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Sylter Seehundjäger : Wenn die Erlösung für Schrecken sorgt

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Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Auf Sylt müssen momentan verhältnismäßig viele kranke Seehunde am Strand geschossen werden. Sie leiden an Lungenwürmern - an denen schwache Tiere leidvoll zugrunde gehen. Nur Seehunde mit Überlebenschance werden aufgepäppelt.

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erstellt am 17.Dez.2013 | 00:31 Uhr

Sylt | Möwen fliegen am weiten Winterhimmel, ein Rentnerehepaar betrachtet die Brandung, eine Frau sammelt Muscheln und der kleine Seehund, der am Flutsaum liegt, sieht so niedlich aus. Dann kommt ein Mann in einem Pickup angefahren, steigt aus und schießt den jungen Seehund noch am Strand tot. Szenen wie diese haben Touristen und Einheimische in den vergangenen Tagen zwischen List und Hörnum häufiger erlebt – vier bis fünf junge Seehunde am Tag musste Sylts Seehundjäger Thomas Diedrichsen schießen. Auch wenn er die Spaziergänger vorher informiert, dass die Tiere sterbenskrank sind, dass er ihnen den Stress ersparen will, vor dem Schießen noch woanders hingefahren zu werden, dass die Spaziergänger vorher weiter gehen sollten: Mit Verständnis von Gästen und Syltern darf er bei seinem Job nicht immer rechnen.

„Die Tiere sind krank“, sagt Diedrichsen denen, die ihn auf seinen Kontrollrunden kritisieren. Und: „Es wird nicht jedes Tier auf Teufel komm raus aufgepäppelt.“ Klingt für den Laien erst einmal hart. Und Besorgnis erregend: Warum liegen jeden Tag vier bis fünf kranke Seehunde am Strand, wenn es normalerweise nur zwei pro Woche sind? Genau beantworten kann man diese Frage momentan nicht, offenbar gibt es mehrere Ursachen. Grund zur Besorgnis besteht laut Tierärztin Ursula Siebert allerdings nicht. Sie untersucht alle geschossenen Seehunde in Büsum in einer Zweigstelle der Tierärztlichen Hochschule Hannover und weiß, dass der Seehundbestand in diesem Jahr auf einem Rekordhoch steht: In Schleswig-Holstein wurden 12.000 Seehunde, davon 3600 Jungtiere gezählt. Die Tiere, die Diedrichsen am Strand findet, leiden häufig an Lungenwürmern. Bei Seehunden normale Parasiten – doch schwächere Tiere können an den Folgen der Lungenwürmer sterben, erklärt Tierärztin Siebert. Ihre These: Durch die hohen Bestände sorgen die Lungenwürmer für eine natürliche Auslese – die starken Jungtiere überleben, die schwachen sterben. Dass sie Letzteres häufig am Sylter Strand machen, könnte laut Siebert daran liegen, dass um die Insel herum zu dieser Jahreszeit besonders viele Seehunde lagern: „Die Sylter müssen sich wegen der hohen Bestände darauf einstellen, häufiger kranke Seehunde am Strand zu sehen.“ Außerdem bedeuteten die beiden Orkantiefs „Christian“ und „Xaver“ gerade für junge Seehunde eine enorme Anstrengung.

Thomas Diedrichsen ist einer der drei amtlich bestellten Jagdaufseher auf Sylt – gegen eine Aufwandsentschädigung sieht er im Auftrag des Nationalparkamtes und des Landesjagdverbandes am Strand nach dem Rechten. Wenn er bei den Tieren noch Chancen sieht, werden sie in die Aufzuchtstation nach Friedrichskoog gebracht – sechs Sylter Heuler sind in diesem Jahr zum Aufpäppeln dorthin gebracht worden. „In die Seehundstation liefern wir nur Tiere, die auch eine Überlebenschance haben“, erklärt Diedrichsen – die der vergangenen Tage, denen wegen der kaputten Lungen schon Blut aus den Nasen liefen, gehören nicht dazu. Das Wattenmeer sei Nationalpark, betont Diedrichsen – „das heißt, dass natürliche Abläufe auch ablaufen dürfen. Also dass kranke und schwache Tiere sterben dürfen. Es wird nicht versucht, den Seehundbestand künstlich durch Medikamenten-Beigabe hoch zu halten.“ Armin Jeß vom Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz fügt hinzu: „Wenn man die kranken Tiere am Strand nicht schießen würde, würden sie nach einigen Tagen eingehen. Die Seehundjäger verkürzen das Leid der Tiere.“

Auch wenn diese „Erlösung“ für Strandspaziergänger erst einmal ein Schock sein kann: „Der belebte Strand ist kein natürlicher Liegeplatz für Seehunde. Wenn ich dort einen sehe, kann ich davon ausgehen, dass mit ihm etwas nicht stimmt“, erklärt Jeß. Wer ein Tier findet, sollte bei der Kurverwaltung oder der Polizei Bescheid geben. Und bei empfindlichem Gemüt schnell weiter gehen, bevor der Seehundjäger eintrifft.

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