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Westerländer Stadtgeschichte in zehn Stationen

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Ein architektonischer Rundgang durch die Innenstadt offenbart die unterschiedlichsten Baustile aus verschiedenen Epochen

shz.de von
erstellt am 10.Jan.2014 | 00:33 Uhr

Dies ist eine Einladung zu einem Winter-Spaziergang der etwas anderen Art. Er führt kreuz und quer durch die Westerländer Innenstadt, über die der berühmte Modedesigner Wolfgang Joop einst befand: „Sie hat den Charme der 60er- und 70er-Jahre, darum gefällt sie mir!“

Westerland ist reich an architektonischen Besonderheiten. Bei diesem Rundgang reichen sie vom Friesenhaus über den Jugendstil und Expressionismus bis hin zur „Kistenbauweise“ der 70er-Jahre und moderner Kirchenarchitektur. Sämtliche Baustile manifestieren sich in Einzelhäusern, Villen, Appartementblöcken oder auch Sakralbauten. Sie in Augenschein zu nehmen, ist Ziel dieses Rundganges, der nebenbei auch viele Gelegenheiten bietet, kleine gastronomische Pausen einzulegen.



1. Bahnhof Westerland


Der Start am Westerländer Bahnhof (in der Übersichtskarte kleines Foto rechts) hat einen praktischen Grund: Ein Stadtplan auf dem Vorplatz hilft bei der Orientierung. Noch vom ausklingenden Spät-Expressionismus darf gesprochen werden, als das Bahnhofsgebäude 1927 seiner Bestimmung übergeben wurde. Und entsprechende Epochenmerkmale sind an diesem Ziegelbau mit seinen symmetrischen Seitenflügeln leicht festzustellen. Spitzwinklige, Fenster und Türen umgebende Rahmungen oder plastische Elemente im Mauerwerk, etwa die gezackten Vorsprünge, zeugen davon. Die Dachgauben dagegen oder auch die Sprossenfenster künden vom so genannten Heimatstil, einer für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg ebenfalls vorherrschenden Stilform. Ein Blick in die Bahnhofshalle darf nicht fehlen, denn hier erfreuen eine schmucke hölzerne Kassettendecke, die expressionistisch anmutende Rahmung der großen Wanduhr oder die gewaltigen Kronleuchter das Auge.



2. Friesenhaus


Dieser Abstecher in die Dirk-Brodersen-Straße lohnt sich, denn hier will ein herrschaftliches Friesenhaus näher betrachtet werden. Erster Blickfang: die schmucke Haustür mit dem kastenförmigen Oberlicht. Türen galten einst – und wohl auch bis heute – als bevorzugte Außendarstellung, quasi als Visitenkarte der jeweiligen Bewohner. Das Haus selbst, ganz den Bedürfnissen von Mensch und Tier entsprechend geplant, weist eine einheitliche und vor allem zweckdienliche Bauweise auf.

Ausgerichtet von West nach Ost, fanden sich auf der Westseite (rechts von der Haustür) Stallungen für das Vieh und Arbeitsräume, während nach Osten hin die Menschen wohnten. Das hatte auch praktische Gründe: Der vornehmlich aus Westen wehende Wind drückte die Stallwärme in die menschlichen Behausungen. Das ökologisch äußerst wertvolle Dach aus Schilfrohr bewahrte mit seiner Dicke von in der Regel 30 Zentimetern im Winter die mollige Wärme, im Sommer dagegen eine angenehme Kühle. Frei von Dachrinnen – das Wasser tropfte ab und versickerte im das Haus umgebenden steinernen Umlauf – und Dachgauben wurde es am Dachfirst von Grassoden oder Heidebüscheln abgedichtet. Ständer (Mastbauweise) tragen die gesamte Dachkonstruktion, in der vormals Vorräte lagerten. Der die Haustür krönende Giebel beginnt jeweils an der Traufe und erreicht genau die Höhe des Daches. Kleine hölzerne Türen und auch Belüftungsluken im Giebel sind heute längst kleineren oder größeren Fenstern gewichen. Sie tragen somit zusätzlich zum Erscheinungsbild bei.



3. St. Christophorus


Der Weg zur Pfarrkirche der Sylter Katholiken führt uns durch die Westerländer Innenstadt. Unser architektonisch mittlerweile ein wenig geschultes Auge wird in der Friedrichstraße 4 (Douglas) unschwer den Expressionismus, in der Bismarckstraße 13 (Sylter Bürgerstube) eine im Aufbau klare und durchkomponierte Renaissancefassade mit seitlicher Schneckendekoration ausmachen. Der katholische Sakralbau aber zieht uns ganz in seinen Bann. Dabei sollte der Blick zunächst vom gegenüber liegenden „Friedhof der Heimatlosen“ (Infotafel auf dem Gelände) auf das 1998 geweihte Gebäude fallen.

