zur Navigation springen

Sylter Erinnerungen : Was uns die Biike noch bedeutet...

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Insulaner erzählen von ganz unterschiedlichen Empfindungen an die Tradition der Biikefeuer.

shz.de von
erstellt am 21.Feb.2015 | 10:52 Uhr

Sylt | Wenn heute Abend auf der Insel die Biiken angezündet werden, weckt das in den Insulanern ganz unterschiedliche Gefühle und Erinnerungen. Die Sylter Rundschau hat sich mit Syltern darüber unterhalten, was ihnen die Biike noch bedeutet.

Walter Meyerhoff (76), ehemaliger Westerländer Gastronom: „Bei der Biike-Wache habe ich meine erste Zigarette geraucht, da muss ich so 14 Jahre alt gewesen sein. Ich saß dort mit meinen Freunden im Dunkeln, das war ein ganz großes Gefühl von Gemeinschaft. Da hat man sich zum ersten Mal erwachsen gefühlt. Ganz toll waren auch immer die Tanzveranstaltungen am Petritag, die von den Schulen organisiert wurden. Später, ich habe ja lange das Restaurant Blanker Hans betrieben, hat man an der Biike natürlich auch viel gearbeitet – man musste sich ja auf den Gästeansturm für das Grünkohlessen vorbereiten. Auch heute freue ich mich wegen dieser Erinnerungen immer noch auf die Biike, auch wenn meine Frau und ich in den letzten Jahren nicht mehr hingegangen sind.“

Hendrik Dehn (26), Hörnumer Einzelhändler: „Früher war mir die Biike wichtiger, da war das aber alles auch noch traditioneller. Das hat sich ja gerade in Hörnum stark gewandelt, leider. Heute muss man ja fast gucken, ob einem noch ein Sylter über den Weg läuft, es ist einfach weniger gemeinschaftlich. Zu meiner Grundschulzeit gab es ja hier noch das alte Kurhaus, dort, wo jetzt das Hapimag steht. Dort haben wir uns am Petritanz immer getroffen - auch der wird ja in Hörnum nicht mehr veranstaltet. Jetzt soll auch noch überlegt worden sein, ob man das Sylter Lied, Üüs Söl'ring Lön’, bei der Biike nicht mehr singt, weil die Touristen damit nichts anfangen können. Das fände ich wirklich schlimm. Ich musste das in der Grundschule noch auswendig lernen.“

Hartmut Schiller (57), Leiter der Akademie am Meer: „Natürlich verbinde ich mit der Biike noch viel – ich habe schließlich das Gutachten geschrieben, das dafür gesorgt hat, dass sie zum immateriellen Unesco-Kulturerbe erklärt wurde. Die Biike ist ein Bekenntnis zur Insel. Es ist für mich ein tiefes Erlebnis, man trifft dort Menschen aus der Nachbarschaft, es ist ein großes Gemeinschaftserlebnis. Ich stelle mich ganz dicht ans Feuer und empfinde es als wirklich tiefes Erlebnis.

Was mich allerdings stört, ist die Haltung einiger Insulaner: Die Sylter verkaufen seit 1855 ihre Insel, viele sind damit sehr reich geworden. Bei der Biike aber wollen sie dann auf einmal keine „Fremden“ dabei haben - da frage ich mich: Wie kommen die darauf? Es gibt doch viele Menschen, die können sich nicht leisten, auf Sylt zu leben und sie lieben die Insel trotzdem. Die Biike ist auch touristischer Brennpunkt, Freunde der Insel wollen daran teilnehmen – darüber sollte man sich doch freuen. Dann heißt es, mit der Biike wird heutzutage noch Geld gemacht... Mit dem Biike-Haufen selbst wohl nicht. Und mit dem Grünkohl-Essen wird nun auch schon seit 1906 Geld verdient: Da kam nämlich ein Kapitänsstammtisch ins landschaftliche Haus, ein gastronomischer Betrieb in Keitum, den es jetzt nicht mehr gibt, und wollte was ordentliches zu essen haben. Außer dem Arme-Leute-Essen war aber nichts da - deshalb gab es Grünkohl.“

Elke Harms (75), Westerland: „Die Biike war mir schon als Kind ganz wichtig, ähnlich wie Weihnachten, möchte ich sagen. Damals gab es noch keine Fackeln, so etwas konnte sich auch kaum einer leisten – wir sind mit sogenannten Stinkepötten los gezogen. Da hat man alte Blechdosen mit in Altöl getränkten Lappen gefüllt und angezündet, das Ganze hat man dann an einem Stock getragen. Die Fackeln kamen erst später auf, als Geld auf die Insel kam. Ich glaube, Biike kann man nicht nachvollziehen, wenn man nicht von hier ist. Ich vergleiche das mit dem Karneval in Köln, den wir hier nicht richtig verstehen – da muss man mit aufgewachsen sein. Die Gäste verstehe ich manchmal nicht – die gehen ja teilweise im Pelzmantel zur Biike. Dabei stinkt man doch danach, dass es eine Wonne ist! Ich muss auch jedes Mal einmal komplett um den Haufen herum laufen, das gehört dazu. Wichtig ist natürlich auch Üüs Söl'ring Lön’ , das habe ich als Kind gelernt und kann es immer noch. Das hat man einfach verinnerlicht.“

Birgit Gerlang, Friseurmeisterin aus List: „Biike verbinde ich immer mit dem geselligen Beisammensein am Feuer. Die Atmosphäre ist einmalig. Alle sind gleich in der Dunkelheit, es gibt keine Unterschiede. Man trifft viele viele Bekannte, aber auch Fremde. Es ist toll. Dieses Jahr werde ich aber nur kurz zum Feuer gehen, weil ich anschließend zum Feiern und Tanzen verabredet bin.“

Matthias Strasser, Leiter des Erlebniszentrums Naturgewalten in List: „Ich feiere Biike mit meinem Team und den Freunden und Förderern vom Erlebniszentrum Naturgewalten. Denn am 21. Februar 2009 wurde unsere Ausstellung am Lister Hafen eröffnet. Von daher bedeutet Biike für mich immer Geburtstag feiern, in diesem Jahr den Sechsten. Wir blicken nach dem Feuer gemeinsam auf das vergangene Jahr zurück, sitzen beim Grünkohl zusammen und tauschen uns aus.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen