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Adventskalender Sylter Rundschau 2016 : Von Oslo nach Bethlehem

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In unserem Adventskalender erzählt heute Pastor Ekkehard Schulz, was er gerne liest.

Für den diesjährigen Adventskalender öffnen wir gemeinsam mit unserem goldenen Hirschen für Sie die Türen von Insulanern und schauen auf Nachttische und in Bücherschränke: Bis Weihnachten stellen wir jeden Tag ein Lieblingsbuch eines Menschen dieser Insel und seine Geschichte dazu vor. Heute: Ekkehard Schulz, Pastor in St. Martin zu Morsum.

„Der norwegische Autor Jostein Gaarder ist in der Adventszeit grundlegend für mich, weil er den Anfang aller lesbaren Adventskalender bildet. ‚Das Weihnachtsgeheimnis‘ heißt sein 1998 auf deutsch erschienenes Kinderbuch, Es ist in 24 Kapitel gegliedert und erzählt die Geschichte eines Mädchens Elisabet, die in Norwegen zu einer Pilgerreise durch Raum und Zeit nach Betlehem zu Jesu Geburt aufbricht. Jeden Tag kann man ein Stückchen mitgehen – auch in der Zeit, durch die Jahrhunderte hindurch. Es beginnt damit, dass Joachim, die Hauptperson, mit seinem Vater noch einen Adventskalender sucht. Schließlich finden sie einen alten und handgefertigten bei einem Buchhändler.

Beim Öffnen des ersten Türchens findet Joachim nicht nur ein Bild dahinter, sondern auch einen Zettel. Auch hinter den anderen Türchen stecken solche Zettel, die die Reise schildern. Das alles erzählt Gaarder auf seine philosophische Weise, wie auch in seinen anderen Büchern. Ganz faszinierend! Nachdem der Norweger ‚Sophies Welt‘ veröffentlicht hat, war ich einfach neugierig, was er sonst noch geschrieben hat. Meine Bücherei mit den Werken von Gaarder ist inzwischen ziemlich vollständig – obwohl mir nicht alle so gut gefallen wie ‚Das Weihnachtsgeheimnis‘ (schmunzelt).

Seit 20 Jahren lese ich das Buch jedes Jahr wieder. Das besondere ist die Weite und Tiefe, die hier in der Leichtigkeit der weiterlaufenden Geschichte liegt. Gaarder erklärt damit unsere Herkunft, unsere Tradition, unser Denken wie es geprägt ist. Er schafft es, auf eine gute Art zu vermitteln, wie wichtig unsere Vergangenheit für die Gegenwart ist.

Um die Auswirkungen der Geschichte auf unser heutiges Leben geht es auch in ‚1913: Der Sommer des Jahrhunderts‘, von Florian Illies. Es ist ein sensationelles Buch, ich mag es wirklich sehr gerne! Es beschäftigt sich mit den teils politischen, vor allem aber kulturellen Ereignissen von 1913, dem Jahr vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Illies berichtet in Abschnitten, die meist aus wenigen Seiten, teilweise sogar nur aus einem einzigen Satz bestehen, von den Geschehnissen des Jahres. In dem Zeitraum vom 1. Januar bis zum 31. Dezember 1913 geht es um ganz unterschiedliche Persönlichkeiten, zum Beispiel aus Kultur und Politik: Vor allem Maler und Literaten, und der Kunstbetrieb stehen im Mittelpunkt seines Interesses. Alle diese im Buch biografierten Menschen sind für die damalige Zeit irgendwie prägend gewesen. Ich finde es toll, diese Biografien dieser Menschen exemplarisch mitzubekommen und in diesen Blitzlichern auf die jeweiligen Situationen der einzelnen Charaktere einzugehen. Das ist kurzweilig, es ist spannend, es hält wach, aktiv und macht neugierig darauf weiterzulesen, um zu erfahren, was passiert. Hauptsächlich konzentriert sich der Autor dabei auf gesellschaftliche Vorgänge und Anekdoten, die er in der Gegenwartsform erzählt und ironisch kommentiert.

Ich habe durch dieses Werk viel verstanden von der damaligen Zeit und auch eine Ahnung davon bekommen, warum wir so ticken, wie wir ticken, oder warum manche Mechanismen vor Kriegen ganz aktiv sind. Auch, warum das alles so gewesen ist und warum es sich heute vielleicht wiederholt, in einer Zeit, in der wir – die Gesellschaft – uns mit Veränderungen ganz schwer tun. Das ist kein neuer Zustand, er ist zwar immer wieder anders, aber die Mechanismen sind oftmals schon vorgegeben.

Und 1913 ist gut zu lesen – das hat Illies einfach bezaubernd geschrieben. Plötzlich hatte ich den Eindruck, dass ich ein Stückchen von Sigmund Freud verstanden habe, was ich im Studium quälend fand. ‚1913‘ ist ein wichtiges, grundlegegendes Buch für alle neugierigen Menschen: Besonders aufgrund seiner Vielfalt ist es ein Muss für jeden Leser.“

 


Ekkehard Schulz empfiehlt: „1913: Der Sommer des Jahrhunderts“, von Florian Illies (2012) sowie „Das Weihnachtsgeheimnis“ von Jostein Gaarder (1992).

 

 

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erstellt am 10.Dez.2016 | 04:31 Uhr

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