zur Navigation springen

Kolumne Strandgut : Vom Zeitpunkt, ein Sylter zu werden

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

In ihrer Kolumne setzt sich unsere Redakteurin mit der Frage auseinander, wer sich eigentlich Sylter nennen darf.

Ich habe etwas zu feiern: Ich lebe am heutigen Sonnabend seit genau 900 Tagen auf der Insel. Das sind zwei Jahre, fünf Monate, zwei Wochen und drei Tage. Eine lange Zeit ist das sicherlich nicht, für mich aber genug, um die Insel mein Zuhause nennen zu können. Ich kenne mich hier aus, habe schwere Stürme erlebt, fahre Abkürzungen, um im Sommer die Blechlawinen zu umgehen und genieße die Ruhe der Winter auf der Insel.

 

Ich weiß natürlich, dass ich nach der reinen Lehre niemals Sylterin werden kann. Danach ist man, so hörte ich, erst Insulaner, wenn mindestens der Urgroßvater schon hier lebte, Onkel Boy Walfänger war und mehr Sölring in der Familie gesprochen wird als Deutsch. Das kann ich alles nicht vorweisen. Mein Urgroßvater lebte im Banat, mein Onkel Jochen fängt maximal Nacktschnecken in seinem Garten und ich wurde mit einem badisch schwätzenden Vater in Berlin groß. Keine guten Voraussetzungen, um mich „Sylterin“ nennen zu können. Aber ist dafür die Vergangenheit überhaupt so wichtig? Und reicht es nicht, dass ich mich hier wohl und vollkommen aufgenommen fühle? Ist es nicht ein Kompliment für die Insel, wenn Zugezogene Sylter sein möchten?

 

Mir fällt es leicht zu sagen, dass ich mich als Sylterin sehe. Wahrscheinlich wesentlich leichter, als es zur Zeit den etwa 160 Flüchtlingen fällt, die sich hier integrieren und ebenfalls einfach wohl fühlen möchten. Deren Urgroßväter im Osmanischen Reich lebten, deren Onkel in Gefangenschaft sind und deren Väter im Krieg umgebracht wurden. Schicksale, wie sie auch die drei Männer in der Fernseh-Sendung erlebten, die gestern Abend im NDR lief. Übrigens mein absoluter TV-Höhepunkt in dieser Woche (kann in der Mediathek angesehen werden). Wenn dort der junge Afghane Salih Shekhan am Ende der Sendung am Weststrand steht und von seiner Hoffnung spricht, irgendwann auf der Insel eine Familie zu gründen und einmal sagen zu können „Ich bin ein Sylter“ , dann denke ich: Was für ein schönes Kompliment für diese Insel.

 

 

 

zur Startseite

von
erstellt am 31.Okt.2015 | 05:04 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert