zur Navigation springen

Extremsportler VOR SYLT : Von Hörnum bis nach List gekrault

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

An einem Tag fast die ganze Westküste abschwimmen – geht das? Der Selbstversuch eines Stuttgarters.

shz.de von
erstellt am 08.Aug.2014 | 06:04 Uhr

Die Nordsee ist kooperativ. Wie eine gute alte Komplizin, die gerne mitspielt. Dabei weiß fast jedes Kind: Sie kann auch ganz anders, wild sein, tosend und unberechenbar. Aber nicht an diesem strahlend schönen Sommertag im August.

Schon früh am Morgen lacht die Sonne vom Himmel, die Wellen sind klein, der Wind bläst ganz leicht aus Südwest. Beste Bedingungen also für das kühne Vorhaben: Ich will von Hörnum im Inselsüden immer nach Norden bis nach List kraulen, mit einem wasserdichten Sack im Gepäck, der das Handy, Geld und ein bisschen Verpflegung transportiert.

7.26 Uhr, Start am Weststrand Hörnum. Kaum eine Menschenseele ist auf den Beinen. Der Neoprenanzug sitzt hauteng, das Wasser ist angenehm warm – alles super. Eintauchen und ab geht’s. Im Nu ist der erste Kilometer herunter gespult. Der Hörnumer Campingplatz taucht auf -– und sieht ein paar Minuten später beim Blick zurück auch schon wieder winzig klein aus, wie Spielzeug.

Die Brise schiebt ein bisschen von hinten. Viel schneller als erwartet, nach ziemlich genau eineinhalb Stunden, taucht die Sansibar auf. Eigentlich war der erste Stopp mit einem Besuch dieser In-Kneipe südlich von Rantum fest eingeplant. Noch indes rebelliert der Magen nicht. Also weiter kraulen, mit langen, ruhigen Zügen. Rechts, links, rechts, links.

9 Uhr, Samoa Seepferdchen. Kurze Pause am Strand. Ein bisschen Apfelsaftschorle trinken, ein Schinkenbrot und eine halbe Tafel Schokolade futtern, dann der Neustart. Ab nach Westerland – das Minimalziel. Am Rantumer Hauptstrand applaudieren zwei Frauen und ein Mann. Jemand ruft: „Den Rest schaffst Du auch noch.“ Er hat vermutlich in der Sylter Rundschau von meinem Plan gelesen, dem Schwimmen von Hörnum bis nach List.

Lange vor der Ankunft in Westerland taucht am Horizont die Silhouette der Stadt auf, das übergroße Appartementhaus direkt am Wasser ist auch aus ein paar Kilometern Entfernung nicht zu übersehen. Ein Zwicken in der Wade, der erste Muskelkrampf. Na prima. Nach ein paar Dehnungsübungen in der Rückenlage ist das Problem vorerst behoben.

12.15 Uhr, Ankunft Westerland. Geschätzt 17 von zirka 30 Kilometern sind geschafft. Am Strand wartet bereits ein nicht bestelltes Empfangskomitee. Ein Familienvater stürzt sich auf den Neuankömmling aus dem Meer und gratuliert überschwänglich. „Wir haben Sie vom Strand aus verfolgt, ganz toll. Meine Kinder wollen das auch mal machen.“ Kleiner Tipp: Sie sollten vorher ordentlich trainieren.

Mittagspause auf der Hauptpromenade – mit Pommes, Würstchen, Cola und ein paar Gesprächen mit Passanten, die wissen wollen: „Warum machen Sie das?“ Ich bin auf Sylt zur Schule gegangen, schwimme viel und hatte schon immer diese fixe Idee im Kopf. Ideen muss man halt irgendwann mal umsetzten. Die Arme sind schon schwer, aber es hilft ja nichts: wieder rein ins Meer.

14 Uhr, Wenningstedt. Unterwegs mache ich Bekanntschaft mit ein paar Quallen, aber nur mit blauen, die haben keine Tentakeln und brennen nicht. Kurz vor Kampen treffe ich einen Gleichgesinnten, er kommt von Norden, trägt auch Neopren und Schwimmbrille. Ein kurzer Plausch – nein, er schwimme nicht so weitwie ich, nur ein paar Kilometer.

15.30 Uhr, Kampen. Die Muskeln in den Oberarmen brennen, aber Aufhören ist keine Option. Alle Ausdauersportler erreichen früher oder später den Punkt, den Experten als „Flow“ bezeichnen. Wenn es für einen Schwimmer nichts Wichtigeres zu geben scheint als das Einswerden mit dem Wasser. Wenn sich der Rausch einstellt, ein toller Rausch, denn es gibt keinen Kater, außer einen ordentlichen Muskelkater.

Immer wieder winken mir Menschen vom Strand aus zu. Gelegentlich sprechen mich Badende im Wasser an. Mitunter frage ich: „Wo sind wir denn hier?“ Gegen 16.30 Uhr antwortet ein Mann: „Hier ist das Jugendseeheim Kassel bei List.“

List ist das Zauberwort an diesem Nachmittag. Angekommen, nach geschätzt knapp 30 Kilometern im Meer. Nicht ganz oben im Norden, aber auf Lister Markung. Ende der Mission. Ich hab – ehrlich gesagt – die Schnauze voll. Auch wegen des Salzwassers in eben dieser.
 

Martin Tschepe ist bis 1974 in Hörnum zur Schule gegangen. Der 49-jährige Hobbylangstreckenschwimmer ist seit fast 20 Jahren Redakteur der Stuttgarter Zeitung, er schreibt gelegentlich für die Sylter Rundschau.
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen