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Sylter Zeitgeschichte : Von strengen Sitten und makaberen Traditionen

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In früheren Zeiten waren die Sylter ziemlich streitsüchtig. Besonders bei Feierlichkeiten gehörte eine Schlägerei zum guten Ton. Dabei kam es auch schon einmal zu Todesfällen - kein Wunder, dass es sich die Insulanerinnen angewöhnten, ein Leichenhemd mit zu Hochzeiten zu nehmen...

Nein, zimperlich waren sie nicht, die Altvorderen. „Mindestens noch bis ins 17. Jahrhundert hinein waren die Sylter sehr grobhändig und in der Wahl ihrer Waffen keineswegs bedächtig“, wusste der Sylter Chronist Christian Peter Hansen zu berichten. „Nicht selten schlugen sie sich mit Torfspaten, Forken und Dreschflegeln gegenseitig grün und blau. 1672 überfielen sich zwei besonders streitsüchtige Westerländer fast das ganze Jahr über wechselweise, oftmals während der Nacht, und klopften sich gegenseitig die Haut mürbe.“

Selbst vor Festlichkeiten machte die Streitsucht keinen Halt: Oft trübten dunkle Schatten heitere Hochzeitsfeste. Denn was fröhlich begann, endete nicht selten in einem Drama. Geheiratet wurde in vergangenen Jahrhunderten vornehmlich dann, wenn die Männer von der Seefahrt zurückkehrten, also im Herbst und Winter. Die Hochzeitsfeier fand im Haus des Bräutigams statt, mit Bier und „Swetskilk“ – einer Mischung aus Branntwein und Sirup – wurde die Stimmung kräftig angeheizt. Doch erhitzten sich dabei auch die Gemüter: Aus nichtigem Anlass gerieten die Gäste in Streit, der meist in eine handfeste Prügelei ausartete – bisweilen mit tödlichem Ausgang. So versuchte der Rantumer Strandvogt Nis Bohn anno 1694 bei seiner eigenen Hochzeit eine Auseinandersetzung zu schlichten und wurde erstochen.

Solche Zwischenfälle schienen aber keinen weiter aufzuregen, wie ein Chronist notierte: „Es ist aber niemals laut geworden, daß dergleichen Mordthäter bestraft worden sind, sondern es scheint vielmehr, daß solche Schlägereyen, und oft dabey vorgekommenen Todschlag, zur Tages-Ordenung gehört haben. Wenn Hochzeit gehalten wurde, so fragten die nicht Mitgewesenen am andern Tage, ob sie viel Vergnügen gehabt und ob sie sich brav geschlagen hätten. Wäre letzteres nicht der Fall gewesen, dann hies es, was haben die Gäste alsdann wenig Vergnügen gehabt.“

Die Hochzeitsgäste waren jedenfalls auf alle Eventualitäten vorbereitet: Die Männer, so hieß es, pflegten mit dem Streithammer zu erscheinen, und die Frauen trugen für den Fall des Falles ein Leichenhemd bei sich.

Doch auch nach der Hochzeit lebte es sich durchaus nicht ungefährlich. Ein Seitensprung kostet heute schlimmstenfalls die Scheidung. Früher jedoch kostete er das Leben. Denn mit Ehebrechern gingen die Sylter hart ins Gericht. Wer einmal sündigte, dem sprach das Familiengericht eine unmissverständliche Warnung aus: Vermummte Gestalten lauerten dem Ertappten bei Dunkelheit auf und führten ihn, ohne ein Wort zu reden, zu einem steilen Abhang, vor ein tiefes Wasser oder an ein offenes Grab, wo sie ihn stehen ließen. Noch im 18. Jahrhundert wurde diese drastische Art der Abschreckung praktiziert.

Wer aber weiterhin vom Pfad der Tugend abwich, um den war es geschehen. Hatte die Frau das Ehegelübde gebrochen, so oblag es zumeist dem Ehemann, Rache zu üben. Denn am Hochzeitstag war es Sitte, dass der Mann sein Schwert über der Haustür ins Reetdach steckte. Die Frau schritt unter dem Schwert ins Haus und erkannte den Gemahl damit als ihren Herrn an – der im Falle der Untreue das Recht hatte, sie zu töten. Wenn also die schlimmste aller Strafen beschlossene Sache war, dann wurde die Ehebrecherin nachts zum Meer geführt und dort ertränkt. Die letzte überlieferte Tötung hat sich auf Sylt im Jahre 1640 zugetragen.

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erstellt am 16.Sep.2013 | 07:00 Uhr

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