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Morsum : „Wenn die Schule stirbt, stirbt auch das Dorf“

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Im Interview spricht Rechtsanwalt Andreas Wendt über die Probleme, Morsum als lebendiges Dorf zu erhalten. Er sieht durchaus noch Chancen, die Schließung der Grundschule zu verhindern.

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erstellt am 25.Jan.2014 | 06:00 Uhr

Anfang der Woche verkündete die Schulrätin des Kreises Nordfriesland das „definitive Aus“ für den Schulstandort Morsum. Seitdem laufen Eltern, Morsumer Gemeindevertreter und Mitglieder des Ortsbeirates Sturm und wollen sich mit der Entscheidung nicht abfinden. Zu den Enttäuschten gehört auch der Morsumer Andreas Wendt, Rechtsanwalt und Vater von drei Kindern (8,6 und 5 Jahre), der sich mit seiner Frau Maria seit Jahren für den Erhalt der Dorfstrukturen einsetzt. Um die Schule zu erhalten, will das Ehepaar seit sieben Jahren eine 2,5 Hektar große Wiese für den Bau von Dauerwohnraum für Familien zur Verfügung zu stellen. Noch hat Wendt die Hoffnung nicht aufgegeben, auch künftig in einem „lebendigen Dorf Morsum“ leben zu können.

Herr Wendt, macht der Protest jetzt überhaupt noch einen Sinn? Ist das Morsumer Primarhaus aus Ihrer Sicht noch zu retten?
Schulrätin Maike Jennert hat ihre Entscheidung sicher nicht unüberlegt getroffen. Die Frage ist, ob diese Entscheidung mit Kultusministerin Wende im Einzelnen abgestimmt und in den Konsequenzen wirklich bedacht ist. Angesichts der jüngsten Mitteilungen der Landesregierung sind erhebliche Zweifel daran angebracht. Danach sollen auch Dorfschulen mit zu geringer Schülerzahl über eine sogenannte Experimentierklausel zunächst weiter bestehen bleiben. Wenn das schon für eigenständige Dorfschulen gilt, wird es um so mehr für das Primarhaus gelten, das verwaltungstechnisch zur Nordkampschule gehört. Die Schulrätin begründet ihre Entscheidung damit, das Morsumer Schulangebot sei „rein rechnerisch einfach nicht mehr darstellbar“. Demgegenüber hat die Landesregierung in diesen Wochen erklärt, dass die EU Fördermittel in Höhe von 420 Millionen Euro zur Stärkung des ländlichen Raumes und zum Erhalt lebendiger Dörfer zur Verfügung stellt. Mit solchen Mitteln wird in Morsum gerade der Lebensmittel-Nahversorgungsmarkt im Muasem Hüs errichtet, der im Frühjahr eröffnen soll. Warum soll aus diesen Mitteln nicht für eine Übergangszeit von beispielsweise fünf Jahren das Primarhaus gefördert werden?

Glauben Sie wirklich, dass sich in den nächsten Jahren zugunsten der Schülerzahlen etwas ändert?

Das ist der zentrale Punkt. Die Frage nach dem Erhalt einer dörflichen Grundschule kann nicht isoliert beantwortet werden. Es geht vielmehr darum, ob wir das Dorf sozusagen als Kulturgut anerkennen und bewahren wollen, so wie es die Landesregierung in ihrem Programm zur Stärkung der Dörfer vorsieht. Bis jetzt ist Morsum ein in positivem Sinne lebendiges Dorf, mit eigener Grundschule, vielen Vereinen, dem Muasem Hüs als Zentrum für dörfliche Veranstaltungen, der Kirchengemeinde und einer traditionsreichen Bäcker- und Konditorei mit Café in zweiter Morsumer Generation. Wenn in drei oder vier Monaten der mit EU-Mitteln finanzierte Lebensmittelmarkt eröffnet, lässt die dörfliche Struktur eigentlich keine Wünsche mehr offen.

Eigentlich?
Obwohl augenscheinlich die Welt im Dorf Morsum noch in Ordnung ist, zeigt die verkündete Schließung der Dorfschule, dass es um den Fortbestand der dörflichen Bevölkerung schlecht bestellt ist. Dazu brauchen wir vor allem Familien mit Kindern, die zunehmend fehlen, sonst wären die aktuellen Schülerzahlen der Grundschule nicht so gering und das Primarhaus würde nicht vor der Schließung stehen.


Kann es das Dorf Morsum nicht auch ohne Grundschule geben? Warum können die Kinder zur Schule nicht mit dem Schulbus nach Westerland oder Tinnum fahren?
Natürlich ist die Entfernung von Morsum nach Westerland oder Tinnum mit dem Schulbus überbrückbar. Aber es gilt ein eiserner Grundsatz, der bisher durch alle Erfahrungen nur bestätigt wird: Wenn die Schule stirbt, stirbt auch das Dorf. Es gibt dann für eine Familie mit kleinen Kindern keinen Grund mehr, nach Morsum zu ziehen, sondern nur noch dort wegzuziehen, weil dann alles leichter zu werden scheint. Das hat eine Reihe anderer Sylter Dörfer schon hinter sich. Und wenn die Familien fehlen, hat auch der Pastor keine Konfirmanden mehr, der Feuerwehr fehlt der Nachwuchs und der Sportverein findet nicht mehr statt. Familien und Schule sind für den Bestand eines lebendigen Dorfes unverzichtbar.

Ihre Schlussfolgerung?
Das Dorf Morsum braucht Nachwuchs und dafür ist Dauerwohnraum für Sylter Familien die entscheidende Voraussetzung. Das bescheinigt auch das Wohnungsmarktkonzept, das im Oktober 2012 vorgelegt wurde. Für Morsum wird darin ein Bedarf von mindestens 180 neu zu bauenden Wohnungen mit Priorität für junge Familien mit Kindern ermittelt. Dafür haben wir unsere Wiese angeboten. Ohne ein solches Projekt ist das Dorf Morsum einschließlich seiner Grundschule nicht mehr zu retten.

Kann sich ein Dorf in seinem Fortbestand nicht selbst erhalten durch nachfolgende Generationen und Zuzug von Familien?
Normalerweise schon, in Fremdenverkehrsregionen wie der Insel Sylt aber leider nicht, denn privater Wohnraum wird wegen des zigfach höheren Gewinns in der Regel an Feriengäste oder Zweitwohnungsbesitzer vergeben und nicht an wohnungssuchende Sylter Familien mit Kleinkindern.

Also sind die Dorfbewohner am Niedergang dörflicher Kultur und der Schließung des Primarhauses selber Schuld...
Ja, und das gilt natürlich für die gesamte Insel Sylt. Eine Wohnung oder ein Haus, das an Zweitwohnungsbesitzer verkauft wird, ist als Wohnraum für die einheimische Bevölkerung verloren, da gibt es in der Regel kein Zurück. Andererseits ist es aber auch unrealistisch, dem einzelnen Sylter sozusagen ein Sonderopfer für den Erhalt dörflicher Kultur durch Verzicht auf einen Veräußerungsgewinn abzuverlangen, zumal viele Menschen die Komplexität der aufgezeigten Zusammenhänge nicht erkennen. Der Einzelne empfindet es als ungerecht, wenn ausgerechnet er auf die Chance verzichten soll, durch Verkauf des Elternhauses reich zu werden. Deshalb führt der Erhalt insularer Bevölkerung in erster Linie über den gemeindlichen Wohnungsbau.

Wann entstand die Überlegung, dass Dorf durch ein Bauprojekt wie die Bebauung Ihrer Wiese zu stärken?
Die Idee und die Einsicht in das Erfordernis baulicher Entwicklung im Dorf Morsum für Familien mit Kleinkindern kam beim Gemeindefest im Sommer 2006. Wir standen mit verschiedenen Morsumern im Pastoratsgarten und waren uns einig, dass der Fortbestand unseres Dorfes und seiner Institutionen durch fortschreitenden Verkauf und Wegzug einheimischer Dorfbewohner gefährdet ist. Wir sagten, dass unsere mitten im Dorf gegenüber vom Bahnhof gelegene Wiese zur Verwirklichung eines zukunftsweisenden Bauprojektes geeignet sein könnte. Der damals geschäftsführende Bürgermeister der Gemeinde Sylt-Ost war dabei und regte an, die Gedanken zusammenzufassen, um dann gemeinsam darüber zu sprechen. Beides ist geschehen, der Bürgermeister reiste damit nach Kiel und Husum und fand auch dort offene Ohren.

Es kam dann die Fusion mit Westerland und Rantum – wie ging es weiter?
Es mag gute Gründe für eine Fusion gegeben haben, aber für den Erhalt der Ostdörfer war sie Gift, denn mit der Fusion bestand die Mehrheit der Gemeindevertreter aus Menschen, denen schon der Begriff Dorf nichts mehr sagt, die quasi städtisch denken. Wir haben eine Vielzahl von Briefen an Bürgermeisterin und Fraktionsvorsitzende geschrieben, aber nichts passierte. Der seinerzeitige Inselbaumeister vertröstete die Morsumer von Jahr zu Jahr mit der Behauptung, das insulare Wohnraumentwicklungskonzept müsse erst fertig werden, vorher könne man sowieso nichts machen. Unsere Wiese wurde nicht einmal in die Potenzialflächenliste aufgenommen. Vergangenen Sommer trat dann der Wohnungs¬bauausschuss zusammen und beriet über die Schaffung von 500 Dauerwohnungen in der Gemeinde Sylt bis 2018. Obwohl der Ortsbeirat zuvor beschlossen hatte, unsere Wiese als Potenzialfläche mit höchster Priorität aufzunehmen, war in Morsum kein Wohnungsbau vorgesehen. Man überging sogar das selbst in Auftrag gegebene Wohnungsmarktkonzept, wonach in Morsum 180 zusätzliche Wohnungen für junge Familien mit Kindern benötigt werden. Als Zuhörer mochten wir kaum glauben, dass die Mehrheit des Wohnungsbauausschusses den Bau von 500 Wohnungen beschloss, aber nicht eine einzige Wohnung im Dorf Morsum. Wir waren fassungslos.

