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Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger : Vor Hörnum: Seenotrettung im Selbstversuch

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Die Hörnumer Seenotretter übten das Mann-Über-Bord-Manöver mit unserer Kollegin Lea Sarah Albert, die sich in die Fluten stürzte.

Für das bevorstehende Übungs-Rettungsmanöver sind die Wetterbedingungen ideal: Klare Sicht, Sonne, kaum Wind. Normalerweise ziehen die Männer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) Verunglückte bei deutlich schlechteren Wetterverhältnissen aus der See. Sturm, Regen und Dunkelheit erschweren dann häufig die Suche und auch die Rettung. Unsere Kollegin Lea Sarah Albert will heute wissen: Wie läuft so eine Rettung eigentlich ab und wie fühlt es sich an, alleine im Meer zu treiben?

Im Schnitt muss die Hörnumer Mannschaft zehn bis zwanzig mal pro Jahr ausrücken. Laut Christian Stipeldey, Pressesprecher der DGzRS, kann sich diese Zahl in dem sehr anspruchsvollen Revier rund um die Sylter Südspitze jederzeit erhöhen. Allein vergangene Woche ist die Mannschaft schon zweimal ausgerückt.

Zu dritt fahren die ehrenamtlichen Hörnumer Seenotretter auf ihrem Schiff, der „Horst Heiner Kneten“, mit uns hinaus. Vormann Michael Petersen, Heiko Möller, der seit über 25 Jahren bei der DGzRS ist und Dirk Johansen, dessen 17-jähriger Sohn das jüngste Mitglied ist. In knappen Worten erklärt Petersen die Funktionsweise des Überlebensanzugs, der Albert im Wasser warm und trocken halten soll. Diesen ziehen die Seenotretter sonst selbst an, wenn der Einsatz erfordert, dass auch sie ins Wasser müssen. 1500 Euro kostet ein einzelner dieser Anzüge, insgesamt acht besitzt die Station in Hörnum, alle sind gespendet. Und dann geht es auch schon los.

Als ich ins Wasser springe, gibt es einen Knall. Die Sauerstoff-Patrone wird durch eine Salzwasserkapsel aktiviert und die Rettungsweste, die vorher eher lose um meinen Hals hing, bläst sich schlagartig auf. Mein Gesicht wird zwischen den Luftpolstern eingedrückt. Als ich Luft mit dem Mundstück ablasse, wird meine Sicht wieder freier. Ich versuche, mich in meinem sperrigen Outfit auf den Bauch zu drehen. Mein Gesicht bleibt dank der großen Weste aber stets über Wasser.

Mann-Über-Bord-Manöver üben die Hörnumer Seenotretter mehrmals im Jahr. Sonst wird allerdings nicht etwa ein Mensch, sondern ein Personen-Dummie über Bord geworfen. Mit 60 Kilogramm wiegt dieser knallrote, menschenförmige Sack, ähnlich viel wie Redakteurin Albert. Perfekte Übungsbedingungen also.

Mich trägt nur die Rettungsweste, mich bewegen oder schwimmen kann ich in dem riesigen roten Überlebensanzug nicht. Mit den großen Gummistiefeln treibe ich wie eine große Puppe im Meer. Und auch wenn ich eine geübte Schwimmerin bin, fühle ich mich doch ein wenig hilflos, während ich da auf dem Rücken im Wasser treibe. Und das obwohl das Ufer eigentlich nicht weit und meine Retter ganz in der Nähe sind.

Und offensichtlich spielt Redakteurin Albert ihre Opferrolle gut: Denn ein Katamaransegler und zwei junge Männer im Motorboot eilen herbei weil sie glauben, dass diese auch ihre Hilfe benötige. Die drei Männer auf der „Horst Heiner Kneten“ haben aber alles unter Kontrolle und beginnen nun mit dem Rettungsmanöver.

Trotz des wasserdichten Anzuges und der sommerlichen 20 Grad ist mir allerdings schon nach rund zehn Minuten kalt im Wasser.

Das liege daran, dass sich Albert nicht bewege, meint Petersen. Das ist bei einer Rettungsaktion meist die größte Gefahr. Und dass viele in Not Geratene „aus falscher Scham den Notruf verzögern“ ergänzt Möller seinen Chef. Die rechtzeitige Alarmierung sei aber für das Überleben elementar wichtig. „Lieber einen Notruf zu viel, als gar keinen oder einen zu spät absetzen“, so Möller.

Nicht nur die Scham, in Not geraten zu sein, auch die Scheu vor möglichen Kosten, die entstehen, sollte sich ein Einsatz als harmlos herausstellen, hält viele von der Alarmierung ab. Ein Einsatz der DGzRS kostet beispielsweise pro Stunde 200 Euro, maximal werden aber zwei Stunden berechnet. „Über Kosten machen wir uns aber überhaupt keine Gedanken - ein Menschenleben ist nicht in Geld aufzurechnen“, versichert Petersen.

Einen Moment verliere ich das Schiff und meine Retter aus den Augen. Obwohl ich weiß, dass mir eigentlich nichts passieren kann, bin ich als Bremerin glücklich und fühle mich wieder sicher, als ich die vertraute Speckflagge am Bug des Schiffes wieder erblicke.

Sobald in Seenot Geratene die DGzRS erblicken, werden diese sofort ruhig weil sie wissen, „da kommt Hilfe“, bestätigt Möller die Empfindung Albert. Direkt nach der Rettung seien diese dann oft „still wie ein Murmeltier“. Vormann Petersen, dreht nun das Schiff, um sich mit der windabgewandten Seite Kollegin Albert zu nähern. Dass man sich den im Wasser treibenden stets von der Leeseite nähere, lerne man als erstes, erläutert Petersen. So wird das Schiff sachte auf Personen im Wasser zugetrieben und die Rettungsaktion wird nicht durch Wind und Wellen behindert.

Selbst als das aus meiner Perspektive riesig wirkende Schiff auf mich zutreibt, zweifle ich keinen Moment, an den Manövrier-Fähigkeiten der Seenotretter.Meine Retter wirken routiniert, von meinen Späßen lassen sie sich nicht aus der Ruhe bringen. Gekonnt hieven sie mich über eine Drehrolle an Bord. Ich bin trotz der Übungssituation wirklich erleichtert, als ich auf dem Rücken liegend in den strahlend blauen Himmel und die Augen meiner Retter blicke.
 

Menschenleben retten - das ist für Möller die größte Motivation, sich seit 25 Jahren freiwillig und unbezahlt in ständiger Rufbereitschaft zu halten. Natürlich spiele auch die Liebe zur See eine große Rolle: „Die Seefahrt ist etwas ganz besonders. Da geht es um Kameradschaft, Hilfsbereitschaft, darum für andere da zu sein. Ganz ohne großes Tam-Tam.“

Die DGzRS feierte in diesem Jahr 150-jährigen Geburtstag. shz.de mit Fragen und Antworten rund um die Seenotretter.

Was macht die DGzRS?

Mit rund 60 Einheiten rettet die DGzRS Schiffbrüchige aus Seenot, kommt Menschen in Gefahrensituationen zu Hilfe und versorgt Verletzte. Egal ob ein Brand auf einem Kutter, entkräftete Surfer oder verirrte Wattwanderer - die Crew ist rund um die Uhr bei Wind und Wetter im Einsatz.

Seit wann gibt es die DGzRS?
Vor der Motorisierung brachten Pferdewagen die Ruderboote zum Einsatzort.
Vor der Motorisierung brachten Pferdewagen die Ruderboote zum Einsatzort. Foto: DGzRS/Die Seenotretter

 

Nach schweren Schiffsunglücken an der Nordseeküste rufen der Vegesacker Navigationslehrer Adolph Bermpohl und der Advokat Carl Kuhlmay in nordwestdeutschen Tageszeitungen zur Gründung eines Seenotrettungswerkes auf privater Basis auf.

1861 gründet Oberzollinspektor Georg Breusing in Emden den ersten deutschen regionalen Verein zur Rettung Schiffbrüchiger. Weitere Vereine folgen entlang der Küste. Erste Rettungsstationen entstehen. Sie sind mit einfachen, offenen Ruderbooten ausgestattet.

Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger wird schließlich am 29. Mai 1865 in Kiel gegründet. Ihr Hauptsitz ist seitdem in Bremen.

Im Zweiten Weltkrieg ist die DGzRS-Rettungsflotte unter dem Schutz der Genfer Konvention für „Freund und Feind“ gleichermaßen verstärkt im Einsatz.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und mit der Teilung Deutschlands setzt die DGzRS den Seenotrettungsdienst in der Deutschen Bucht und in der Westlichen Ostsee fort. Der Seenotrettungsdienst der DDR wird dagegen staatlich organisiert.

Wie finanziert sich die DGzRS?

Sie finanziert sich nur durch Spenden und freiwillige Zuwendungen. Die DGzRS erhält keine Steuergelder. Es sei ihnen wichtig, Entscheidungen unabhängig von öffentlichen Mitteln treffen zu können.

