Zehn Jahre Fusion : Von der Euphorie in die Realität

Die Bürger für Sylt als Einheit waren schon am Abend vor dem Bürgerentscheid am 25. Mai 2008 siegesgewiss.
Die Bürger für Sylt als Einheit waren schon am Abend vor dem Bürgerentscheid am 25. Mai 2008 siegesgewiss.

Neue Serie: Vor zehn Jahren fiel die Entscheidung zur Fusion von Westerland, Sylt-Ost und Rantum zur Großgemeinde Sylt.

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09. Juli 2018, 06:00 Uhr

Großer Jubel herrschte Ende Mai 2008 unter den Befürwortern einer Fusion der Stadt Westerland und der Gemeinde Sylt-Ost. Bei einem Bürgerentscheid am 25. Mai stimmen in der Inselmetropole 57,64 Prozent und in Sylt-Ost 52,49 Prozent der Wähler für einen Zusammenschluss ab 1. Januar 2009 zur Gemeinde Sylt. Im Juli 2008 erklärten auch die Einwohner Rantums während einer Einwohnerversammlung ihre Bereitschaft, sich der künftigen Großgemeinde anzuschließen. Seitdem sind zehn Jahre vergangen. Zeit für einen Rückblick – auf das, was seitdem erreicht wurde und auf das, was bisher nicht gelungen ist. Im ersten Teil einer neuen Serie der Sylter Rundschau äußern sich drei Vertreter der damaligen Initiative „Bürger für Sylt als Einheit“, der treibenden und letztendlich erfolgreichen Kraft einer zumindest teilweisen Fusion aller Inselgemeinden.

Der Westerländer Karl-Rydgard Andersen (SPD) verweist im Gespräch mit unserer Zeitung darauf, dass es bereits kurz nach Kriegsende und dann insbesondere Anfang der 1970er Jahre durch Westerlands Bürgervorsteher Ernst-Wilhelm Stojan Vorschläge zur Bildung einer einzigen Inselgemeinde Sylt gegeben habe – jedoch immer ohne Ergebnisse. Richtig Schwung in die Sache sei erst 30 Jahre später wieder gekommen, durch Podiumsdiskussionen, durch das so genannte Wibera-Gutachten und vor allem durch eine Bürgerbefragung Ende 2003.

Drei der Initiatoren des Bürgerentscheids zur Fusion: Edda Raspé aus Morsum, Erik Kennel (li.) aus Keitum und Karl-Rydgard Andersen (re.) aus Westerland.
Foto: Boom
Drei der Initiatoren des Bürgerentscheids zur Fusion: Edda Raspé aus Morsum, Erik Kennel (li.) aus Keitum und Karl-Rydgard Andersen (re.) aus Westerland.

„Eigentlicher Anlass für unsere Bürgerinitiative war jedoch der geplante Amtsneubau in Tinnum – dort, wo jetzt die Westerländer Feuerwache steht“, erzählt Edda Raspé (Bündnis 90/Die Grünen). „Das kann doch nicht sein, dass da wieder etwas gemacht wird nur für Sylt-Ost, sagten wir damals. Wir müssen vielmehr grundsätzlich darüber diskutieren, was getan werden muss für die gesamte Insel“, so die Morsumerin.

„Es war tatsächlich eine echte Bürgerbewegung“, betont Erik Kennel (SWG), und ihr Ziel sei von Anfang an eine Fusion sämtlicher Inselgemeinden gewesen. „Die politische Elite war allerdings eher negativ eingestellt“, sagt der Keitumer. „Wenn von den Politikern fair gespielt worden wäre, auch in den Amtsgemeinden, dann hätten wir jetzt eine Gesamt-Fusion.“ Bürgermeisterin Petra Reiber habe sich grundsätzlich offen gezeigt für eine Fusion, ergänzt Karl-Rydgard Andersen, sei jedoch von den politischen Gremien in Westerland „ziemlich in die Ecke“ gestellt. „Reiber war in dieser Frage quasi isoliert.“

