Serie Jobben auf Sylt : Warum Kurkarten-Kontrolleure gefährlich für die Ehe sind

Volontärin Jana Walther (rechts) scannt die Gästekarte einer Urlauberin ab. Erst nach Vorzeigen der Karte darf sie an den Weststrand gehen.
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Volontärin Jana Walther (rechts) scannt die Gästekarte einer Urlauberin ab. Erst nach Vorzeigen der Karte darf sie an den Weststrand gehen.

Der Job als Kurkartenkontrolleurin am Weststrand in List lässt tief in die Psyche der Menschen blicken.

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26. Juli 2014, 05:38 Uhr

Wie ist es, als Zimmermädchen, Crêpes-Bäckerin oder Fischbrötchen-Verkäuferin zu arbeiten? Jana Walther, Volontärin der Sylter Rundschau, probiert in der Serie „Jobben auf Sylt“ dreißig Minuten lang verschiedene Insel-Jobs aus und schreibt über die Menschen, mit denen sie zusammen arbeitet und darüber, welche Herausforderungen die verschiedenen Tätigkeiten bieten. In dieser Folge kontrolliert sie die Kurkarten in List am Weststrand.

Pünktlich um 11 Uhr starte ich meine Schicht am Strandübergang 17 am Textilstrand in List. Ralf Bungart ist bereits seit zwei Stunden hier und kontrolliert bei mehr als 26 Grad im Schatten fleißig die Kurkarten der Gäste. Nach einer kurzen Einführung drückt er mir ein kleines graues Scanngerät in die Hand – „So, und jetzt bist du dran.“

Hier in List wird jede Karte digital erfasst. Seit 2008 gibt es dieses System. So weiß die Kurverwaltung ganz genau, wie viele Gäste Tag für Tag an den Strand kommen und kann überprüfen, ob die Vermieter ordnungsgemäß ihre Kurabgaben zahlen. Deshalb nehme ich mir jede der Plastikkarten, die mit einem Strichcode versehen sind, einzeln vor und versuche, das widerspenstige Ding in meiner Hand zum Piepen zu bringen. Sieht einfacher aus, als es ist, stelle ich dabei schnell fest. In der Sonne ist von dem roten Lichtstrahl kaum etwas zu erkennen und meine Hand verkrampft bei dem Versuch, dem Scanner einen Ton zu entlocken. „Ist alles Übung“, macht Ralf mir Mut, und die heutigen Gäste zeigen sich sehr geduldig.

Dann nähert sich eine dreiköpfige Familie, voll bepackt mit Luftmatratze, Strandtasche und Co. „Wir haben heute unseren letzten Urlaubstag, die Karten aber schon im Hotel abgegeben. Aber noch einmal ans Wasser – das wäre schön,“ sagt die Frau mit rheinländischem Akzent. „Kein Problem“, erwidert Ralf und winkt die Familie durch. Schließlich kennt er die drei schon. Gesichter merkt er sich, das ist wichtig für den Job. Und hier kleinlich zu sein – das wäre unpassend, findet er. „Ich versuche mit den Menschen so umzugehen, wie ich selber auch behandelt werden möchte.“

Es ist die erste Saison als Kurkartenkontrolleur für den gebürtigen Nordrhein-Westfalen. Der Job macht ihm Spaß, der Arbeitsplatz direkt am Strand ist ein Traum. Doch das reicht nicht: „Der Trend auf der Insel geht fast schon zum Drittjob“, sagt er. Nach seiner Schicht bis 16 Uhr ist er zusätzlich selbstständig in der Haus und Gartenbetreuung tätig.

Zwischen den vielen Urlaubern mischen sich heute auch immer wieder ein paar Tagesgäste, die ein Extra-Ticket benötigen. Rund 100 Tageskarten gehen bei gutem Wetter über den Tisch. Doch dabei gibt es auch immer wieder einige Urlauber, die sich weniger einsichtig zeigen, erzählt Ralf. Sie verstehen nicht, warum sie für den Strand zahlen müssen. Auseinandersetzungen ist er gewohnt, er versucht dem mit ruhigen Erklärungen entgegenzutreten. Das klappt aber nicht immer. Es ist schon passiert, dass sich Gäste dreist hinter seinem Häuschen vorbeischleichen wollten oder sich hinter einer Menschentraube versteckten. Doch heute läuft bisher alles ganz friedlich. „2,50 Euro - Mensch das ist ja hier ja günstig“, freut sich sogar die nächste junge Frau.

Doch so ruhig ist es tatsächlich nicht immer, betont Ralf immer wieder: „Urlaubszeit ist eine stressige Zeit.“ Besonders vor seinem Häuschen erlebt er regelmäßig kleinere bis größere Dramen. Denn viele Urlauber fangen vor ihm an, hektisch in ihren riesigen Strandtaschen nach den Gästekarten zu wühlen. So mancher Ehekrach hat dabei schon seinen Anfang gefunden. Erst gestern warf ein Urlauber wütend seinen Ring in die Dünen und verschwand danach fluchend in Richtung Parkplatz, während seine Frau mindestens genauso wütend hinterherlief, berichtet Ralf.

Für die letzten viereinhalb Stunden lasse ich Ralf wieder alleine am Strandübergang 17. Doch ich wäre gerne noch etwas länger geblieben und hätte mir mehr solcher Geschichte angehört.

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