Kommunalwahl 2018 : Ursachenforschung am Tag danach

Voraussichtlich am 28. Juni findet im Westerländer Rathaussaal die konstituierende Sitzung der neuen Sylter Gemeindevertretung statt.
Voraussichtlich am 28. Juni findet im Westerländer Rathaussaal die konstituierende Sitzung der neuen Sylter Gemeindevertretung statt.

Geringe Wahlbeteiligung, neue Mehrheiten, enttäuschte Erwartungen, erfüllte Hoffnungen – Kommunalwahl liefert reichlich Diskussionsstoff

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08. Mai 2018, 04:12 Uhr

Erneutes Tief bei der Wahlbeteiligung, zumindest in der Gemeinde Sylt – dies war eines der meistdiskutierten Themen am Tag nach der Kommunalwahl. Mit minus fünf Prozentpunkten gegenüber 2013 beträgt der Anteil derer, die den Weg in eines der zwölf Wahllokale in Westerland, Rantum sowie im Inselosten gefunden haben, im Durchschnitt nur noch 42,6 Prozent. Interessant sind dabei aber auch die Extreme in den verschiedenen Ortsteilen: Schlusslicht mit 31,2 Prozent ist Sylt 10/Tinnum (Wahllokal Sylter Werkstätten), gefolgt von Sylt 5/Westerland (St. Nicolai-Schule) mit 32,6 Prozent – dagegen deutlich über dem Durchschnitt die Wahlbeteiligungen in Sylt 11 (Keitum, Munkmarsch und Archsum) mit 54,5 Prozent sowie Sylt 12 (Morsum) mit 54,4 Prozent.

„Ich bin ein bisschen enttäuscht über die Resonanz“, erklärte Bürgervorsteher Peter Schnittgard (CDU) gegenüber der Sylter Rundschau. „Angesichts der vielen interessanten Themen finde ich es schade, dass die Wahlbeteiligung nicht höher ausgefallen ist.“ Dennoch dankte Schnittgard, der für die CDU im Wahlbezirk 1 (Schulzentrum Sylt) 41,9 Prozent erreichte und damit wieder direkt in die Gemeindevertretung einziehen wird, „denjenigen Bürgern, die zur Wahl gegangen sind und uns oder andere gewählt haben.“ Die konstituierende Sitzung der Sylter Gemeindevertretung sei nach aktuellem Stand für Donnerstag, 28. Juni, geplant. Er freue sich auf eine „bunte Mischung“ von alten und neuen Gemeindevertretern. „Ich bin guter Hoffnung, dass das neue Parlament nicht nur durch seine Parteien, sondern auch durch seine Personen neue Motivation und neuen Mut bekommt“, so Schnittgard.

Stärkste Partei in der Sylter Gemeindevertretung ist, wie in den vergangenen fünf Jahren, die CDU. Elf Sitze gehen an die Christdemokraten, allesamt durch Direktmandate. Nur John Bourne unterlag mit 1,1 Prozent knapp seinem SPD-Konkurrenten Eberhard Eberle und ist nicht mehr Gemeindevertreter. Mit 38,1 Prozent musste die CDU zwar einen leichten Verlust von 0,6 Prozent gegenüber 2013 hinnehmen, erhielt jedoch diesmal fast so viele Stimmen wie zusammen gerechnet die drei ihr folgenden Parteien.

Carsten Kerkamm interpretiert dieses Votum als klare Aufgabenstellung: „Ohne die CDU ist es künftig fast unmöglich, die Gemeinde Sylt zu regieren“, so der Spitzenkandidat. „Weil wir jetzt mit noch größerem Abstand die stärkste Kraft sind.“

Auf jeweils vier Stühlen im Rathaussaal werden künftig Politiker der SWG, der SPD sowie von Bündnis 90/Grüne sitzen. Für die Ökopartei ist das ein unerwartet großer Erfolg, konnte sie ihren Stimmenanteil doch um fast fünf Punkte auf 13 Prozent steigern. 2013 lagen die Sylter Grünen drei Sitzen noch auf dem vierten Rang.

