Sylter Naturschutz : Wasser für die Kröten

Erwachsene Kreuzkröten gehen nur zum Laichen in die Dünentümpel. Den Rest des Sommers jagen sie in den Dünen nach Insekten.
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Erwachsene Kreuzkröten gehen nur zum Laichen in die Dünentümpel. Den Rest des Sommers jagen sie in den Dünen nach Insekten.

Im Sylter Süden werden zwei Dünentäler als Rückzugsraum für Kaulquappen hergerichtet. Kosten: Rund 10.000 Euro.

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06. Februar 2019, 15:13 Uhr

Sylt | In einer Serie stellt die Sylter Rundschau gemeinsam mit der Naturschutzgemeinschaft Sylt und der Söl’ring Foriining das Thema „Natur auf Sylt“ in seiner ganzen Bandbreite dar. Heute berichtet Rainer Borcherding über Kreuzkröten und Dünentäler, die noch diesen Winter im Sylter Süden für sie hergerichtet werden sollen.

Mit etwas Glück begegnet man in den Sylter Dünen der Kreuzkröte, einer seltenen und europaweit geschützten Amphibienart. Sie ist kleiner und lebhafter als die gewöhnliche Erdkröte und läuft flink anstatt zu hüpfen. Auf dem Rücken der Kreuzkröte verläuft eine schmale helle Linie, deren Bedeutung unbekannt ist, die aber die Kreuzkröte eindeutig von allen anderen Amphibien unterscheidet. In der Abenddämmerung gehen die Kröten auf die Jagd nach Asseln, Insekten und Spinnen, die sie mit ihrer blitzschnell vorgeschleuderten klebrigen Zunge fangen.

Kreuzkröten leben nur auf Sandböden, die ihnen Wärme bieten und die Möglichkeit, sich bei Trockenheit zum Schutz einzugraben. Außer den Küstendünen waren das in der Vergangenheit die großen Flusstäler, wo aber alle Sandbänke durch Flussbegradigungen verschwunden sind – und mit ihnen die Kreuzkröten.

Lange Zeit galt Sylt als Heimat der größten Kreuzkrötenpopulation Deutschlands mit geschätzt 10.000 Kröten in den Dünen. Erst jüngst stellte sich heraus, dass dieser Zustand längst Geschichte ist und dass nur noch wenige Hundert Kröten auf der Insel leben. Ursache für den Rückgang sind zwei Faktoren: Das langsame Zuwachsen der Dünentäler und das Absinken der Wasserstände.


Wenig Wasser, viel Heidekraut

An lauen Frühjahrsabenden erklingen in nassen Dünentälern die schnarrenden Balzrufe der männlichen Kreuzkröten. Aus bis zu drei Kilometern Umkreis können sie die Weibchen herbei locken. Das gelingt allerdings nur, wenn die Vegetation nicht zu dicht ist. „Als noch Auerochsen, Hirsche und Elche durch das Land streiften, gab es viele ausgetretene Wildwechsel, auf denen abends auch die Kröten laufen konnten. Heutige Wege und Straßen sind oft tödlich für die Kröten, und in den Dünen gibt es nur noch im Listland die Trampelpfade der Schafe“ erläutert Hauke Drews von der Stiftung Naturschutz.

Zur Fortpflanzung benötigt die Kreuzkröte ganz flache Tümpel, die sich in der Frühjahrssonne schnell erwärmen. Dann entwickeln sich aus den Laichschnüren innerhalb weniger Wochen Kaulquappen und kleine Kröten. Die Tümpel müssen frei von Fischen und Raubinsekten sein, sonst werden alle Quappen gefressen. Daher ist es für die Kreuzkröten günstig, wenn die Laichtümpel gelegentlich austrocknen, so dass ihre Fressfeinde absterben. Zwar können dabei auch die Kaulquappen vertrocknen, doch die Kreuzkröten laichen bis in den Juli hinein nochmals, falls die Tümpel sich nach starkem Sommerregen wieder füllen. Im Prinzip reicht es für das Überleben der Art, wenn sie alle drei bis fünf Jahre einmal Glück hat und eine Generation Kaulquappen erfolgreich heranwächst. Sind die Sommer allerdings zu trocken und sterben die Kaulquappen jedes Jahr, wird es für die Kreuzkröte schwierig.

