Demenz auf Sylt : Wenn Mama plötzlich alles vergisst

Frauen sind aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung besonders häufig von einer Demenz betroffen.
Frauen sind aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung besonders häufig von einer Demenz betroffen.

Die Diagnose Demenz ist auch für Angehörige eine besondere Herausforderung. Eine Sylterin erzählt aus ihrem Alltag mit einer demenzkranken Mutter.

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21. Mai 2019, 18:15 Uhr

In einer alternden Gesellschaft rückt das Thema Demenz immer mehr in den Vordergrund. In unserer neuen Serie zeigen wir, was ein Leben mit Demenz auf Sylt bedeutet. Heute aus Sicht der Angehörigen:

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Es sind die alltäglichen Dinge, die plötzlich schwer fallen, die in Vergessenheit geraten  und den Angehörigen eines an Demenz erkrankten Menschen Sorgen bereiten.   Der Krankheitsverlauf ist ein schleichender Prozess und oftmals kommt die Diagnose erst spät, da die Betroffenen ihre Defizite verstecken. Sie bauen sich Gedächtnisstützen, kleben sich Zettel in die Wohnung, die sie daran erinnern sollen den Herd auszuschalten oder den Schlüssel einzupacken. Sie bemühen sich, verstehen aber oftmals selbst nicht, was da gerade passiert  „und dann kommt doch der Moment, in dem sie ihre Schuhe im Kühlschrank finden“, weiß Petra Belgardt aus ihrer jahrelangen Erfahrung in der Altenpflege.

Plötzlich liegen Schuhe im Kühlschrank

Eine Sylterin, die täglich mit der wachsenden Vergesslichkeit ihrer Mutter zurechtkommen muss, ist  Marianne Fischer, die nicht wirklich so heißt.  Ihren echten Namen möchte sie allerdings  lieber nicht in der Zeitung lesen, trotzdem aber ihre Geschichte erzählen. „Bei meiner Mutter hieß es plötzlich nur noch ‚Dings hat angerufen‘ oder ‚ich muss noch Dingens machen‘ – sie war einfach nicht mehr in der Lage, Personen und Namen zuzuordnen.“ Kurz drauf ging sie mit ihr zum Neurologen;  die Diagnose: Demenz. „Mein erster Gedanke war: Oh Gott, hoffentlich habe ich nicht auch die Gene“, gesteht sie.   Zuerst habe sie sich daraufhin bei einer Beratungsstelle auf der Insel informiert, das Ergebnis war ernüchternd, auch wenn man ihr gut und ausreichend Auskunft gegeben habe. „Ich wurde dort nicht aufgefangen“, erzählt sie, viel mehr habe sie das Gefühl gehabt, dass „die Welt zusammenbricht“.  Es seien  Sprüche gefallen  wie „Demenz auf Sylt ist nicht machbar“ oder  „Überall ist es besser als auf Sylt.“

Die Welt bricht zusammen

Frau Fischers Wunsch war es, ihre Mutter so lange wie möglich in ihrem gewohnten Umfeld zu lassen – auch wenn das bedeutete, dass die beiden gut 600 Kilometer von einander entfernt wohnten. Sie ging selbst auf die Suche, recherchierte und informierte sich. „Irgendwann kam der Punkt, an dem es nicht mehr funktionierte“, erzählt sie. Sie habe ihrer Mutter die Wahl gelassen: Zu ihr nach Sylt oder in ein Pflegeheim in der Heimat in Nordrhein-Westfalen zu ziehen. Ihre Mutter entschied sich für die Insel. „Ich bin froh meine Mutter bei mir zu haben“, sagt Marianne Fischer. Manchmal bereue ihre Mutter den Umzug  zwar, „doch sie bleibt immer so fair zu sagen, dass es ihre eigene Entscheidung war.“

Mein erster Gedanke war: Oh Gott, hoffentlich habe ich nicht auch die Gene Marianne Fischer
 

Fünf Mal die Woche holt die voll berufstätige Frau ihre Mutter zum warmen Abendessen zu sich. Sie gibt sich Mühe, ermöglicht ihrer Mutter die Teilnahme an den zahlreichen Seniorenangeboten der Insel und der Demenzgruppe „Tante Frieda“. „Das Angebot für Senioren hier ist toll, bei weitem nicht mit dem vergleichbar, was ich sonst kenne“, schwärmt   Frau Fischer.