Der aus Münster stammende Architekt Dieter Baumewerd ließ sich bei seinen Planungen von der Idee leiten, dass die christliche Gemeinde als „durch das Meer der Zeit“ pilgerndes Gottesvolk am besten durch das Symbol des Schiffes zu versinnbildlicht werden kann. Ein Gotteshaus als Schiff – ein Schiff als Gotteshaus, wie man es nimmt. Schauen Sie nur genau hin: Der dreieckige Turm verkörpert den Schiffsmast, während das elliptisch gestaltete Innere einem Schiffskörper nachempfunden ist. Dessen farbig gestaltete „Bullaugen“ spenden Licht. Die Gemeinde sitzt während der Gottesdienste in einem großen Rund, das den zelebrierenden Priester am Altar und Lesepult nicht ausschließt. Welch schönes Symbol gemeindlicher Zusammengehörigkeit.



4. Commerzbank


Auf dem Weg zur Strandstraße heißt es: Augen auf! An der Ecke Friedrichstraße/Elisabethstraße begrüßen uns gleich drei Türmchen auf den Eckhäusern. Unterwegs räkelt sich an einer Hausfassade gar eine Nixe oder antike Meeresgöttin im Sand (oder ist es „nur“ ein Badegast?), bevor wir in der Elisabethstraße 1 einen neobarocken Giebelaufsatz sowie eine streng durchkomponierte Fassade mit allerdings geschlossenen Kolonnaden entdecken.

Nun aber in die Strandstraße Nummer 18 (Übersichtskarte kleines Foto links oben): In die 20er- und 30er-Jahre versetzt uns der Anblick des Hauses, in dem seit Jahren die Filiale der Westerländer Commerzbank neben diversen Geschäften und Wohnungen residiert. Der Bau wird von Fachleuten als „stereometrisch“ bezeichnet – was immer das bedeuten mag. 1932 erbaut, weist die Fassade eine horizontale Gliederung auf, bevor sie sich in kühnem Schwung zu einer „abgerundeten Ecke“ verändert. Die bauliche Epoche der Neuen Sachlichkeit hat sich hier ebenfalls im Gebäude der Firma Wegst ein Denkmal gesetzt.



5. Villa im Seebäderstil


Jetzt ist nur eine kleine Umdrehung zur Hausnummer 17 erforderlich, und schon lässt uns eine ausladende, weiß lackierte Veranda an vergangene Zeiten denken. Die Sonnenterrasse mit Balustrade gehört zur Seebäderarchitektur um 1900 und kündet vom gewachsenen Bedürfnis der Syltbesucher, sich der gesunden Nordseeluft und weniger der Sonne hinzugeben. Zwischen zwei Eckgebäuden symmetrisch liegend, verkleidet die Terrasse leider die kaum auszumachende Fassade des Hauses.



6. Villa Quitzow


Rundbogenfenster mit weitem Schwung, rot getönter Pfeilerschmuck am ebenfalls geschwungenen Eingangsportal, kein Industriefachwerk, sondern echtes Holz – die Villa Quitzow in der Norderstraße 5 (Übersichtskarte kleines Foto oben rechts) präsentiert sich in schönstem Jugendstil. 1907 erbaut (andere Quellen sprechen von 1902) erscheint das Gebäude mit seiner umfassenden Formensprache wie ein kleines Gesamtkunstwerk. Hier gilt die Liebe zum Detail. Man betrachte nur einmal gezielt den ornamental gestalteten Knauf an der Haustür. Er alleine ist schon ein Foto wert. Der Arzt Dr. Quitzow scheint längst vergessen, kündete nicht sein Namensschild auf der Vorderfront von ihm. Heute erwarten Ferienwohnungen mit stilgerechtem Mobiliar auf Gäste.


7. Villa Kristina


In unmittelbarer Nachbarschaft: eine weitere Villa. Das über Jahrzehnte als „Villa Kristina“ bekannte Gebäude in der Norderstraße 7 darf der Epoche des Historismus (etwa 1850 – 1900) zugeordnet werden. Diese Zeit brachte selbst keine eigenständigen Baumerkmale hervor, sondern sah vielmehr in der stilistischen Nachahmung vergangener historischer Epochen ihre einzige Kreativität. „Der Historismus orientiert sich an der Vergangenheit“, so heißt es lapidar. Bei dieser Villa wird die mittelalterliche Burgenarchitektur wieder zum Leben erweckt. Und das mitten auf Sylt! So flankieren zwei Türmchen, die an Treppentürme erinnern, das dominierende Portal mit seinen geometrischen Aufbauten. Zwillingsbogenfenster lassen an Burgen im Rhein- oder Saaletal denken und erzeugen romantische Assoziationen.