Spitzenkandidatin Maria Andresen sieht mehrere Ursachen für das „sehr gute Ergebnis“. Erstens habe mit Sicherheit der Landes- und auch der Bundestrend eine wichtige Rolle gespielt. „Aber ebenso unsere beständige Arbeit hier vor Ort auf der Insel Sylt“, so Andresen. „Und als Drittes bieten wir Grünen eine garantierte Frauenquote, die für Männer wie Frauen eine Selbstverständlichkeit ist.“

Enttäuscht über ihr jeweiliges Abschneiden äußern sich dagegen die Sozialdemokraten und die Sylter Wählergemeinschaft (SWG). „Wir sind natürlich nicht begeistert – weder über unser Ergebnis in der Gemeinde Sylt, noch über das in List“, sagte Gerd Nielsen (SPD). Es sei zwar kein Debakel, aber auch nicht das, was die Inselgenossen sich vorgestellt hätten. Als „geradezu schockierend“ erachtet es der SPD-Spitzenkandidat, „dass man mit Populismus, mit Nichtstun offensichtlich sehr erfolgreich sein kann.“ Und auf die eigene Partei bezogen erklärt Nielsen: „Wir haben unsere Wähler mit unserer Klarheit und unserer Offenheit augenscheinlich nicht überzeugen können.“

SWG-Spitzenkandidat Mario Pennino gibt unumwunden zu, er habe mit dem schlechten Ergebnis von nur noch 13,8 Prozent gegenüber 20,5 Prozent vor fünf Jahren gerechnet. „Natürlich haben wir uns deutlich mehr gewünscht und auch erhofft“, so Pennino. Aber ihm sei stets bewusst gewesen, dass es in der Gemeinde Sylt ein Potenzial von mehr oder weniger 25 Prozent für Wählergemeinschaften gäbe. Durch „Die Insulaner“ und durch „Zukunft. Sylt“ habe sich diese Menge an Stimmen jetzt neu verteilt. Ein weitere Ursache für den Rückgang sieht der SWG-Politiker in der geringen Wahlbeteiligung am Sonntag: „So etwas kommt im Endeffekt immer nur der CDU zugute.“

Lasse Lorenzen, designierter Parteivorsitzender von „Zukunft. Sylt“ ist mit dem Abschneiden seiner neuen Partei hochzufrieden: „Im Namen von Zukunft. Sylt sage ich herzlichen Dank für das Vertrauen. 8,1 Prozent aus dem Stand sind ein super Start und Rückenwind für unser junges Zukunftsteam. Wir haben als Partei Zukunft. Sylt im Wahlkampf unsere Positionen deutlich vertreten“, heißt es in einer ersten Stellungnahme zum Wahlausgang. „Nun gehen wir demütig daran, für diese Zukunftsthemen Mehrheiten zu finden und Kompromisse auszuloten. Jetzt beginnt die politische Zusammenarbeit. Für die Menschen und für die Zukunft von Sylt.“

Mit 5,7 Prozent rangieren „Die Insulaner“ zwar an letzter Stelle, haben es aber geschafft, mit zwei Gemeindevertretern Fraktionsstatus zu erlangen. Mit einem „tollen Team aufrichtiger Insulaner“ sollen sowohl in der Gemeindevertretung als auch in den Ausschüssen „Impulse gesetzt werden, um das Leben auf dieser Insel für alle lebenswert zu gestalten.“ Als bitter bewerten die Insulaner die „unterirdische Wahlbeteiligung“, besonders in der Gemeinde Sylt. „Es bedarf auf jeden Fall einer genauen und harten Analyse, warum so wenige Bürger zur Wahl gingen“, heißt es in einer Presseerklärung. Es wäre allerdings zu bequem, dies nur auf die vielen auf Sylt gemeldeten „Bewohner mit Erstwohnsitz, die aber tatsächlich gar nicht hier leben“, zu schieben.


Positives Fazit in Wenningstedt-Braderup

„Wir haben ein tolles Ergebnis erzielt“, zieht Katrin Fifeik (Aktive Bürger Wenningstedt) ein Resümee der Kommunalwahl. Mit 378 Stimmen fühle sie sich „persönlich geehrt“, sagte die Bürgermeisterin von Wenningstedt-Braderup. Jeder der sieben Direktkandidaten der Aktiven Bürger habe mehr Stimmen auf sich vereinigt als die Kandidaten der beiden anderen Wählergemeinschaften. „Das ist eine große Anerkennung dessen, was wir in den letzten zehn Jahren gemacht haben.“ Katrin Fifeik bedauerte allerdings, dass die Wahlbeteiligung von knapp 60 Prozent bei der Kommunalwahl 2013 auf knapp 50 Prozent gesunken sei.

