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Adventskalender Sylter Rundschau : Von Krieg und Kaiser

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In unserem Adventskalender erzählt heute der Sylter Kripobeamte Erk Kessenich, was er gerne liest.

Für den Adventskalender öffnen wir gemeinsam mit unserem goldenen Hirschen für Sie die Türen von Insulanern und schauen auf Nachttische und in Bücherschränke: Bis Weihnachten stellen wir jeden Tag ein Lieblingsbuch eines Menschen dieser Insel vor. Heute: Erk Kessenich (52), stv. Leiter der Kriminalpolizei Sylt.

Erk Kessenich empfiehlt Christopher Clark, „Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ (2013).

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„Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ ist ein Sachbuch eines australischen Historikers, der in London lebt und sich insbesondere mit Preußen beschäftigt hat. Christopher Clark hat für dieses Buch ein paar Jahre recherchiert und den Weg in den Ersten Weltkrieg erforscht, insbesondere den Weg der einzelnen europäischen Staaten.

Er beleuchtet das Thema ganz anders als andere Historiker vor ihm. Zum einen vielleicht, weil er Australier ist und damit bei diesem heiklen Thema weniger befangen ist als ein Europäer. Zum anderen, weil der zeitliche Abstand von hundert Jahren ihn in die Lage versetzt, aus einer gewissen Distanz auf die Dinge zu schauen. Zudem sind nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sehr viele Dokumente an die Öffentlichkeit gelangt, die heute eine bessere Bewertung der russischen Hintergründe möglich machen.

Das Buch ist so umfangreich, dass es erst im dritten von vier Kapiteln um das Attentat von Sarajevo geht. Davor wird die Entwicklung seit der Jahrhundertwende geschildert, die Bündnispolitik und die vielen persönlichen Animositäten zwischen den Staatsoberhäuptern und Regierungen – ein sehr, sehr trockenes Sachbuch, aber unendlich interessant.

Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 hatten die Franzosen große Befürchtungen vor einem Erstarken des Deutschen Reiches gehegt. Deutschland wiederum hatte große Befürchtungen vor den Franzosen und vor den Russen. Bismarcks kluge Bündnispolitik war mit seiner Entmachtung beendet, und die wankelmütige Politik von Kaiser Wilhelm II. hatte das Reich in die Isolation geführt, mit einem einzigen Freund – dem im Abstieg begriffenen Österreich-Ungarn.

Diese Ängste, diese Machtansprüche und Missverständnisse haben zu einem Krieg geführt, den eigentlich niemand gewollt hat. Die Nationen sind quasi wie Schlafwandler in diese Auseinandersetzung hineingeraten. Wirklich blauäugig, und das gilt für alle – ob Österreicher, Russen, Deutsche, Franzosen, Engländer. Wenn man sich vorstellt, dass die Reichswehr gerade mal bis zum Oktober 1914 Munitionsvorräte hatte und man sich am Ende vier Jahre lang buchstäblich die Köpfe eingeschlagen hatte – das ist unvorstellbar.

Für Zeitgeschichte habe ich mich schon immer interessiert, vor allem für den Zweiten Weltkrieg. Aber man kann die Ursachen und Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs niemals richtig einschätzen, wenn man nicht über den Ersten Weltkrieg redet. Die Wurzel dieses Übels, das zum Dritten Reich geführt hat, liegt ja im Ersten Weltkrieg. Das alles zusammenzutragen, ist Christopher Clark in meinen Augen hervorragend gelungen.

Gerade heute haben sich in Hamburg die Außenminister der OSZE getroffen. Von unserer Sylter Polizei ist auch eine Gruppe dort. Da kann man fragen, ob so ein Treffen unter dem Schutz von 13  200 Polizisten sinnvoll ist. Ja, das ist sinnvoll – denn solange man miteinander redet, schießt man nicht aufeinander. Die Politiker vor dem Ersten Weltkrieg haben sich nie besucht, obwohl der deutsche Kaiser, der englische König und der russische Zar Verwandte waren. Aber sie vertrauten sich nicht. Wenn man sich heute trifft und das Gespräch führt, dann hat das seinen Wert, auch wenn 13  200 Polizisten aufpassen müssen.“
 

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erstellt am 09.Dez.2016 | 04:15 Uhr

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