Dennoch: Nach dem erfolgreichen Bürgerentscheid pro Fusion wurde Petra Reiber mit überwältigender Mehrheit zur ersten Bürgermeisterin der neuen Großgemeinde Sylt gewählt. Für manche auch ein Signal anhaltender Dominanz der Inselmetropole und ein falsches Signal für den erhofften Neubeginn. Das sei gewesen wie der Beitritt der DDR zur BRD, findet Erik Kennel. „Das war quasi ein Beitritt von Sylt-Ost nach Westerland. Dies hing aber auch damit zusammen, dass Sylt-Ost zu der Zeit durch den Weggang des Bürgermeisters Ingbert Liebing schwach aufgestellt war. Sonst hätte man zumindest auf der Verwaltungsebene besser handeln können.“ Außerdem wäre damals leider auch viel untergegangen, so der SWG-Politiker, wahrscheinlich seien die Leute überfordert gewesen. „Ich glaube auch, dass Petra Reiber zu lange im Westerländer System gearbeitet hat. Sie konnte gar nicht mehr umschalten – überspitzt formuliert, wusste sie gar nicht, wo Keitum ist.“ Ein neuer Bürgermeister wäre sicher besser und für die Umsetzung der Fusion positiver gewesen, urteilt Kennel rückblickend – „aber sie ist angetreten, sie war beliebt und wurde schließlich gewählt.“

Man müsse aus heutiger Sicht aber auch bedenken, dass es gegenüber dem ursprünglichen Ziel nur zu einer Teilfusion gekommen wäre, betont Karl-Rydgard Andersen. „Die Einschätzung mancher, das sei alles nichts gewesen, stimmt nicht. Die sind von maximalen Vorstellungen ausgegangen. Dabei musste damals schon jedem klar sein, dass das Optimale so nicht erreicht werden konnte. Durch die Amtsverwaltung ist der Apparat unbeweglicher geworden, wie er sonst hätte sein können.“

Aber selbst wenn es nicht optimal gelaufen sei, gebe es nach wie vor gute Gründe, die Fusion weiter zu betreiben, so Andersen. „Ich gehe davon aus, dass die Stimmung sich wieder verändert.“ Sylt biete sich aufgrund seiner natürlichen Grenzen für eine Gemeinde geradezu an und viele gemeinsame Dinge seien nur gesamtinsular zu lösen – wie der Flughafen Sylt, die Konversion in List, der Hafen Hörnum und der Küstenschutz natürlich.

Auch für Erik Kennel war die Fusion grundsätzlich die richtige Entscheidung: „Ob sie gut gelaufen ist, hängt immer auch von den handelnden Personen ab. Aber die handelnden Personen konnten nicht anders, sie waren noch zu sehr im Alten verhaftet. Sie konnten einfach nicht umdenken, denen ist das ja zum Teil auch aufgezwungen worden.“ Berechtigen Anlass zur Klage sieht der Keitumer jedoch nicht: „In der Gemeinde Sylt läuft es doch gut! Die Westerländer hätten ohne Fusion nie eine neue Feuerwache gekriegt, weil sie das Land dafür nicht hatten. Die Wache ist ja auf Sylt-Oster Land entstanden. Die haben zehn Jahre nach einem Platz gesucht, die hätten auch in 100 Jahren keinen gefunden, wäre die Fusion nicht gekommen. Das wollen nur alle nicht wahrhaben! Es gibt einfach Dinge, die gut laufen – die sind nur nicht populär und es kommt immer wieder zu Stänkereien.“


OptimistischerBlick in die Zukunft

Es müsse unbedingt weitergehen mit der gesamtinsularen Fusion, sagt auch Edda Raspé. „Wir werden in der Zukunft noch so viele Probleme haben. Darauf müssen wir uns konzentrieren. Was soll aus dieser Insel werden? Soll das Wasser plötzlich nicht mehr da sein? Oder haben wir gar keinen Platz mehr? Wir müssen uns daran machen, das selbst zu planen und nicht nur Investoren hinterher zu rennen.“

Es werde sicher ein langer Weg sein, bis auch die anderen Gemeinden mitziehen, schätzt Erik Kennel die Lage ein. „Ob es nur zehn Jahre sind, weiß ich nicht. Ich hoffe aber nicht, dass es wieder 40 Jahre dauern wird. Der Wille zur gesamtinsularen Fusion muss allerdings von den Bürgern kommen. Die Politik und auch die Verwaltung sind dazu nicht in der Lage. Es muss eine neue Bürgerbewegung geben, da müssen sich jüngere Leute für begeistern.“

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