedt-Braderup und Kampen beliefert, registriert Geschäftsführer Björn Hansen jedoch stagnierende Verbrauchswerte. Aus den sieben VEN-Förderbrunnen sprudelten 2016 knapp 500 000 Kubikmeter Grundwasser, 2017 waren es 507 000 Kubikmeter. Hansen schätzt, dass davon 80 000 Kubikmeter zur Gartenbewässerung eingesetzt werden und wieder im Boden versickern, also in die Süßwasserlinse unter der Insel zurückfließen. Vor wenigen Jahren mussten die VEN-Brunnen noch über 600 000 Kubikmeter Grundwasser fördern, um die Kunden zu bedienen. Doch die Zahl der Dauerbewohner sinkt seit Jahren.

Unabhängig vom Verbrauch könnte das Sylter Grundwasserreservoir aber noch aus anderer Richtung gefährdet sein – durch Kontamination. Kritisch beurteilen die Wasserversorger bis zu 100 Meter tiefe Bohrungen für Erdwärmesonden, die die Süßwasserlinse beschädigen könnten. Erdwärmekollektoren und Spiralkollektoren mit Tiefen von bis zu zehn Metern seien unbedenklich, ebenso wie Gartenbrunnen.

Die Versorgung der Insel mit Trinkwasser ist eine fragile Angelegenheit, das bestätigte auch EVS-Chef Wember vor dem Gemeinderat. „Sollte es zu einer Kontamination kommen, gibt es zwar einen Notfallplan, aber zur öffentlichen Wasserversorgung keinen Plan B.“

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