8. Alte Post


Es bedarf nur weniger Schritte, gar nur einer leichten Wendung: Welch eine Wohltat für das Auge tut sich hier auf! Die „Alte Post“ trägt ihren Namen mit Recht, beherbergte sie doch einst das kaiserliche Postamt. Der zweigeschossige Bau ist ein Kind des Historismus: Ganz im Stil der norddeutschen Backsteingotik ist er horizontal gegliedert. Auf seiner Rückseite allerdings zeigt er sich von seiner schönsten Seite. Im kleinen Treppen- oder Stufengiebel thront der kaiserliche Adler bis zum heutige Tag. Blendnischen mit Kreisornamenten bilden einen zusätzlichen Schmuck Solche verzierenden Elemente finden sich in mittelalterlichen Zunft- und Rathäusern zuhauf. Somit erklärt sich der Begriff „Historismus“ als eine Zeit des Rückgriffs auf historische Bauelemente.



9. Appartementhaus


In der heutigen Maybachstraße stand einst das renommierte „Hotel zum Deutschen Kaiser“, in dem der große Erzähler und Novellist Stefan Zweig in den 20er-Jahren logierte. Das heutige Bauwerk (Deutsche Bank) ist ein Kind der überall in Deutschland auszumachenden Abriss- und Bauwut der 60er- und 70er-Jahre, als Stahl, Beton und Glas zum baulichen Maßstab aller Dinge gerieten. Anders ausgedrückt: als ein fehlgeleitetes, „ungesundes Geschichtsbewusstsein“ nach 1945 alles anders gestalten wollte. Mit Sicherheit spielte auch der gestiegene Gästezustrom eine wesentliche Rolle, der einen zunehmenden Bedarf nach Unterkünften einforderte. So machte sich im Westerländer Stadtzentrum mehr und mehr eine „Kistenbauweise“ breit, die mit ihrer Rasterbauweise, den flachen Dächern und genormten Wohnungsgrundrissen zunehmend das optische Erscheinungsbild bestimmte und als letzter architektonischer Schrei galt.

Ohne Rücksicht auf gewachsene Strukturen sollte und wollte sie mit neuen Dimensionen ein neues Selbstverständnis ausdrücken. Und damit auch Abschied nehmen von einer vermeintlichen Kleinstadtarchitektur, die sich – Ironie des Schicksals – in den Ostseebädern geradezu zum gefragten Markenzeichen entwickelte. Diese Kästen und Blöcke lobte der ehemalige Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt, Vittorio Lampugnani, einst als „Inseln im Strom der Zeit“. Jahre sind über dieses „Lob“ verstrichen; heute fordert Lampugnani eine „Architektur des Anstandes“ – was immer das sein mag – und redet sogar den „Rückbau“ dieser Kästen das Wort.



10. Stadtkirche St. Nicolai


Die letzte Etappe führt uns zur Westerländer Stadtkirche St. Nicolai (Übersichtskarte kleines Foto unten links), deren Turm nicht zu übersehen ist. Nicht der Blick auf das Hauptportal, sondern dem rückwärtigen Erscheinungsbild soll unser Interesse gelten. Die Apsis dieses 1908 geweihten Backsteinbaues präsentiert sich unverkennbar mit romanischen Elementen. Das kompakte und wuchtige Mauerwerk, unterstützt vom aus Findlingen geformtem Fundament, flößt geradezu Respekt ein. Einziger ornamentaler Schmuck ist neben dem Fensterband ein den äußeren Altarraum sowie die sich rechts und links zeigenden Querschiffe umlaufender Fries. Mitsamt den kleinen Rundbogenfenstern ist dieser Gesimsstreifen typisch für den normannisch-romanischen Kirchenbau. Ob Heinrich Bomhoff als Bauleiter und der Berliner Geheime Oberbaurat Hosfeld an Luthers Reformationslied „Ein feste Burg“ dachten, als sie hier ans Werk gingen? Der mächtige Sakralbau jedenfalls hat bislang allen Stürmen der Zeit getrotzt. Sollte das Portal geöffnet sein: Auf jeden Fall eintreten und den Taufstein betrachten. Er stammt aller Wahrscheinlichkeit nach aus der um 1300 durch Sturmflut zerstörten Eidumer Kirche.



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