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Sylter Rundschau

17. Oktober 2017 | 08:17 Uhr

Vier Tage als Bundestagsabgeordneter

vom

Der Sylter Richard Jones (18) war einer von 312 Jugendlichen, die in die Rolle eines Bundestagsabgeordneten schlüpften / Ein Erlebnisbericht

shz.de von
erstellt am 01.Aug.2013 | 04:59 Uhr

Sylt/Berlin | Mein Name ist Konrad Dax. Ich bin ein 51-jähriger Verbandssekretär und Mitglied des Bundestages. Ich habe drei Töchter und interessiere mich insbesondere für Umweltpolitik. Zumindest für vier Tage. In Wirklichkeit heiße ich Richard Jones und bin ein 18-jähriger Schüler, der auf Sylt lebt und in Niebüll auf die Friedrich-Paulsen-Schule geht. Trotzdem trage ich einen Anzug und bin auf dem Weg zum Bundestag. Als Teilnehmer des Planspiels "Jugend und Parlament" stehen mir vier spannende Tage bevor. Ich werde als Konrad Dax hautnah erfahren, was es heißt, "Politiker" zu sein.

Da Kontaktscheue einem Politiker nicht steht, treffe ich mich mit anderen Mitgliedern schon am Bahnhof - alle sind gut erkennbar anhand des Anzuges und dem (noch) nicht sonderlich dazu passenden Alter. Auf der Zugfahrt werden erste Kontakte geknüpft und, wie soll es auch anders sein, wird viel über Politik diskutiert. Angekommen beim Bundestag, wird jedem von uns zuerst die Partei genannt, in die man hineingelost wurde. Als CDUler im echtem Leben fällt mir die Identifikation mit der CVP (Christliche Volkspartei im Planspiel) nicht schwer. Anders ergeht es manchen, die in der Realität der Linken angehören, nun jedoch plötzlich für die wirtschaftsliberale Politik der LRP (Liberale Reformpartei) argumentieren müssen - ein sicherlich sehr interessantes Gedankenexperiment.

Die vier Tage unterschieden sich nicht wesentlich von denen eines echten Abgeordneten. Geprägt von Fraktionssitzungen, Ausschusssitzungen, Diskussionen, Abstimmungen, Plenardebatten und viel Kaffee verschwimmt langsam aber sicher die Grenze zwischen der gespielten Identität und der des wahren Ichs. Das aus meiner Sicht interessanteste Thema unter den vier Gesetzentwürfen, die zur Abstimmung kommen, ist die Frage, ob eine generelle Pflicht zum Wählen eingeführt werden soll. Die große Mehrheit entscheidet sich, wie auch ich, dagegen. Zeitaufwändige Ämter bleiben mir zum Glück erspart, so dass ich den Hinterbänkler aus Leidenschaft gebe und Zeit habe, Kontakte zu knüpfen.

Auf die Erde zurückgeholt wird man in der frei zur Verfügung stehenden Zeit, die ich vor allem nutze, um mit anderen Jugendlichen die Hauptstadt Berlin zu erkunden und mich mit anderen Jugendlichen auszutauschen - unabhängig vom eigenen politischen Lager. Austausch findet ebenfalls mit den Bundestagsabgeordneten und deren wissenschaftlichen Mitarbeitern statt, die sich freundlicherweise dazu bereit erklärt haben, ihren Alltag und ihre Arbeit zu erläutern und uns exklusive Eindrücke in die Welt der Politik vermitteln.

Am vierten Tag wird der fast schon gewohnte Gang vom Jugendhostel in den Bundestag mit einer gewissen Trauer beschritten - es ist der letzte Tag, an dem man seine Rolle als Bundestagsabgeordneter inne hat. Drüber hinweg tröstet eine interessante Podiumsdiskussion mit Polit-Promis wie Sahra Wagenknecht von der Linken sowie eine Rede von Bundestagspräsident Norbert Lammert. Ebenfalls wieder im Anzug trete ich die Heimreise an, verabschiede mich von Dutzenden neuen Bekannten und freue mich über eine unglaubliche Horizonterweiterung. Aber: Man sieht sich im Leben bekanntlich immer zwei Mal - das nächste Mal spätestens auf dem Nachtreffen der mittlerweile zusammengewachsenen Gemeinschaft "Jugend und Parlament". Bedanken möchte ich mich auch bei "meinem" Abgeordneten Ingbert Liebing, der mir die Chance auf dieses tolle Erlebnis ermöglicht hat, und bei seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Christopher Peter, der mir Einblicke in den Bundestag gewährte, die nicht nur die Funktionalität, sondern auch so manches Künstlerische und Erstaunliche umfassten.

Ich kann nur allen Jugendlichen raten, sich auch einmal auf dieses Experiment einzulassen - Politik ist mehr als die drei Minuten Redezeit im Plenum. Das wird durch eine riesige Gemeinschaft mit tollen Menschen mehr als deutlich. Bewerbt euch für das nächste Planspiel Jugend und Parlament, engagiert euch politisch, geht zur Wahl. Egal welche Partei, egal welche Art von Engagement in der Politik - erweitert euren Horizont und tragt euren Teil dazu bei, die Gesellschaft ein stückweit besser zu gestalten.

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