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Sylter Geschichte : Wie der Hindenburgdamm zu seinem Namen kam

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Die häufig bestrittene offizielle Namensgebung lässt sich aus zeitgenössischen Dokumenten genau rekonstruieren.

shz.de von
erstellt am 22.Mai.2017 | 18:14 Uhr

Sylt | Vor genau 90 Jahren reiste Reichspräsident Paul von Hindenburg in den hohen Norden des Deutschen Reiches, um dort einen Eisenbahndamm zu eröffnen. Dieser Verkehrsweg zwischen dem Festland und der Insel Sylt trägt seitdem seinen Namen. Immer wieder einmal wird gefordert, ihn umzubenennen. Blicken wir aber zunächst kurz auf die Geschichte des Damms.

Bereits der Lehrer und Chronist Christian Peter Hansen (1803–1879) schlug mehrfach vor, einen Damm beziehungsweise zwei parallel verlaufende Deiche zwischen der Insel Sylt und dem Festland zu errichten. Er meinte sogar, dass Sylt – und auch Föhr – auf diese Weise „am Ende ähnlich fruchtbare Halbinseln wie Eiderstedt werden“ könnten. Im Jahre 1908 richtete der Westerländer Bürgerverein eine Resolution an die preußische Regierung: „Jeder kleine Frost, jeder Ostwind unterbricht die Verbindung mit dem Festlande. […] Diesen vorsintflutlichen Zuständen würde die Bahnverbindung Niebüll-Westerland abhelfen.“

Nicht die Aussichten auf Landgewinnung oder die Wünsche Westerländer Wirte gaben indes den Ausschlag, sondern vor allem die der Insel zugemessene militärische Bedeutung. Ein Damm würde der Stationierung einer ständigen Garnison auf der Insel den nötigen Rückhalt geben, hieß es. 1913 begannen Vorarbeiten. Doch der Erste Weltkrieg brachte alles zum Erliegen.

Der Hauptweg nach Sylt führte weiter von dem kleinen Hafen Hoyerschleuse aus mit dem Fährschiff hinüber nach Munkmarsch. Doch 1920 wurde Nordschleswig, und damit auch Hoyer, an Dänemark abgetreten. Die Badegäste mussten nun also zunächst die Grenze passieren. Sie betraten im jetzt zu Dänemark gehörigen Hafen Hoyerschleuse ein Fährschiff der Sylter Dampfschiffs-Gesellschaft und fuhren von dort auf die bei Deutschland verbliebene Insel Sylt. Dieser Zustand wurde weithin als unhaltbar angesehen.

Bereits im deutsch-dänischen Abstimmungskampf 1919/20 hatte die deutsche Regierung die Wiederaufnahme des Dammbaus zugesagt. 1921 wurde mit Vorarbeiten und im Mai 1923 mit dem Bau begonnen. Unter der Leitung des Wasserbauingenieurs Hans Pfeiffer (1879-1960) wurden 3,2 Millionen Kubikmeter Erde und 300.000 Tonnen Steine, Kies, Busch und Pfähle bewegt. 25 Millionen Reichsmark kostete der 11,2 Kilometer lange Eisenbahndamm.

Mit dem ersten offiziellen Zug fuhr am 1. Juni 1927 Reichspräsident Paul von Hindenburg nach Westerland. In Klanxbüll, dem letzten Bahnhof auf dem Festland, dankte er „im Namen des Reiches allen, die mit Kopf und Hand an der Schaffung dieses großen Seedammes gearbeitet haben“, und erklärte die Eisenbahnstrecke nach Sylt für eröffnet. In Westerland hatte sich zum Empfang eine mehrtausendköpfige Menge versammelt. Eine Rundfahrt endete im Kurhaus, und hier wurden bei einem späten Frühstücksbankett mit 260 Personen „markige“ Einweihungsreden gehalten, alle in „nationaler“ Tonlage.

Über die Frage, wie es zum Namen „Hindenburgdamm“ kam, gibt es unterschiedliche Meinungen. Als Anfang 2014 erneut über eine Umbenennung diskutiert wurde, hieß es in der Presse, die Deutsche Bahn AG, in deren Besitz sich der Damm befindet, sehe keinen Grund dafür. Offiziell heiße der als „Reichsbahnstrecke Klanxbüll-Westerland“ eröffnete Verkehrsweg gar nicht „Hindenburgdamm“. Der Sprecher des Landesverkehrsministeriums vermutete stattdessen eine historisch gewachsene Bezeichnung. Sie sei wohl von Sylter Bürgern geprägt worden, hieß es.

In Klanxbüll erklärte Reichspräsident Paul von Hindenburg (vorne links) den Damm für eröffnet.
In Klanxbüll erklärte Reichspräsident Paul von Hindenburg (vorne links) den Damm für eröffnet. Foto: Sammlung Nordfriisk Instituut

Doch dies entspricht nicht den Tatsachen. Die Namensgebung lässt sich aus zeitgenössischen Dokumenten genau rekonstruieren. Noch in der offiziellen Einladung zur Einweihung ist nur vom „Eisenbahndamm Sylt-Festland“ die Rede. Beim Festakt in Westerland ergriff sodann der Generaldirektor der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft Julius Dorpmüller (1869-1945) das Wort. Der Reichspräsident gebe dem Fest „die rechte Weihe“ sagte er und würdigte die Bedeutung des Damms: „Alljährlich eröffnen wir eine Anzahl von Eisenbahnlinien, doch die Linie, die wir heute dem Verkehr übergeben, ist eigener Art. Zum ersten Mal in Deutschland überschreiten elf Kilometer Eisenbahn ein Gelände, das bis dahin dem Meer angehörte. Eine harte Grenzziehung hat das Eiland Sylt seiner Bindung mit dem heimatlichen Festlande beraubt. Wir haben Besseres als Ersatz geschaffen, eine Verbindung, unabhängig von den Stürmen und Gezeiten des Meeres.“