Die Wenningstedter Bürgermeisterin freute sich auch über das gute Abschneiden der anderen drei Bürgermeister der amtsangehörigen Gemeinden. „Wir haben im Amt wunderbar zusammengearbeitet und können das jetzt fortsetzen.“ Die konstituierende Sitzung in Wenningstedt sei für den 18. Juni angesetzt.

Zufrieden zeigt sich auch Spitzenkandidatin Verena Fitschen vom Bündnis Wenningstedt-Braderup. „Wir haben relativ spät angefangen, uns aufzustellen. Trotzdem haben wir uns gut geschlagen.“

„Das Ergebnis hat unsere Erwartungen deutlich übertroffen und wir freuen uns sehr über das damit verbundene Vertrauen“, erklärt Max Holst von „Zukunft. Wenningstedt-Braderup“. „Es liegt uns am Herzen deutlich zu machen, dass man etwas bewegen kann, wenn man es möchte. Es wäre schön, wenn wir damit zukünftig zu einer größeren Wahlbeteiligung beitragen und das Desinteresse und die Resignation der Mehrheit der Wahlberechtigten überwinden könnten.“


Kampen: „Weitermachen wie bisher“

In Kampen gibt es zwar nur eine Wählergemeinschaft, doch Bürgermeisterin Steffi Böhm wertet die „super Wahlbeteiligung“ von knapp 53 Prozent – zwei Prozentpunkte mehr als 2013 – als Bestätigung des Kampener Kommunalparlaments. Für Steffi Böhm ein eindeutiger Auftrag, „so weiterzumachen wie bisher.“ Die Kampener Gemeindevertretung wird voraussichtlich am 20. Juni zu ihrer ersten Sitzung zusammenkommen. Gleichzeitig freute sich Steffi Böhm über das gute Abschneiden der anderen beiden Bürgermeister der Norddörfer, Ronald Benck (List) und Katrin Fifeik (Wenningstedt-Braderup): „Damit können wir unsere gute Zusammenarbeit fortsetzen.“


In List bleibt alles beim Alten

6,6 Prozent mehr als 2013 – die CDU von Bürgermeister Ronald Benck steht in List gut da und verfügt mit sieben Sitzen nun sogar über die absolute Mehrheit. „So einen Erfolg hatten wir lange nicht – das freut mich extrem.“ In List werde alles beim Alten bleiben, die CDU wolle die gute, harmonische Zusammenarbeit mit der FWG und den anderen Parteien fortsetzen. Die neue Lister Gemeindevertretung kommt am 12. Juni zu ihrer ersten Sitzung zusammen. Ronald Benck freute sich besonders, dass seine Gemeinde nicht mehr die rote Laterne für die geringste Wahlbeteiligung auf der Insel hat. Vor fünf Jahren gingen nur 43,2 Prozent an die Wahlurne, diesmal waren es 48,5 Prozent.


Zwei Gewinner in der Gemeinde Hörnum

Ein gutes Ergebnis für seine AWGH und eine Rekord-Wahlbeteiligung von 63,6 Prozent – der Hörnumer Bürgermeister Rolf Speth ist mit dem Ergebnis der Kommunalwahl zufrieden. „Wir haben unseren Stand gehalten.“ Dass die AWGH einen Sitz an die CDU-Opposition abgeben muss, sei nicht entscheidend. „Die Mehrheit bleibt bei uns.“ Am 21. Juni findet die konstituierende Sitzung statt. Zudem gehe er davon aus, dass alle Bürgermeister der amtsangehörigen Gemeinden zur Wiederwahl antreten – „Was will man mehr?“

„Der Wechsel ist uns leider nicht gelungen“, gestand die CDU-Spitzenkandidatin Inken Kessenich-Neubauer ein. Doch die CDU habe um sieben Prozentpunkte zulegen können – damit sei sie sehr zufrieden. Den zusätzlichen CDU-Sitz in der Gemeindevertretung wird Annika Kirchberg einnehmen. Die Mehrheitsverhältnisse hätten sich deutlich verändert –„damit lässt sich einiges machen.“

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