Die enge Beziehung vieler Menschen zu dem Rettungsdienst lasse sich an den Spendensummen ablesen, sagte Stipeldey. Im vergangenen Jahr seien 20,8 Millionen Euro an Spenden zusammengekommen, wie auch schon in den Jahren zuvor. Einen wesentlichen Anteil am Gesamtetat machen jedoch Erbschaften aus, die 2014 rund 12,5 Millionen Euro betrugen.

Wie viele Schiffe und Seenotretter gibt es?
Seenotrettungsboot „Walter Merz“
Seenotrettungsboot „Walter Merz“ Foto:DGzRS/Die Seenotretter

 

Die Crew besteht aus 180 Festangestellten und rund 800 Freiwilligen. Hinzu kommen 550 ehrenamtliche Mitarbeiter an Land.

Für die Seenotrettung stehen ihnen 20 Seenotkreuzer und 40 Seenotrettungsboote zur Verfügung. Die Flotte gehört zu den modernsten der Welt.

In welchem Gebiet operiert die Flotte?
Die 54 Stationen der Seenotretter. Foto:Foto: DGzRS/Die Seenotretter

 

Die mehr als 100 Retter sind auf 54 Stationen in Nord- und Ostsee zwischen der Emsmündung im Westen und der Pommerschen Bucht im Osten verteilt. Sind Deutsche bei internationalen Notfällen beteiligt, hilft die Seenotleitung in Bremen.

Jedes Bundesland hat ein Informationszentrum, bei dem man sich über die Arbeit der DGzRS schlau machen kann. Das schleswig-holsteinische wurde am 20. März 2015 in Laboe bei Kiel eröffnet.

Wie viele Einsätze haben die Retter?

2014 hatte die DGzRS 2183 Einsätze, bei denen 768 Menschen gerettet wurden. Laut eigener Statistik wurden in Nord- und Ostsee 55 Menschen aus akuter Seenot gerettet und 713 Personen vor drohender Gefahren in Sicherheit gebracht. Durchschnittlich rückten die Helfer sechsmal pro Tag aus. Insgesamt haben die Seenotretter seit der Gründung 81.000 Menschen aus Gefahrensituationen befreit.

Gab es Unglücke?

Ja, gab es. Der Seenotkreuzer „Adolph Bermpohl“ verunglückt 1967 bei einem Orkan vor Helgoland. Die vierköpfige Besatzung und drei zuvor gerettete niederländische Fischer bleiben auf See.

1995 wird der Seenotkreuzer „Alfried Krupp“ bei der Rückkehr von einem Einsatz von einer Welle erfasst – zwei der vier Rettungsmänner kommen nicht zurück. 45 Rettungsmänner sind in den 150 Jahren im Einsatz auf See gestorben.

Wie wird man Seenotretter?

Die Gesellschaft bildet keine Seenotretter aus. Die Festangestellten haben bereits ein nautisches oder technisches Patent und Erfahrung auf See. Freiwillige Seenotretter absolvieren ihre Ausbildung in ihrer Freizeit. Ein Sportbootführerschein ist keine Voraussetzung, die DGzRS zu unterstützen. Die Alarmierung bei Notfällen erfolgt wie bei der freiwilligen Feuerwehr. Die Stationen sind bei Interesse Ansprechpartner für Freiwillige.

Teamarbeit ist geradezu lebenswichtig. Deswegen werden die Crews andauernd weitergebildet, etwa in Einsatztaktik und Notfallversorgung

Was hat es mit den roten Sammelschiffchen auf sich?
Mit dem Aufstellen der Schiffchen kann jeder die Arbeit der DGzRS unterstützen. Foto:DGzRS/Die Seenotretter

 

Jeder kennt die roten Schiffchen mit Sammelschlitz aus der Eckkneipe oder von Feiern. Die DGzRS sammelt mit ihnen Spenden. Wer ein Schiff aufstellen möchte, kann sich hier informieren. Derzeit sind 14.000 Sammelschiffchen „im Einsatz“. Sie wurden bereits 1875 eingeführt. Seitdem sind mehr als 68.000 Exemplare hergestellt worden.

Welche besonderen Einsätze gab es?

Einige kleine Wasserratten und Meerjungfrauen konnten es kaum erwarten, das Licht der Welt zu erblicken. Seit Anfang der 1950er Jahre sind auf Rettungseinheiten der DGzRS insgesamt zwölf Kinder zur Welt gekommen, vier Mädchen und acht Jungen. Am 28. Oktober 2011 wurde das Baby Gideon Raphael an Bord der „Vormann Leiss“ geboren.

Bei den Löscharbeiten des brennenden Schiffes „Purple Beach“ waren die Seenotretter ebenfalls vor Ort.

 
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erstellt am 12.Aug.2015 | 05:42 Uhr

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