Deutschland leide unter den Lasten des verlorenen Weltkrieges, sagte Dorpmüller und fuhr fort: „Doch hier auf Sylt wurde die Wunde geheilt. Was schon lange Jahre in der reichen Zeit vor dem Kriege erdacht und ersonnen, dann aber immer wieder zurückgestellt wurde, das wurde jetzt zur Tat in diesen sorgenvollen Zeiten. Die Not wurde zur Treiberin und Wohltäterin. Wir schufen dies Werk, [...] vorwärtsgetrieben durch den unbesieglichen deutschen Willen, uns wieder herauszuarbeiten aus dem Dunkel der Not an das Licht einer neuen Freiheitssonne. Der Damm ist für uns ein Symbol geworden, ein Symbol des Willens zum Leben“.

Nun schlug Dorpmüller einen Bogen zu Paul von Hindenburg, und hier spiegelt sich der Mythos wider, der „den Sieger von Tannenberg“ nach der Schlacht von 1914 umrankte: „Wie dieser Damm, hat auch das deutsche Volk schwere Stürme über sich ergehen lassen müssen, doch auch das deutsche Volk hat in der Kriegszeit seinen schützenden Damm gehabt, und dieser Damm war verkörpert in der Person unseres allverehrten Herrn Reichspräsidenten, der damals mit seinem Schwert die deutschen Lande freihielt von feindlicher Zerstörung. Er war der Damm, der unerschütterlich blieb in den Zeiten des Aufruhrs und der Wirrsal, unbekümmert seiner Pflicht nachgehend im Dienste des Vaterlandes. Und als das deutsche Volk ihn zu seinem Reichspräsidenten erwählte, war er es, der immer wieder und noch in diesen Tagen darauf hinwies, daß nur die Einigkeit der deutschen Stämme, die Befreiung von Bruderhaß und Parteizwist einen Schutzdamm bilden könne gegen fremde Anmaßung und innere Wirren. Darum wollen wir den neuen Damm auf seinen Namen taufen, er heiße: ‚Hindenburgdamm‘.“

Ohne jeden Zweifel wurde also der Damm nach Sylt durch den Generaldirektor der Reichsbahn auf Hindenburg „getauft“. Mit Recht wird dieser Name kritisch gesehen. In der neueren Geschichtsforschung, genannt sei nur die umfassende Biografie des Stuttgarter Historikers Wolfram Pyta, wird Hindenburgs verhängnisvolle Rolle bei der „Machtergreifung“ Hitlers klar herausgearbeitet. In vielen deutschen Städten wurde und wird manchmal heftig darüber diskutiert, ob Hindenburgstraßen und Hindenburgplätze umbenannt werden sollten. Hindenburgs Verantwortung für die Machtübertragung an die Nationalsozialisten und seine Billigung der Verfolgung politischer Gegner etwa werden als Gründe dafür genannt, aber auch bereits seine Mitwirkung an der „Dolchstoßlegende“, die von Anfang an die erste deutsche Demokratie schwer belastete. Vor einigen Jahren schlugen engagierte Friesen vor, einen Kontrapunkt zu setzen und den Damm nach Uwe Jens Lornsen zu nennen, dem von Sylt stammenden Vorkämpfer eines Verfassungsstaats.

Reichsbahn-Chef Julius Dorpmüller „taufte“ den Damm.
Reichsbahn-Chef Julius Dorpmüller „taufte“ den Damm. Foto: Bundesarchiv
 

Auch der Verkünder des Namens ist verstrickt in das nationalsozialistische Unrechtssystem. Julius Dorpmüller, der seit 1926 an der Spitze der Reichsbahn stand, wurde 1937 zudem Reichsverkehrsminister und war mitverantwortlich für die Deportation der Juden in Zügen der Reichsbahn. Lange wurde er als herausragender Eisenbahnfachmann gesehen. Doch steht er prototypisch für viele Techniker und Ingenieure im Dritten Reich, die es als ihre „Pflicht“ ansahen, ihr fachliches Können unter allen Umständen umzusetzen – auch für den Massenmord.

Der „Hindenburgdamm“ ist gleich doppelt problematisch, auch durch den Erfinder des Namens, den Generaldirektor der Reichsbahn. Die Deutsche Bahn als Rechtsnachfolgerin kann sich deshalb nicht aus ihrer Verantwortung stehlen. Es wäre an dem neuen Vorstandsvorsitzenden Richard Lutz, sich von der Namengebung zu distanzieren. Doch es gibt auch starke Argumente gegen eine Umbenennung. Der Historiker Götz Aly etwa weist darauf hin, dass Namen als „geronnene Geschichte“ und als „Dokumente vergangener Zeiten“ aufzufassen seien. Dass ein Damm nach einer Person benannt wird, erscheint indes ganz untypisch. Der nach Nordstrand ist der Nordstrander Damm, der nach Rügen der Rügendamm. Auf Sylt sprechen die Einheimischen sowieso nur vom „Damm“.

Unser Autor Prof. Dr. Thomas Steensen ist Direktor des Nordfriisk Instituut in Bredstedt und Honorarprofessor an der Europa-Universität Flensburg.

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