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Sylter Rundschau

22. August 2017 | 05:45 Uhr

Vorhang auf für die Sylter Freakshow

vom

Nicht nur Kinder lernen im InselCircus das Artisten-Handwerk - auch die 30- bis 60-jährigen Insulaner proben für ihre eigene Show und zeigen dabei echtes Talent

Wenningstedt | Im Scheinwerferlicht steht Bettina Auselt in der Manege des großen Zirkuszeltes und blickt mit zweifelnder Miene die schwarze, schräg gestellte Stange hoch, die fast bis zum Zeltdach reicht. Dann nimmt die 50-Jährige ihren Mut zusammen, greift mit beiden Händen zu und zieht sich empor. "Da merkt man jedes Kilo", sagt Auselt, während sie sich nur noch mit den Beinen am Chinese Pole (chinesischer Mast), wie die Stange heißt, festhält. Wie sie so in die leeren Zuschauerränge strahlt und mit großer Geste die Arme ausbreitet, glaubt man kaum, dass Bettina Auselt in der Zirkusmanege noch eine blutige Anfängerin ist.

Erst seit einem Monat trainiert die Sylterin ein- bis zweimal in der Woche im Mignon InselCircus mit 19 anderen Erwachsenen zwischen 34 und 59 Jahren. Am Ende des zweimonatigen Trainings dieses Cirque du Medi soll eine publikumsreife Show unter dem Motto "Die Show der Freaks" stehen. "Es geht uns um die Darstellung von Abnormalitäten, von Kuriosem und Skurrilem, wie das früher auf Jahrmärkten üblich war", erklärt Frau Zirkusdirektorin Imke Wein. Nachdem die Senioren in den vergangenen Jahren in der Manege standen, sind in diesem Jahr die "Mittelalten" zwischen 30 und 60 an der Reihe. "Die Frauen, die ihre Kinder zum InselCircus gebracht haben, haben sich immer beschwert, dass es für sie kein Angebot gibt", erzählt Imke Wein. "Diesen Wunsch haben wir jetzt erfüllt." Größter Unterschied zu den Senioren sei die körperliche Leistungsfähigkeit. "Ich war sehr überrascht, dass einige ohne Schwierigkeiten am Trapez oder im Ring turnen."

Im wirklichen Leben ist Artistin Bettina Auselt Heilpädagogin. Für sie war es schon ein Kindheitstraum, einmal im Zirkus aufzutreten. Jetzt ist sie vor allem beeindruckt davon, was professionelle Artisten leisten. "Das sieht alles so leicht aus, aber es ist extrem anstrengend", erklärt sie und deutet auf den chinesischen Mast. "Ich brauche unglaublich viel Körperspannung und ich hatte noch nie so einen Muskelkater und so viele blaue Flecken." Dabei hilft der sportlichen Frau ihr jahrelanges Yoga-Training.

Mit viel Begeisterung ist Robert Morell währenddessen dabei, mit Benzin und Feuer zu experimentieren. "Wir wollen richtig gute Effekte für die Show, aber es darf natürlich auch nicht gefährlich werden", erklärt der Metallbauer aus Kampen. Zur Demonstration taucht er einen Finger in einen Kanister mit speziellem Benzin und zündet ihn an. "Am Anfang unserer Nummer zünde ich mir damit eine Zigarette an - und das wird dann nach und nach gesteigert", erklärt er grinsend.

Aus seinem Beruf ist er den Umgang mit Metall und Hitze gewöhnt, aber mit dem aktuellen Experiment ist er noch nicht zufrieden. Ein gußeiserner Topf, gefüllt mit Benzin, soll in der Show das Publikum beeindrucken, "aber das Feuer brennt mir noch zu lange und zu böse". Anders als die meisten anderen Nachwuchs-Artisten hat sich Robert Morell nicht auf einen Aufruf hin gemeldet. "Ich bin auf dem Hinterrad meines Hollandrades am Zirkus vorbei gefahren und wurde vom Fleck weg engagiert." Kein Wunder, dass Robert Morell da auch eine Fahrrad-Nummer in der Zirkus-Show zeigen wird.

Auch Frauke Bengsch ist für ihre Nummer als Clown wie geschaffen. "Ich habe mich schon immer darüber gefreut, wenn ich Leuten auf meine Kosten zu Spaß verhelfe", erzählt die 47-Jährige. Als sie noch für die Inselverwaltung tätig war, hat sie regelmäßig die Versteigerungen der Fundsachen geleitet und ist dabei auch schon mal in einen Bademantel oder einen seltsamen Hut geschlüpft. Mit einer Bekannten trat sie als die komische Figur der Rathaus-Putzfrau auf und im vergangenen Jahr hat sie an einem Clowns-Seminar in Hannover teilgenommen. "Jetzt wollte ich das Gelernte unbedingt umsetzen", so Bengsch.

Aber nicht jeder kam schon mit sportlichen oder artistischen Vorerfahrungen zum Cirque du Medi. Alexandra Fricke macht eigentlich nur mit, weil Imke Wein sie mit ihrer Begeisterung angesteckt hat. "Ich habe einiges ausprobiert, war aber für das meiste völlig untalentiert", erklärt die Sekretärin der Norddörfer Kirchengemeinde. "Von Anfang an habe ich gesagt, dass ich mich für die Show nicht zum Deppen mache." Jetzt hat Zirkusdirektor Martin Kliewer ihr eine Apparatur namens "Schwebende Jungfrau" aus Hamburg mitgebracht. "Das ist klasse, da muss ich nur drin hängen und kurios aussehen", lacht Fricke.

Für jeden hat sich also nach viel Ausprobieren die passende Nummer gefunden. Bestaunen kann man das Ergebnis der vielen Proben am Sonnabend, 24. August, ab 18 Uhr im InselCircus. Bis dahin bleibt noch viel für die Artisten im besten Alter und ihre jugendlichen Trainer aus dem Circus Mignon zu tun.

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erstellt am 07.Aug.2013 | 03:59 Uhr

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