Hätte die Gemeinde Sylt-Ost vor der Fusion diesen Punkt nicht vertraglich festlegen können?
Bezogen auf die Stärkung der Dorfkultur in den Ostdörfern ist genau das erfolgt. In Paragraf 4 Absatz 5 des Fusionsvertrages verpflichteten sich alle Beteiligten ausdrücklich zur „Umsetzung des Wohnungsbauprojektes Andreas Wendt, Morsum“ – und übrigens auch zur Umsetzung des Mehrgenerationenhauses der Tinnumer Kirchengemeinde. Aber nachdem die Sylt-Oster der Fusion zugestimmt hatten, wollte die neue Gemeinde Sylt davon nichts mehr wissen. Nun hieß es, seien die Mehrheitsverhältnisse anders und an den Beschlüssen würde nicht mehr festgehalten. Man kann sich vorstellen, was für eine unglaubliche Enttäuschung das für die Sylt-Oster Bevölkerung war.

Zurück zum Thema Grundschule: Was müsste Ihrer Ansicht nach passieren, um sie doch noch zu erhalten?
Ein bloßer Protest gegen die Entscheidung der Schulrätin hat keinen Zweck. Möglicherweise könnte aber ein Gespräch mit der Landesregierung zum Umdenken führen. Und zwar dann, wenn Kultusministerin Wende und der Minister für ländliche Räume, Habeck, mit uns zusammenkommen und entscheiden, Morsum als dörfliches Pilotprojekt in einer Fremdenverkehrsregion zu entwickeln. Dazu stünden wie gesagt enorme Mittel der EU zur Verfügung, um Übernahme, Erschließung und Entwicklung des Bauprojektes zu finanzieren. Voraussetzung für eine solche Übereinkunft mit der Landesregierung wären der klare Wille und Beschluss der Gemeinde Sylt, das Dorf Morsum als lebendiges Dorf zu erhalten und zu entwicklen mit Schule und dem Zuzug von möglichst vielen Familien. Ein solches Projekt wäre auch im Sinne einer nachhaltigen touristischen Entwicklung, denn die Geborgenheit in dörflicher Gemeinschaft ist das, was die Gäste der Insel Sylt insbesondere in den Sylter Ostdörfern schätzen. Es müsste also ein nicht zu großes Gremium gebildet werden, das die Gespräche mit der Landesregierung führt. Als Eigentümer des Grundstückes und Initiatoren des Projektes würden wir gerne in diesem Gremium mitwirken.

Sie halten die Entscheidung der Schulrätin also durchaus noch für umkehrbar?
Ich habe den Eindruck, dass die Schulrätin im Hinblick auf die Bemühungen der Landesregierung zur Stärkung der ländlichen Räume und zum Erhalt lebendiger Dörfer einfach nicht auf dem neuesten Stand ist. Vieles spricht auch dafür, dass Frau Jennert ihre Entscheidung bereits im vergangenen Jahr getroffen hat, die mit den neuen Entwicklungen der Landesregierung gar nicht mehr übereinstimmt. Wenn wir kurzfristig bei den genannten Ministerien deutlich machen, dass deren Bemühen durch den unkontrollierten Vorstoß einer einzelnen Kreisschulrätin konterkariert wird, könnte deren Einzelentscheidung von der Kultusministerin aufgehoben werden.

Und wenn nicht?

Wenn die Schule geschlossen wird, braucht man sich über unsere Wiese keine Gedanken mehr zu machen – unser Angebot gilt dann nicht mehr.

Das angekündigte Aus für das Primarhaus fällt zusammen mit dem Aus der Sylter Geburtshilfe. Wird die Situation für Familien dadurch nicht noch verschlechtert?

Die an den Haaren herbeigezogenen und wechselnden Begründungen von Asklepios sind eine Unverschämtheit und die Hilflosigkeit der Sozialministerin und anderer Institutionen ist jämmerlich. Trotzdem wird die Sylter Bevölkerung nicht zugrunde gehen. Es wird weiterhin Geburten auf Sylt geben, wie die bereits erfolgten Hausgeburten zeigen. Wenn Asklepios trotz des gigantischen Konzerngewinns meint, sich auf Sylt nur die gewinnträchtigen Bereiche heraussuchen und der Bevölkerung hinsichtlich der allgemeinen Versorgung die Solidarität aufkündigen zu können, werden die Sylter umgekehrt sicher das gleiche tun.

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