Sylter Geschichte : Verträumter Blick in die Ferne

Heckfigur aus Holz, 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts
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Heckfigur aus Holz, 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts

Jeden Monat präsentiert Alexander Römer, Museumsleiter der Söl’ring Foriining, ausgewählte Exponate. Heute ein besonderes Schmuckstück aus Holz

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22. August 2017, 05:11 Uhr

In einer Serie der Sylter Rundschau stellt Alexander Römer, Leiter der Museen der Söl’ring Foriining, jeden Monat einen Schatz aus dem Sylter Heimatmuseum oder aus dem Altfriesischen Haus vor. Die Objekte, die sich in der Sammlung befinden, sind sehr vielfältig, die damit verbundenen Geschichten und Informationen leider oftmals in Vergessenheit geraten. Objekt des Monats August ist ein besonderes Schmuckstück aus Holz: die Heckfigur eines Schiffes.

Jede Insel hat ihren Walfänger-Helden. Föhr den „glücklichen Matthias“ und wir den „Sylter Hahn“. Schon früh bildete sich um den Sylter Walfänger-Commandeur Lorens Petersen de Hahn (um 1668 bis 1747) eine bedeutende Legende. Für Sylt gilt de Hahn mit 169 gefangenen Walen schlechthin als der erfolgreichste Walfänger. Nicht zuletzt widmete Margarete Boie mit ihrem Roman „Der Sylter Hahn“ dem Walfangkommandeur eine Hommage.

Das Museumsobjekt des Monats August, das ein Schmuckstück aus Holz darstellt, ist Lorens de Hahn zuzuordnen. Dabei handelt es sich um die Heckfigur eines Schiffes. Woher die Figur wirklich stammt, bleibt jedoch letztlich Spekulation. Wurde diese am Sylter Strand vom Meer angespült oder befand sie sich als Verzierung an einem von de Hahns Walfängern, der „Di Stads Welvaart“? Überlieferungen, die dazu eine Aussage treffen, gibt es mehrere. Sicher ist allerdings, dass de Hahn die 63 Zentimeter große Figur später im Giebel seines Friesenhauses in Westerland anbrachte. In Holz und farblich gefasst ist eine im Profil stehende frauenhafte Figur zu sehen. Diese, im braunen Gewand bekleidet, lehnt an einer floralen Schnitzerei und blickt verträumt in die Ferne. Ein goldener Ring um den Oberkörper verleiht der Figur eine gesonderte Bedeutung.

C.P. Hansen erwähnt in seiner Chronik die Tinnumer Brüder Bunde und Tam Petersen, die 1642 mit die ersten Sylter Kommandeure auf Grönlandfahrten waren. Hansen zitiert Dankwerth, der um 1652 vermerkte, dass die 1750 Einwohner umfassende Insel sich von dem Walfischfang bereits gut ernähren konnte. Die bekanntesten Seefahrerfamilien waren zu dieser Zeit Teunis und Hahn. Lorens Petersen de Hahn stammt aus zuletzt genannter und war bereits mit elf Jahren auf den Weltmeeren unterwegs, wo er sich rund 60 Jahre wohlfühlte.

Mit der „Di Stads Welvaart“ steuerte de Hahn von 1703 bis 1735 28 seiner vielen Grönlandtouren. In den Niederschriften lässt sich lesen, dass nicht alle Jahre vom Erfolg gekrönt waren. In Ausnahmen kam es jedoch vor, dass nur ein bis zwei Wale überhaupt gefangen wurden. Der wilde und gefährliche Kampf mit den Walen rund um Grönland endete aber immer erfolgreich.

Im Jahr 1699 baute de Hahn mit seiner Frau Inge südlich von Westerland ein nordfriesisches Langhaus. Leider sind keine nennenswerten Quellen über den Bau des Hauses überliefert. Erschlossen ist der Bau durch die quer verlaufende Diele, die den Stallteil im Westen vom Wohnteil im Osten trennt. Mittig befindet sich der Eingang durch einen Spitzgiebel. Eben in diesem Giebel befand sich einst die geschnitzte Figur. Darüber lässt sich das Kürzel „LPH“ von Lorens Petersen de Hahn wiederfinden.

Aus der Ehe mit Inge gingen fünf Kinder hervor, wobei der erstgeborene Sohn Peter schon als Kind verstarb. Übrig blieben vier Töchter (Gondel, 1700-1771; Kressen, 1705-1775; Merret, 1709-1788 und Inken, 1713-1783). Die jüngste Tochter Inken heiratete den Kapitän und späteren Ratsherrn Bo Haulk Boen und war nach dem damaligen Erbrecht begünstigt, das Erbe ihrer Eltern anzutreten. Inken durfte daher mit ihrem Mann Bo Haulk das Elternhaus weiter bewohnen. Die Kürzel „BH / IB“ als Anker im Mauerwerk des Giebels verweisen darauf, dass das Ehepaar 1750 am Haus bauliche Veränderungen vornahm.

Heute lässt sich eine Rekonstruktion des erweiterten „Lorens-Petersen-de-Hahn“-Hauses im Freilichtmuseum Molfsee besichtigen. Allerdings nur begrenzt, weil wesentliche Teile, wie der Wohnteil, den Besuchern leider nur bedingt zugänglich sind. Die historische Heckfigur befindet sich in der ständigen Ausstellung im Sylter Heimatmuseum.

Walfang und Seefahrt. – Spannend und eng mit der Insel Sylt und dem Ort Keitum verbunden. Nicht nur, dass die Museen und der Ort von dieser Geschichte erzählen. Auch die Seefahrerkirche St. Severin bietet zahlreiche Zeugnisse aus dieser Zeit. Am 22. und 23. September laden daher die Söl’ring Foriining und die Kirchengemeinde St. Severin gemeinsam mit „Flexibles Flimmern“ zu einem Kinoabend der besonderen Art ein. Es gibt Einblicke in die Seefahrerabteilung des Museums, wir begeben uns auf die Suche nach den Orten, wo die Kapitäne, Seefahrer und Angehörige einst wohnten und testen das ein oder andere Seefahreressen und -getränk.

Den Höhepunkt bildet dann die abenteuerliche Verfilmung des Romans „Moby Dick“ von Herman Melville, der mit dem Kapitän Ahab die tragische Jagd auf den sonderbaren Pottwal erzählt. Der Kinofilm wird in den alten ehrwürdigen Kirchenmauern gezeigt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auch schon den religiösen Lorens Petersen de Hahn beherbergt haben. Im Geiste an einem Abend zusammen: die großen Walfänger Kapitän Ahab und Kapitän Lorens de Hahn.

Wer dabei sein möchte, sollte sich bitte verbindlich für den 22. oder 23. September anmelden unter der E-Mailadresse reservierungen@flexiblesflimmern.de. Die Karte für den gesamten Abend kostet zwölf Euro, Essen und Getränke exklusive. Der Abend beginnt um 17 Uhr im Sylter Heimatmuseum und endet gegen 22 Uhr in der Kirche St. Severin.

Sylter Heimatmuseum, Am Kliff 19, 25980 Sylt/Keitum. Öffnungszeiten: täglich 10–17 Uhr, Sonnabend, Sonn- & Feiertag 11–17 Uhr

Altfriesisches Haus, Am Kliff 13, 25980 Sylt/Keitum. Öffnungszeiten: täglich 10-17 Uhr, Sonnabend, Sonn- & Feiertag 11-17 Uhr


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