Exklusive Serie „12 Stunden, 12 Orte“ : Vom Strand zum Watt nur ein Katzensprung

Ein mächtiger Kran thront über einer Baustelle – das nächste Rantumer Wohnhaus ist bald fertig.
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Ein mächtiger Kran thront über einer Baustelle – das nächste Rantumer Wohnhaus ist bald fertig.

In einer exklusiven Serie für die Sylter Rundschau reist unser Autor in zwölf Stunden über die Insel / Teil 2: Um 9 Uhr in Rantum

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26. August 2018, 11:49 Uhr

Ein einsamer Jogger mit leuchtend gelber Jacke läuft am Rantumer Ortsrand Richtung Süden in die Dünen hinein und verschwindet bald hinter den Hügeln. Auf dem Parkplatz vor dem Ortsschild lädt ein Lastwagenfahrer einen Container ab. Eine Gruppe von Kindern mit Fahrrädern macht kurz halt – bald fahren die Buben und Mädchen weiter in Richtung Hörnum. An diesem Morgen gegen 9 Uhr ist noch nicht viel los in Rantum, jener Siedlung, die auf den ersten Blick nur aus einer einzigen, schier endlosen Durchgangsstraße zu bestehen scheint, was freilich nicht stimmt.

Wer von Süden kommend nach Rantum hineinfährt, der sieht rechts Reetdachhäuser und links Reetdachhäuser. Viele sind neu gebaut und werden an Touristen vermietet. Ein mächtiger Kran thront über einer Baustelle – das nächste Wohnhaus ist bald fertig. Bei so viel Reetdächern könnte man auf die Idee kommen: Rantum wollte das zweite Kampen werden.

Rantum ist aber nicht Kampen. Darauf legen Gäste wie jene 42-jährige Joggerin Wert, die eben von einem Morgenlauf zurück kommt und erzählt, weshalb sie und ihr Mann immer wieder in Rantum Urlaub machen. Hier sei die Insel so schmal wie sonst nirgends. „Ich liebe das Watt, mein Mann den Weststrand.“ Die Wege seien also kurz. Im übrigen gebe es im Ort „einen tollen Bäcker“ und ein gutes Lebensmittelgeschäft. Rantum sei schön ruhig, „nicht so rummelig“ wie die meisten anderen Inselorte.

Ein Ehepaar aus Hessen macht sich auf den Weg in Richtung Rantumer Becken. Die beiden sind erstmals auf Sylt, nur für diesen einen Tag. Sie haben Fernrohre im Gepäck, wollen Vögel beobachten. Vielleicht, vielleicht, sagt die Frau, sei ein Albatros zu sehen. Am verschlafenen Rantumer Hafen ist fast noch nichts los. Nur ein Mann ist schon da: Thorsten Voß, Bootsmotorenmechaniker aus Flensburg. Er habe einen Auftrag, solle eine Inspektion eines Segelboots machen. Der Mann vom Festland ist eben erst mit dem Autozug aus Niebüll auf der Insel angekommen, wenn der Job erledigt ist – vermutlich gegen Mittag – werde er Sylt sofort wieder verlassen. Die Ostsee, sagt er und grinst, sei nämlich viel schöner. Anders als am Watt „haben wir immer Wasser.“

Stippvisite in der Dorfmitte. Vor dem Lebensmittelgeschäft im Raanwai hält ein Lieferwagen, der Fahrer steigt aus, schleppt Backwaren in den Laden, erzählt, dass er in Westerland wohne – schon immer. Leider keine Zeit für ein Gespräch, sorry, aber „ich muss weiter“. Den kleinen Supermarkt von Thomas Nissen könnte man auch als eine Art Informationsbörse für Rantum bezeichnen. Hier treffen sich die Einwohner und die Gäste. Barbara Sauerlandt zum Beispiel kommt schon seit Jahrzehnten in das Geschäft, das Nissens Großeltern anno 1939 eröffnet haben. Wenn sie an Rantum denke, dann werde sie „ganz traurig“, sagt Frau Sauerlandt. Der Ort sei nicht mehr so kinderfreundlich wie früher, als sie jung war. Auch das Schickimicki missfalle ihr. Und überall diese Reetdachhäuser, die oft leer stünden, weil die Besitzer nicht auf der Insel wohnten. Früher, sagt die ältere Dame und schwelgt in Erinnerungen, gab es in Rantum noch eine Disco. Lange her.

Thomas Nissen kann die Kritik von Barbara Sauerlandt nachvollziehen – einerseits. „Aber ich treffe in Rantum auch viele glückliche Menschen.“ Wer die Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte nicht miterlebt habe, dem gefalle Rantum auch heute gut. Der große Vorteil des kleinen Orts: „Man ist ganz schnell in Westerland, auch mit dem Fahrrad, kann dem Trubel aber schnell wieder entfliehen, das ist doch schön.“

Sein Geschäft laufe während der Hauptsaison gut, im Winter indes sei es eine „Gefälligkeit“, dass der Laden nicht zeitweise komplett geschlossen werde. Eine Gefälligkeit für die Mitarbeiter und für die rund 500 Einwohner. Während der kalten Jahreszeit sei das Geschäft nur vormittags offen, Geld verdiene er dann trotzdem nicht.

Er lebe gerne in Rantum, „ich bin glücklich und zufrieden“, sagt der Geschäftsmann. Vermutlich auch deshalb, weil die beiden erwachsenen Kinder ebenfalls auf der Insel geblieben sind. Dieser Supersommer hat Thomas Nissen ganz besonders fröhlich gestimmt. Wenn das Wetter gut sei, dann laufe sein Geschäft nämlich noch besser. Die Menschen blieben bis zum Abend am Strand, anschließend wollten viele gar nicht mehr weg fahren – auch nicht in einen der Discounter in Tinnum. Sie wollten im gemieteten Appartement essen und kämen zu ihm zum Einkaufen.

In den Gassen in Rantum ist auch gegen 10 Uhr noch nicht sonderlich viel los. Ein einsamer Rennradfahrer sprintet auf der Hauptstraße in Richtung Westerland. Eine Frau führt ihren Hund aus. Ein paar Familien mit kleinen Kindern pilgern in Richtung Strand.


Nächste Folge: Um 10 Uhr in Alt-Westerland.

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