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Fossilien auf Sylt : Versteinerte Schätze am Flutsaum

vom
Aus der Redaktion der Sylter Rundschau

Gute Augen sind gefragt: Fossiliensammler können auf Sylt reiche Beute machen.

Die Kälte kriecht unaufhaltsam unter die Jacke, die Hände sind längst tief gerötet, und ein eisiger Westwind treibt die Tränen in die Augen. Es ist ein klammer Wintertag, keine Menschenseele zeigt sich weit und breit. Nur der monotone Anprall der Wellen auf den Strand sorgt für Bewegung, selbst den Vögeln scheint es heute zu frostig zu sein. Starr verharren zwei Möwen im Dünengras, an dem Raureif im matten Tageslicht glänzt.

Nein, dieses Wetter lockt wirklich nicht zum Spazierengehen, sondern viel eher an den wärmenden Kamin. Doch für die Sammler versteinerter Zeugen längst vergangener Zeiten lohnt jetzt, wo die Strände fast menschenleer sind, ein Ausflug umso mehr. Also hinein in die lange Unterhose, zwei paar Wollsocken schlüpfen in die hohen Gummistiefel, heißer Tee strömt in die Thermosflasche.

Am Strand ist die Ernte schon bestellt. Zahlreiche Steine und Muscheln säumen den Flutsaum. Wie in Zeitlupe dehnt sich nun jeder Schritt, angestrengt spähen die Augen hinab. Runde Steine, ovale Steine, kantige Steine. Weiße, rote, schwarze Steine. Alle paar Meter greift die Hand einen heraus, doch lässt ihn nach kurzer Augenscheinnahme wieder fallen. Gehen und bücken, gehen und bücken. Ein Dutzend Mal ums andere wiederholt sich das Procedere – Fossiliensammeln ist ein Ausdauersport.

Unstet huschen die Augen von einem Stein zum nächsten, getrieben von der Hoffnung, dass sich der Blick irgendwann verfängt. Dann endlich, eine Stunde ist längst vergangen, wird die Geduld belohnt. Ein prächtiger versteinerter Seeigel macht die Kälte vergessen.

Filigran ziehen sich fünf punktierte Streifen über den Stein, dort, wo einst die Stacheln saßen. An der Unterseite ist deutlich die Mundöffnung zu erkennen. Als dieser Seeigel noch lebte, beherrschten Dinosaurier die Erde. Über Millionen von Jahren hütete das Meer diesen kleinen Schatz. Nun haben ihn die Wellen ausgespuckt und dem glücklichen Finder zugespielt.

Fossilien sind Relikte einer fernen Zeit, die sich dann und wann einem Suchenden offenbaren. Damit es überhaupt zu einer Versteinerung kommen konnte, musste das betreffende Tier nach seinem Tod möglichst rasch von Sediment bedeckt werden, denn nur ein schneller Sauerstoffabschluss verhinderte die Verwesung der organischen Bestandteile. Diese wurden dann in einem langen Prozess durch Minerallösungen ersetzt. So sind Versteinerungen gleichsam ein Abbild des Lebewesens für die Ewigkeit.

Die Insel Sylt bietet Fossiliensammlern ein reiches Betätigungsfeld. Waren zu Anfang des vorigen Jahrhunderts auf Sylt etwa 150 verschiedene Fossilienarten bekannt, ist ihre Zahl mittlerweile auf über 700 geklettert.

Eine kleine geologische Sensation stellten versteinerte Schwammarten dar, die bis dato noch unbekannt waren und mit dem lateinischen Begriff „Syltispongia“ („Schwamm von Sylt“) benannt wurden. Auch Haifischzähne, Wirbel von Walen und Seehund, sogar der Backenzahn eines Ur-Zebras wurden schon entdeckt.

Solch exotische Funde sind freilich die Ausnahme. Der aufmerksame Sammler stößt entlang der Sylter Westküste hingegen auf versteinerte Seeigel, Muscheln und Schwämme, die aus dem Paläozän (das Zeitalter vor 65 bis 55 Millionen Jahren) und der Kreidezeit (vor 145 bis 65 Millionen Jahren) stammen.Steinreich kann man so im Laufe der Jahre werden – wie etwa der Westerländer Martin Lange, der seit bald 40 Jahren auf Sylt Fossilien sammelt.
Das morgendliche Fitnesstraining legte einst den Grundstein für das Hobby: Bevor Lange seinerzeit den Dienst als Rettungsschwimmer in Wenningstedt antrat, pflegte er am Flutsaum zu joggen. Und stolperte dabei eines Tages über einen merkwürdig gezeichneten Stein. „Ich hatte keine Ahnung, was ich da in den Händen hielt. Erst ein Bekannter klärte mich auf: Es war ein versteinerter Seeigel.“

Wer sich nach vielen Strandspaziergängen den Blick für Fossilien antrainiert hat, den lässt dieses Hobby nicht mehr los. Martin Lange weiß, warum: „Nicht das Besitzen, sondern das Finden macht die eigentliche Faszination aus.“

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