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Disney-Dorf Kampen? : Wider den „Einheitsbrei“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Zwei Satzungen bestimmen, wie die Häuser in Kampen aussehen dürfen – das ist mit Problemen verbunden.

Reet soweit das Auge reicht, dazu roter Klinker. Wer durch Kampen fährt, der kann schon den Eindruck bekommen: Die Häuser hier sind alle gleich. In gewisser Weise ist das von der Verwaltung beabsichtigt: Es ist genau festgehalten, wie die Häuser in Kampen aussehen sollen. Es geht darum, das Ortsbild zu erhalten. Dass es dabei aber zu einem „Einheitsbrei“ kommt, war nicht der Plan.

Zwei Satzungen bestimmen, wie in Kampen gebaut werden darf. Eine ist die Ortsgestaltungssatzung, sie ist mittlerweile 100 Jahre alt. Die andere ist die Bauerhaltungssatzung, die es erst seit 2005 gibt – und gerade die ist es, die in Kampen immer wieder für Ärger zwischen der Verwaltung und Hausbesitzern führt.

Doch von vorn. Kampen, so erklärt Bürgermeisterin Steffi Böhm, war früher nur ein kleines Dorf. Heute ist es in seiner Ausdehnung riesig geworden. Damit ein Teil des ursprünglichen Kampen erhalten bleibt, wurde 2005 die Bauerhaltungssatzung ins Leben gerufen. „Das Ziel ist, Häuser, die das Dorf prägen, also auch bestimmte Bauarten, zu erhalten“, so Steffi Böhm. Dabei geht es nicht um Häuser, die 200 Jahre alt sind, sondern um die typischen Sommerhäuser aus den 1920er und 1930er Jahren. „Eigentlich kam die Satzung 20 Jahre zu spät. Viele Häuser waren da schon längst verschwunden. Der große Ausverkauf war der Grund dafür, dass wir die Satzung überhaupt bekommen haben“, so Steffi Böhm.

Das nun alles gleich aussähe, liegt für Bürgermeisterin Böhm auch daran, dass so viele der alten Häuser verschwunden sind, „wären von denen noch einige da, dann hätten wir einen besseren Mix“. Zwei Hartdachhäuser gibt es, die zum schützenswerten Bestand gehören, zwei Holzhäuser und beispielsweise die Springerburg. Insgesamt fallen 70 bis 80 Häuser unter die Bauerhaltungssatzung.

„Alle finden sie auch gut, aber nicht für das eigene Haus“, betont Steffi Böhm. Und so gab es bereits mehrere Klagen gegen die Satzung. „Die Eigentümer haben Angst vor einer Wertminderung. Eine Klage haben wir verloren, die betreffenden Häuser mussten wir aus der Satzung raus nehmen“, erklärt Steffi Böhm. Doch auch für diese Häuser habe es bisher keinen Abrissantrag gegeben. „Die Hausbesitzer klagen in die Zukunft gerichtet. Sie wollen die Möglichkeit zum Abriss haben, für den Fall, dass...“, sagt Böhm.

Zuletzt hatte es gegen die Gemeinde eine Rüge gegeben, die die gesamte Satzung in Frage stellt. Die Gemeinde hat diese Rüge bereits als unberechtigt zurückgewiesen. Erhaltenswerte Gebäude müssten das Gebiet nicht prägen oder mitbestimmen, sondern städtebaulich mitgestalten, und das sei der Fall. Schon mehrfach musste die Satzung überarbeitet werden. Außerdem sei die Gemeinde grundsätzlich gesprächsbereit. „Wir lassen ja auch mit uns reden und versuchen gemeinsam mit den Hausbesitzern Lösungen zu finden. Die Häuser müssen ja auch bewohnbar bleiben“, so Steffi Böhm.

Die Rüge ist nicht in der einzige Fall, in dem sich die Gemeinde Vorwürfe gefallen lassen muss. Kampen sehe aus wie Disneyland – auch das hat Steffi Böhm schon häufiger gehört. Dieser Vorwurf zielt auf die Gleichheit der Häuser ab, und damit auf die Ortsgestaltungssatzung. „Dadurch haben wir eine homogene Bauweise, so darf kein Haus höher sein als acht Meter“, erklärt die Bürgermeisterin. Es ist nur Reetdachdeckung zulässig, die Außenwände sämtlicher Gebäude sind mit rotem Sichtmauerwerk zu verblenden, Putz- und Holzbauten sind unzulässig – um nur ein paar der Vorschriften aus der Satzung zu zitieren.


Wirtschaftlicher Nutzen steht im Vordergrund


 

Dass es dadurch zu einem Einheitsbrei kommt, liegt für die Bürgermeisterin aber nicht an der Satzung selbst, sondern an der Umsetzung durch die Grundstücksbesitzer. So werden oft einfach Elemente der friesischen Baukultur als Versatzstücke verwendet, um den Vorstellungen der Käufer von einem Friesenhaus gerecht zu werden. Der Baustil orientiere sich zwar noch an der friesischen Bauart, allerdings dominiert bei der konkreten Ausgestaltung die maximale wirtschaftliche Ausnutzung, heißt es in der Gestaltungssatzung.

Von der Denkmalschutzbehörde fühlt sich die Kampener Bürgermeisterin im Stich gelassen. „Wir haben hier keinen Denkmalschutz. Jetzt hoffen wir auf die Reformierung des Denkmalschutzgesetzes“, so Böhm. Sollte die Behörde das eine oder andere schützenswerte Gebäude in Kampen unter Denkmalschutz stellen, würde es der Kampener Verwaltung das Leben erleichtern und so dabei helfen, den letzten alten Bestand zu retten.

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erstellt am 11.Okt.2014 | 05:45 Uhr

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