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Sylter Rundschau

22. Oktober 2017 | 15:51 Uhr

Wenn der Bürger nachher meckert

vom

Sie engagieren sich nicht, aber kritisieren das Ergebnis: Wenningstedts Tourismusdirektor ärgert sich über Kommentare zum Haus des Gastes

shz.de von
erstellt am 30.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Wenningstedt | Sich selbst nicht einbringen, und dann meckern: Wenningstedts Touristik-Chef Henning Sieverts ist von den negativen Kommentaren auf Facebook zum Entwurf des neuen Wenningstedter Hauses des Gastes überrascht. Die Sylter Rundschau hatte ein Bild des abgesegneten Entwurfes anlässlich der Vertragsunterzeichnung auf ihre Facebookseite gestellt - daraufhin meldeten sich neben positiven Stimmen auch zahlreiche Kritiker zu Wort, die den Entwurf in teils rüden Worten kritisierten. "Man kann natürlich der Meinung sein kann, dass das Gebäude nicht schön ist", sagt Sieverts. Aber es sei skurril, dass sich die Kritiker erst dann zu Wort melden, wenn der Auftrag schon unterschrieben ist - nicht, als der Entwurf in den Gremien besprochen und dort einstimmig beschlossen wurde, nicht, als er in der Presse abgedruckt wurde. Sondern erst dann, wenn die Vorarbeiten an dem Projekt abgeschlossen sind.

Nachdem der erste Anlauf für ein Haus des Gastes wegen einer drohenden Kostenexplosion im Frühjahr vergangenen Jahres gestoppt worden war, hat beim neuen Entwurf ein fünfköpfiger Arbeitskreis aus Verwaltung und Kommunalpolitik mitgearbeitet, die fertigen Pläne wurden dann in der Gemeindevertretung und der Presse vorgstellt. "Gerade für die Ehrenamtler, die ihre Freizeit und Energie in so ein Projekt stecken, sind solche negativen Reaktionen im Nachhinein ein Schlag ins Gesicht", findet Sieverts, und verweist auf die Geschichte des Gosch-Neubaus, bei dem Kritiker ihren Unmut in Schmähschriften am Bauzaun ausließen, nachdem sie sich während der zweijährigen Entscheidungsphase kaum zu Wort gemeldet hatten: "Es ist doch heutzutage wirklich ein Phänomen, dass die Leute den Weg über ihre demokratisch gewählten Politiker und die klassischen Gremien nicht nutzen und dann im Nachhinein legitimierte Entscheidungen konsequent ignorieren." Wenn man hierbei die sogenannten Trolle außer Acht lässt - Menschen, die im Internet einfach zu jedem Thema eher unqualifizierte Kommentare abgeben -, auch dann lässt sich in Deutschland eine wachsende, kritische Haltung zu Großprojekten erkennen. Mit der Frage, warum das so ist, beschäftigt sich der emeritierte Hamburger Politikprofessor Wolfgang Gessenharter. Eines seiner Schwerpunktthemen sind Bürgerbeteiligungen, und er bewertet die schimpfenden Facebooker deutlich positiver als Sieverts: "Das sind im guten Sinne Wutbürger-Leute, die ganz früh an Projekten beteiligt werden wollen." In ganz Deutschland werde den Bürgern immer bewusster, dass "sie doch mehr Kraft haben, als die Verwaltungen ihnen zugestehen." Deshalb sei der beste Weg für die Kommunalpolitik, die Bürger an großen Projekten wie dem Bau des Hauses des Gastes in offenen Diskussionsrunden zu beteiligen - und zwar, anders als es in Wenningstedt geschehen ist, "bevor Pläne erstellt werden". Denn wenn sich nur ein Arbeitskreis mit dem Thema beschäftige, und "die fertigen Pläne in Sitzungen vorgestellt werden, die ja in der Regel stark reguliert sind" - in denen der Bürger mehr oder minder als Zuschauer sitze - vermittle die Politik selten das Gefühl, dass der Bürger sich wirklich noch beteiligen könne. Gessenharter ist der Meinung, dass Bürgerbeteiligungen Entscheidungsprozesse in der Regel nicht verlangsamen oder verteuern würden - dafür werde das Ergebnis am Ende von der Bevölkerung eher akzeptiert - auch dann, wenn sich wie normalerweise nur ein Bruchteil eines Ortes bei der Bürgerbeteiligung engagieren würde: "Man muss das alles offen genug machen - dann sind die Leute zufrieden, auch wenn sie selbst nicht bei der Bürgerbeteiligung aktiv waren."

Henning Sieverts sieht das ein bisschen anders: Bei dem ersten Anlauf zum Haus des Gastes sei die Öffentlichkeit in das Projekt stark einbezogen worden - trotzdem wäre die Akzeptanz der Architektur bei vielen Wenningstedtern gering gewesen. Außerdem: "Wir leben in einer repräsentativen Demokratie", betont Sieverts, und verweist darauf, dass die Entscheidung für das Haus des Gastes fraktionsübergreifend von der Gemeindevertretung getroffen worden sei.

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