Selbst wenn noch genug Wasser in den Dünentälern steht, sterben die jungen Kreuzkröten derzeit oft nach dem Verlassen der Gewässer. Jungkröten benötigen nämlich offene sandige Ufer, wo sie sich in der Sonne wärmen können und viele kleine Insekten finden. Sind die Ufer der Dünentümpel rundum mit Heidekraut bewachsen, fehlen den kaum einen Zentimeter großen Jungkröten Futter und Wärme. Sie verhungern im dichten Heidekraut-Dickicht.

Ein Gutachter stellte schon 2016 im Auftrag der Naturschutzbehörde des Kreises fest, dass das Zuwachsen der Dünentäler mittlerweile den Bestand der Kreuzkröten auf Sylt gefährdet. „Wir sind gesetzlich zum Erhalt der Kreuzkröte verpflichtet und wir verwalten in unseren Dünen wichtige nationale Naturerbeflächen. Daher wollen wir einige ausgewählte Dünentäler umgestalten, um die Lebensgrundlagen der Kreuzkröten zu verbessern“, verdeutlicht Manfred Uekermann für den Landschaftszweckverband Sylt.


Baggern für den Krötenschutz

In den Dünen im Süden der Insel Sylt sollen noch diesen Winter zwei Dünentäler für Kreuzkröten optimiert werden. Der Landschaftszweckverband hat auf seinen Flächen des nationalen Naturerbes gemeinsam mit der Sölring Foriining und der Schutzstation Wattenmeer zwei Dünentäler ausgewählt, die frei von seltenen Pflanzen sind und gut für die Kröten hergerichtet werden können.

In beiden Tälern sollen flache Tümpel ausgeschoben werden, die auch in trockenen Jahren einen Rückzugsraum für die Kaulquappen bieten. Die Uferzonen erhalten flache Sandflächen, auf denen die jungen Kröten leicht an Land gehen und viel Futter finden können. Der verbleibende Sand, der nicht zur Gestaltung der Tümpelufer benötigt wird, soll in der Nachbarschaft der Tümpel als neue Dünenfläche eingebaut werden. Das verbessert die Lebensbedingungen auch für ältere Kreuzkröten, denn sie brauchen Dünenflächen, die höchstens zur Hälfte mit Pflanzen bedeckt sind. Die Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein begleitet die Biotopmaßnahmen fachlich. Falls die beiden neuen Dünentümpel von den Kreuzkröten angenommen werden, sollen in den kommenden Jahren weitere Dünentäler gestaltet werden. Idealerweise fördert das Freischieben der Tümpelufer auch seltene Pflanzen wie den Sonnentau oder sogar die Zwergbinse, die auf Sylt ihren letzten Wuchsort in Deutschland hat. Falls die beiden ersten Biotopmaßnahmen wie geplant verlaufen, werden die Kreuzkröten dort schon im nächsten April entscheiden können, ob ihnen die neuen Tümpel gefallen. Für alle Fragen zum Projekt ist der Landschaftszweckverband Sylt ansprechbar.

Der Autor Rainer Borcherding ist Diplombiologe und Mitarbeiter der Schutzstation Wattenmeer.


Beteiligt an dem Projekt sind:

Landschaftszweckverband Sylt

Stiftung Naturschutz Schleswig-Holstein

Untere Naturschutzbehörde NF

Schutzstation Wattenmeer e. V.

Naturschutzgemeinschaft Sylt e. V.

Sölring Foriining e. V.

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