Wenn die Grenzen verschwimmen

Zwei Mal täglich kommt der Pflegedienst zur Medikation, ansonsten käme ihre Mutter größtenteils alleine zurecht. „An dem einen Tag in der Woche, an dem sie nicht verpflegt wird, isst sie Brot“, erzählt die Tochter. „Auch wenn das bedeutet, dass sie nur Aufschnitt isst und das Brot eben weglässt.“

Marianne Fischer kennt ihre Mutter – eine gute, liebenswerte Seele, aber eben auch ein wenig bequem. Wo die Grenze zwischen Erkrankung und Bequemlichkeit liegt, ist auch für sie manchmal schwer zu erkennen.  

Weiterlesen: Die Qual des Vergessens

„Am Schlimmsten ist es für mich  zu akzeptieren, dass der Schaden irreversibel ist“, gibt Marianne Fischer zu. „Es ist  schwierig den Verfall mitanzusehen. Und es wird ja nicht besser –  im Gegenteil: Es wird immer schlimmer.“  Petra Belgardt kennt diese Situation gut. Beide Parteien stünden dauerhaft unter Stress. Die Angehörigen aus Hilflosigkeit und die Betroffenen aus Angst wieder etwas falsch zu machen. „Das hat zur Folge, dass viele Demenzerkrankte unwirsch und gereizt reagieren“, weiß die Altenpflegerin.

Bei ihrer Mutter sei das nicht der Fall, erzählt Marianne Fischer. „Sie wird oftmals eher traurig – Depressionen können auch eine Begleiterscheinung der Erkrankung sein.“

Das ungute Gefühl, die Angst um ihre Mutter ist ihr dauerhafter Begleiter. „Was wenn sie doch einmal unangekündigt das Haus verlässt?“, sorgt  sich Marianne Fischer Der Orientierungssinn ihrer Mutter sei einfach nicht mehr gegeben. Kommen Freunde der Mutter  zu Besuch ermahnt sie diese, ihre Mama an der Haustür abzuholen und auch wieder zurückzubringen. „Es ist wichtig, dass man sie nicht einfach an der nächsten Ecke rauslässt und sagt: ‚Das schaffst du schon‘ –  denn leider schafft sie es eben nicht mehr.“

Jeden Tag eine kleine Aufgabe

Sie gibt ihrer Mutter kleine Aufgaben wie Einkaufszettel zu schreiben, denn so habe sie das Gefühl,etwas zu tun zu haben. „Oft holen wir sie auch zum Hunde-Sitten zu uns“, erzählt Frau Fischer. „Meine Mutter liebt unseren Hund und der Hund liebt sie. Es ist, als würde das Tier spüren, dass meine Mutter besondere Aufmerksamkeit braucht.“ An diesen Tagen sei ihre Mama besonders gut drauf, ständig frage sie dann „das ist doch heute, dass ich Hunde-sitten kann?“

Es ist schwierig den Verfall mitanzusehen. Marianne Fischer
 

Für Marianne Fischer ist klar: Der Alltag und die Eigenständigkeit ihrer Mutter sollen so lange wie möglich erhalten bleiben. „Wenn es irgendwann nicht mehr geht, dann muss sie leider in ein Seniorenheim hier auf der Insel“, so Fischer. Angemeldet sei sie bereits. „Denn so bleibt zumindest der Alltag erhalten – zu „Tante Frieda“ und zum Kaffeetrinken kann sie ja dann immer noch.“

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